Museumsdirektor Dirk Pörschmann

    "Die Omnipräsenz des Todes weckt die Lebensgeister"

    32:20 Minuten
    Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur Kassel
    Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur Kassel, hätte für seine eigene Beerdigung lieber einen Sarg. © Museum für Selpulkralkultur / Anja Köhne
    Moderation: Katrin Heise · 28.10.2021
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    Der Kunsthistoriker Dirk Pörschmann leitet das Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Dort sind Ausstellungen rund um den Tod zu sehen. Aber auch Tanzfeste und Kindergeburtstage werden gefeiert. Jetzt gibt es eine Sonderausstellung zum Thema Suizid.
    Wer das "Museum für Sepulkralkultur" besucht, der stolpert vielleicht nicht nur darüber, dass man dort Kindergeburtstage feiert, sondern auch über den Begriff selbst.
    "Das geht den meisten so, dass sie nicht wissen, was es heißt", erzählt der Direktor des Museums Dirk Pörschmann. Aber das finde er gar nicht schlimm, so "kann man darüber sprechen". Sepulkralkultur stammt aus dem Lateinischen und "ist die Kultur des Grabes". Seit 2018 leitet Pörschmann das Museum, es ist das Einzige dieser Art in Deutschland.
    Sterben, trauern und bestatten, das sind die zentralen Themen des Hauses. Aber wer eine schwere und düstere Atmosphäre erwartet, der wird überrascht.

    Das Leben feiern

    Das Museum ist lichtdurchflutet, die Räume wirken bunt und modern. Zu Ausstellungseröffnungen wird auch getanzt, auf Kindergeburtstagen Krach gemacht. Es sind die Fünf- bis Achtjährigen, die hier feiern, sagt Pörschmann. Zwischen Piraten-, Geister- und Schokoladenparty können die Kinder wählen.
    "Das ist ein ganzer Nachmittag in museumspädagogischer Begleitung. Und das Thema des Museums, die Endlichkeit des Lebens, ist Teil davon. Da werden auch Exponate gezeigt. Aber es geht auch richtig zur Sache. Da wird gestoßen, geworfen und alles, was zu einem Kindergeburtstag dazugehört."
    Piraten und Geister, das klingt plausibel – aber warum eine Schokoladenfeier im "Museum für Sepulkralkultur"?
    "Beim ‚Día de los Muertos’, dem mexikanischen Totenfest, das wir auch feiern, spielen Süßigkeiten eine große Rolle."
    In den 30 Jahren seines Bestehens hat sich die inhaltliche Ausrichtung des Museums verändert. Habe früher die christlich geprägte Bestattungskultur im Fokus gestanden, befasse man sich heute damit, wie unterschiedlich Menschen mit dem Tod umgehen, ob in Mexiko oder in afrikanischen Ländern, so Pörschmann.

    Spontane Tänze

    Möglichst "lebendig", so hoffe der Kunsthistoriker, würden die Besucher sein Haus und die Ausstellungen wieder verlassen. "Die Omnipräsenz des Todes, die hier ist, die weckt die Lebensgeister." Und so sei es bei Ausstellungseröffnungen, vor Corona, zu spontanen Tänzen gekommen.
    So erinnert sich Pörschmann gern an eine Ausstellung, die Särge aus Ghana zeigte. "Wir hatten eine Band aus Ghana, und es wurde getanzt. Und auch beim ‚Día de los Muertos’ ist immer das Feiern des Lebens im Zentrum. Ich glaube, das ist das, was uns der Tod lehrt."
    In einer Sonderausstellung beschäftigt sich das Haus gerade mit dem Thema Suizid. Der Titel: "Let’s talk about it!". Über die Selbsttötung werde meist gar nicht gesprochen. Für die Angehörigen, so Pörschmann, komme das einer Bestrafung gleich.
    "Es ist schlimm genug, dass sie das erleben müssen, diesen massiven Beziehungsabbruch, den jeder Suizid darstellt. Und im Bereich des Suizids ist es häufig so, dass sie sich nicht trauen darüber zu sprechen, weil sie das gesellschaftliche Stigma spüren."

    Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen: Wenn Sie das Gefühl haben, an einer psychischen Krankheit zu leiden oder Suizidgedanken Sie beschäftigen, wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation befinden oder das auf einen Ihrer Angehörigen zutrifft, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen bzw. anzubieten. Hilfe bietet unter anderem die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (gebührenfrei) und im Internet unter telefonseelsorge.de.

    Dass sich hierzu nicht nur in der Gesellschaft etwas verändern müsse, sondern auch bei ihm im Museum, das habe der Direktor beim Gang durch die Dauerausstellung festgestellt. Denn Freitod sei bisher "kein Thema" gewesen.
    Dirk Pörschmann, Jahrgang 1970, erzählt, dass er aus einem bildungsfernen Haushalt stamme. Kunst habe keine Rolle gespielt. "Ich war als Kind in keinem Museum."

    Kremation? "Zu abstrakt."

    Schon früh interessierte er sich für Architektur, studierte später Kunstgeschichte. Bis 2017 begleitete Pörschmann als Wissenschaftler, Autor und Kurator die Künstlergruppe "Zero". Dazu zählen Heinz Mack, Otto Piene oder auch Günther Uecker.
    Über die Gruppe schrieb Pörschmann auch seine Dissertation. Seit drei Jahren leitet er nun das "Museum für Sepulkralkultur". Schon lange habe er die "kreative Art und Weise" geschätzt, wie das Haus "mit diesem schweren Thema" umgehe.
    Neben seiner Arbeit im Museum ist der Kunsthistoriker auch Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e. V." Ein Schwerpunkt der Arbeit: Bei Bestattungen sollten wieder mehr die Bedürfnisse der Angehörigen im Mittelpunkt stehen, weniger ökonomische Fragen.
    "Man darf ja auch mal grundsätzlich die Frage stellen: Warum muss eigentlich ein Angehöriger für die letzte Heimat eines Verstorbenen überhaupt etwas bezahlen? Könnten wir uns als Gesellschaft nicht vorstellen, dass man diese letzte Heimat kostenlos bekommt?"
    Dirk Pörschmann wolle übrigens in einem Sarg bestattet werden. "Die Kremation, das ist mir zu abstrakt. Aber, wenn ich noch ein bisschen leben darf, kann sich das auch noch ändern."
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