Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy

"Nur Transparenz reicht nicht"

78:54 Minuten
Bénédicte Savoy trägt einen blauen Blazer und schaut freundlich in die Kamera.
Fordert "radikale Transparenz": die Kunstkistorikerin Bénédicte Savoy. © picture alliance / Thilo Rückeis TSP
Moderation: Susanne Führer · 06.06.2022
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Ihre Arbeit als Kunsthistorikerin bestehe darin, „unbequeme Fakten sichtbar zu machen“, sagt Bénédicte Savoy. Nachdem viele Museen versäumten, die Herkunft ihrer Objekte aufzuarbeiten, seien nun „die Olympischen Spiele der Restitution“ eingeläutet.
Man könne sie eine Kunsthistorikerin nennen, sagt Bénédicte Savoy, und zweifelsohne ist sie eine der renommiertesten Vertreterinnen ihres Fachs. Man könne ihre Arbeit aber auch beschreiben als „Suche nach historisch belegten Fakten über Themen, über die man nicht gerne spricht“.
Denn die französische Berlinerin ist eine vehemente Stimme, wenn es um die Rückgabe geraubter Kunst aus ehemaligen europäischen Kolonien geht - und diese Stimme wollen nicht alle Museen gern hören. Insbesondere jene nicht, die sich ungern mit den Umständen beschäftigen, unter denen ihre Sammlungsobjekte ihren Weg nach Europa gefunden haben.

„Ich mache meine Arbeit“

Mit ihrer Forderung, die Herkunft dieser Artefakte transparent zu machen, und der Empfehlung, gestohlene Kunst in die Ursprungsländer zurückzugeben, ist sie nicht nur Institutionen und Museumsdirektoren auf die Füße getreten. Es hat der Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin auch den Vorwurf des Aktivismus eingebracht.

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Sie selbst spricht dagegen gern vom „Faktivismus“: „Ich mache meine Arbeit, nämlich unbequeme Fakten sichtbar zu machen.“ Dazu gehört auch, die „massive Akkumulation“ afrikanischer Kunst in europäischen Museen zu benennen.

Bleierne Schwere über dem Humboldtforum

Auch im Expertenbeirat des Humboldt Forums, in das sie von der damaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters berufen wurde, scheint das nicht nur auf offene Ohren gestoßen zu sein. 2017 verließ Bénédicte Savoy „aus Frust“ das Gremium, attestierte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz „totale Sklerose“ und verglich das geplante Museum im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss mit Tschernobyl, da es wie der Unglücksreaktor von einer bleiernen Glocke überdeckt sei.
Ihre Worte bereut die Kunsthistorikerin bis heute nicht. Sie seien das Ergebnis „eines langen Prozesses“ gewesen, in dessen Verlauf ihre Bedenken und Einwände, dass ein solches Museum sich um Transparenz bemühen müsse, wiederholt „abschätzig weggebügelt“ worden seien.

Zweifel an der radikalen Transparenz

Mittlerweile ist das Humboldtforum eröffnet und es scheint, als habe man versucht, einige von Bénédicte Savoys Einwänden doch noch zu beherzigen. Trotzdem beschreibt sie ihren ersten Besuch im Museum als „eine sehr seltsame Erfahrung“, die sie schockiert zurückgelassen habe.
Zwar seien im Raum „Kolonie Kamerun“ die Umstände, unter denen die Objekte ihren Weg nach Europa gefunden hätten, an den Ausstellungsstücken vermerkt. Doch plötzlich sei sie sich nicht mehr sicher gewesen, „dass radikale Transparenz für die Sammlungen richtig ist“.
„Beim ersten Ding, was ich sehe, heißt es, dass der Hauptmann Soundso es aus der Asche eines Palastes, den er selbst niedergebrannt hat, mitgenommen habe. Das nächste sind die Reste von einem Dorf, von einem Hauptmann Soundso niedergebrannt“. Am Ende ihres Rundgangs habe sie gedacht: „Das ist ein Denkmal für die durch die deutschen Kolonialtruppen verbrannten Dörfer.“
In diesem Fall führe die radikale Transparenz „zum Tod der Objekte“, die nur noch Zeugen einer Geschichte von Gewalt und Zerstörung seien. Wenn so deutlich wie hier werde, dass die Ausstellungsstücke mit Hilfe von „Brandschatzung, Plünderung und Gemetzel“ am Ende ins Humboldtforum gelangt seien, müsse das eine Konsequenz haben. „Nur Transparenz reicht nicht.“
Einer ihrer Kollegen habe einmal gesagt, Tradition sei nicht die Weitergabe der Asche, sondern des Feuers. Im Humboldtforum, findet Bénédicte Savoy, sehe man dagegen „die Weitergabe der Asche“. „Für mich ist das, was wir da sehen, das Ende des Museums.“

Wettkampf der Restitution

Was die Rückgabe von Kunstschätzen in ihre Heimatländer bedeuten kann, hat die 50-Jährige erlebt, als Frankreich eine Reihe von großen Figuren an Benin zurückgab, die 1892 bei einer Plünderung erbeutet und nach Paris gebracht worden waren. Das sei „ein unfassbarer Tag“ gewesen, den sie von der Bedeutung und Menschenansammlung mit dem Fall der Berliner Mauer vergleicht. Die anschließende Ausstellung der Objekte hätten 175.000 Menschen gesehen.
Doch nicht nur Frankreich versucht, sich der eigenen Kolonialvergangenheit zu stellen. Deutschland hat zuletzt zahlreiche Kunstgegenstände an Namibia zurückgegeben, Bronzen an Nigeria sollen folgen. Auch ehemalige Kolonialmächte wie Belgien und die Niederlande bemühen sich, den schon lange gestellten Forderungen afrikanischer Länder endlich Gehör zu schenken. Beinah könnte man meinen, die „Olympischen Spiele der Restitution“ seien angebrochen.

Die Sackgasse als Forschungsgegenstand

Auch wenn Bénédicte Savoy heute von höchster Stelle als Expertin gefragt ist und etwa für Emanuel Macrons Regierung einen Restitutionsbericht verfasste, arbeitet sie oft im Verborgenen. Auch in Berlin, wo die gebürtige Pariserin seit beinah dreißig Jahren lebt und zwei Kinder großgezogen hat, gräbt sie sich durch die Archive und fördert aus diesem „Gedächtnis unserer Gesellschaft“ immer wieder erstaunliche Entdeckungen zu Tage. Nicht zuletzt dafür bekam die vielfach ausgezeichnete Kunsthistorikerin 2016 den Leibniz-Preis verliehen.
Man könne in ihrem Bereich allerdings „auch sehr gut scheitern“, es gebe „viele Sackgassen“. Vielleicht sei das auch ihr neues Rechercheprojekt: sich mit den Sackgassen in der Forschung zu befassen.
(era)
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