Benedikt Feiten: "Leiden Centraal"

Die Wut der Ausgebeuteten

05:52 Minuten
Buchcover zu "Leiden Centraal"
© Voland & Quist

Benedikt Feiten

Leiden CentraalVoland & Quist, Berlin 2022

320 Seiten

24 Euro

Von Anne Kohlick · 17.02.2022
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IT-Ermittlerin Valerie Stetter ist einer dubiosen Leiharbeitsfirma auf der Spur, die Menschen aus Osteuropa nach Deutschland lockt. Benedikt Feiten hat einen Roman über Ausbeutung geschrieben: stilsicher, spannend und hochpolitisch.
Auf den ersten Blick erfüllt dieses Buch die Checkliste für einen Standard-Krimi: Mit einer Leiche geht es los. Da ist ein Krimineller und eine Ermittlerin, die es sich zu ihrer persönlichen Aufgabe macht, diesen Mann ins Gefängnis zu bringen - und dafür selbst beginnt, Regeln zu brechen.
Aber Benedikt Feitens Roman "Leiden Centraal" hat mehr zu bieten als Spannung. Bestechend schöne Beschreibungen und differenzierte Charaktere machen dieses Buch aus. Und erschreckend realistische Einblicke - in ein System der Ausbeutung von Arbeitskräften aus Osteuropa, von dem deutsche Baufirmen, Pflegeheime und Schlachthöfe im großen Stil profitieren.

Zwei Frauen werden Verbündete

In den Mittelpunkt seines dritten Romans stellt der Münchner Autor zwei Frauen, die mit der Zeit Verbündete werden, obwohl sie anfangs auf entgegengesetzten Seiten stehen: Polizistin Valerie Stetter und Cristina Mitu, die für eine zwielichtige Leiharbeitsfirma tätig ist.
Als IT-Expertin ist Valerie bei der Münchner Polizei zuständig für digitale Spurensicherung. Das Geräusch in Leichensäcken klingelnder Handys verfolgt sie in den Schlaf, genau wie die Bilder und Mails von Verdächtigen, die sie von gelöschten Festplatten rekonstruiert.
Innere Ruhe findet Valerie hingegen beim Programmieren, in der Klarheit von Nullen und Einsen. Bis ihr bei Ermittlungen gegen Cristinas Chef ein entscheidender Fehler unterläuft.

Auf der Suche nach der verschwundenen Schwester

Auch Cristina ist auf Spurensuche - nach ihrer verschwundenen Schwester Loredana. Eine Leiharbeitsfirma hat sie vor Jahren aus der rumänischen Heimatstadt nach Deutschland gelockt. Seitdem ist Loredanas Handynummer tot, der Kontakt abgebrochen.
Um ihre Schwester wiederzufinden, hat sich Cristina von denselben Leuten anwerben lassen und ist aus Rumänien nach München gekommen. Mittlerweile ist sie in der Hierarchie der Leiharbeitsfirma aufgestiegen, überwacht Subunternehmer und profitiert selbst von der Ausbeutung.
Aus Cristinas Perspektive erfahren wir, wie Mittelsmänner die Pässe der Arbeitswilligen aus Osteuropa einkassieren, sie in überteuerte Unterkünfte stecken, ihre Unwissenheit ausnutzen, um ihnen Mindestlohn und Urlaub vorzuenthalten. Gehaltszahlungen bleiben aus, Überstunden türmen sich, Arbeitsschutz und Krankenversicherung fehlen - und irgendwann explodiert bei einem Subunternehmer nicht nur die Wut der Ausgebeuteten.

Sozialkritischer Roman von kantiger Schönheit

Man spürt beim Lesen, wie intensiv Benedikt Feiten für dieses Buch recherchiert hat - sowohl zu IT-Forensik als auch zur Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte. Schon 1906 beschrieb Upton Sinclair in seinem sozialkritischen Roman “Der Dschungel” ähnliche Zustände in Chicagoer Schlachthöfen: miserable Hygienestandards, Arbeitsunfälle. Auch damals waren Arbeiter aus Osteuropa die Leidtragenden. An den Grundsätzen dieses menschenverachtenden Wirtschaftssystems scheint sich bis heute wenig verändert zu haben.
Davon erzählt Benedikt Feiten in einer klaren Sprache, mit Sätzen von kantiger Schönheit. Auf ihrer Zugfahrt zum titelgebenden Bahnhof “Leiden Centraal” sieht Valerie “trübe Ziegelbauten, blasse Schilder an Lagerhallen und alle paar Sekunden ein Stahlträger, der das Bild hart zerschneidet, wie ein Blinzeln.”
Eine Reise zu einem Showdown, der viele Fragen offen lässt. Werden am Ende genug digitale Spuren bleiben, damit Valerie das System der Ausbeutung gerichtsfest aufdecken kann?
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