Staatsbegräbnis der Queen

Jede Geste ist ein Symbol

07:06 Minuten
Uniformierte Männer und Frauen in schwarzer Trauerkleidung umstehen auf eine, rotem Podest einen Sarg, der mit einer Flagge, Blumen und einem goldenen Kreuz geschmückt ist.
Totenwache in der Westminster Hall: Die Prinzen William und Harry (in Uniform) und weitere Enkelinnen und Enkel von Queen Elizabeth II. erweisen der verstorbenen Königin die letzte Ehre. © picture alliance / AP / Aaron Chown
Dirk Pörschmann im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 19.09.2022
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Der Staatsakt steht beim Abschied von Queen Elizabeth im Vordergrund, so der Kunsthistoriker Dirk Pörschmann. Trotz Pomp zeige sich dabei etwas, das unserer Bestattungskultur abhandenkomme: Wertschätzung für ein gelebtes Leben.
Uniformen, Salutschüsse, Staatsgäste aus aller Welt: Mit Pomp und Prunk wird die verstorbene britische Königin Elizabeth II. zu Grabe getragen, begleitet von einer immensen weltweiten Aufmerksamkeit. Über den eigenen Tod hinaus bleibe die Monarchin gewissermaßen im Dienst als öffentliche Person, sagt der Kunsthistoriker Dirk Pörschmann.

Öffentlicher Machtwechsel

Als Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel ist Pörschmann Spezialist für Bestattungsriten aller Art. Ein Staatsbegräbnis sei neben der Krönung wohl das wichtigste Zeremoniell einer Monarchie, so Pörschmann. Dabei gehe es vor allem darum, öffentlich einen Machtwechsel zu vollziehen und zu demonstrieren, dass diejenigen, die dynastisch an der Reihe sind, das Amt übernehmen.
"Da geht es um die Selbstdarstellung des Staates, nicht um das private Trauern", sagt Pörschmann. Das komme beim Zeremoniell für Queen Elizabeth auch darin zum Ausdruck, dass die Kinder und Enkel der Königin sich bei der Totenwache nicht dem Sarg zuwenden, sondern der Menge der Trauernden.

Verlässliche Ordnung

"Sie stehen nicht mit dem Gesicht zum Sarg, sondern sie schauen zu den Defilierenden in alle Richtungen und sind damit auch als Trauernde sichtbar – und gleichzeitig als die dynastischen Nachfolger", erläutert Pörschmann. "Alles, was da passiert, ist Symbol und will auf eine relativ einfache Art und Weise auch erklären, was da passiert."
Gleichzeitig sei jedes Staatsbegräbnis im Sinne einer langen Tradition auch ein Versuch, der Erschütterung der Menschen etwas entgegensetzen, so Pörschmann. Der minutiös geplante Ablauf des Zeremoniells begegne dem Tod, "der ein gewisses Maß an Chaos in das Leben bringt, weil er eben so unberechenbar ist", mit dem Versprechen einer besonders verlässlichen Ordnung.
Das aktuelle Protokoll sei noch stark durch Queen Victoria geprägt, die für ihr Begräbnis im Jahr 1901 viele Details selbst festgelegt habe.

"Wir sterben so, wie wir leben"

Bei allem Pomp bringe der Abschied von Queen Elizabeth II. aber auch etwas über die allgemeine Sepulkralkultur unserer Gesellschaft zum Ausdruck, sagt Pörschmann. Verglichen mit gewöhnlichen Bestattungen sei es "natürlich eine absolute Ausnahmesituation, die wir da erleben".
Während sich Abschiedsriten im 19. Jahrhundert auch in der breiteren Bevölkerung noch mehr oder weniger am Vorbild des Adels orientierten, habe die Sepulkralkultur in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren.
Heute erhielten 75 Prozent der Toten eine Feuerbestattung, viele würden anonym beigesetzt, so Pörschmann: „Wir sterben so, wie wir leben, und wir leben eben in immer einsameren und anonymeren Verhältnissen, und das zeigt sich dann eben auch in der Art und Weise, wie die Menschen beigesetzt werden.“
So erkläre sich möglicherweise auch, weshalb viele Menschen das Begräbnis der Queen mit so großem Interesse und mit durchaus emotionaler Anteilnahme verfolgten. Denn von allem staatstragenden Glanz einmal abgesehen: „Es ist natürlich auch eine Ehrerweisung einem gelebten Leben gegenüber. Und das wünschen wir uns doch ein Stück weit alle.“

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