bell hooks: "Alles über Liebe"

    Mit Liebe die Gesellschaft verändern

    04:51 Minuten
    Cover des Buchs "Alles über Liebe – Neue Sichtweisen" von bell hooks.
    Aktuelle Überlegungen zu einer "Ethik der Liebe": "Alles über Liebe – Neue Sichtweisen" von bell hooks. © Deutschlandradio / Harper Collins
    Von Ramona Westhof · 22.07.2021
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    Gut 20 Jahre nach dem Original erscheint bell hooks' Buch "All about love" nun auf Deutsch. Die US-amerikanische Feministin beschreibt darin die "transformative Kraft" der Liebe. Trotz mancher Altersspuren: Ihre Gesellschaftsvision bleibt aktuell.
    Bell hooks geht es in "Alles über Liebe" nicht – oder nicht nur – um romantische Liebe. Vielmehr beschreibt Liebe für sie ein generelles Wohlwollen anderen Menschen und sich selbst gegenüber, und ebenso die Fähigkeit und Bereitschaft, aneinander zu wachsen. Zudem sieht sie Liebe auch als einen wichtigen Antrieb in politischen Kämpfen.

    "Echte Liebe" gibt es nur ohne Dominanz

    Als Ursache dafür, dass unsere Gesellschaft bisher noch nicht auf Liebe basiere, führt sie eine Reihe von Gründen an: Viele von uns hätten etwa als Kinder nie gelernt, was Liebe bedeute. Viele Familien, so hooks, seien dysfunktional. Sie schreibt über eigene Gewalterfahrungen in ihrer Jugend.
    Aber auch ohne Gewalt: In vielen Familien erführen Kinder zwar Fürsorge, aber keine Liebe, für die darüber hinaus auch "Hingabe, Vertrauen, Wissen, Verantwortung und Respekt" nötig seien. Als Erwachsene lebten diese Kinder dann häufig in Beziehungen, in denen es zwar Anziehung, aber wieder keine echte Liebe gebe. "Echte" Liebe zu lernen, sei ein schwieriger und langer Prozess.
    Und auch das Patriarchat und andere Machtstrukturen macht bell hooks für das Fehlen der Liebe mitverantwortlich. Wo es Dominanz gebe, könne keine Liebe sein. Die heteronormative Kleinfamilie etwa, in der der Vater Macht über die Mutter ausübe, die wiederum Macht über die Kinder ausübe, erschwere ein liebevolles Familienleben.

    Manches mutet heute esoterisch an

    Die Zahl der Familien, die Interesse an einem demokratischen – und nach hooks demnach liebevolleren – Zusammenleben haben, dürfte in den letzten 20 Jahren allerdings gestiegen sein. Und auch an anderen Stellen macht sich das Alter des Textes bemerkbar. So beschreibt hooks in einer ihrer vielen anschaulichen Anekdoten, wie auf einer Party alle Anwesenden über 30 Gewalt in der Erziehung rechtfertigten. Schockierend auf den ersten Blick – bis man bedenkt, dass diese Menschen heute schon über 50 sind und die meisten heutigen Eltern sicherlich anderer Ansicht sind.
    Das Buch wirkt aus heutiger Sicht außerdem ein wenig esoterisch, auch abgesehen von seinem Fokus auf "Liebe", den man heut sicherlich nicht mehr so wählen würde. Hooks schreibt viel über ihre eigene Spiritualität, beschreibt, wie sie als Kind in der Kirche zum ersten Mal von bedingungsloser Liebe hörte, spricht von Buddhismus, widmet Engeln ein ganzes Kapitel. Aber: Sie betont auch immer wieder, dass die Spiritualität nicht mit einer organisierten Religion verbunden sein müsse und nennt als Beispiel für "ihre Engel" ihre Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren.

    Ihre Liebesethik bleibt aktuell

    Aber: Vor allem bell hooks' Überlegungen zu einer "Ethik der Liebe", egal ob am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der gesamten Gesellschaft, bleiben aktuell. Hooks fordert, dass wir alle solidarisch miteinander umgehen, verzeihen lernen, das Gemeinwohl anderen Belangen voranstellen. An diesem Punkt sind wir auch 20 Jahre später noch nicht angekommen. Dafür müsste sich die Gesellschaft radikal verändern. Und vielleicht hilft dabei die transformative Kraft der Liebe.

    bell hooks: "Alles über Liebe – Neue Sichtweisen"
    Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
    Harper Collins, Hamburg 2021
    303 Seiten, 20 Euro

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