Barbara Demick: „Chinas entführte Töchter“
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Abrechnung mit der Ein-Kind-Politik
07:22 Minuten

Barbara Demick
Aus dem Amerikanischen von Barbara Steckhan und Gabriele Gockel
Chinas entführte Töchter. Eine wahre Geschichte von Adoption, Menschenhandel und der Suche nach GerechtigkeitDroemer HC, München 2026384 Seiten
28,00 Euro
Die US-amerikanische Autorin Barbara Demick zeigt in ihrem sehr persönlichen Buch „Chinas entführte Töchter“ die Auswirkungen und menschlichen Kosten der chinesischen Ein-Kind-Politik auf.
Journalisten verstehen sich meist als neutrale Beobachter. Sie berichten und ziehen weiter zur nächsten Story. Doch manche Geschichten lassen selbst abgebrühte Reporterinnen und Reporter nicht los. So erging es auch der Amerikanerin Barbara Demick.
"Ich wurde da langsam reingezogen", erzählt sie. Als Korrespondentin für die Los Angeles Times kommt Demick 2007 nach China und hört erstmals Gerüchte über Kinder, die im Zuge der strengen Ein-Kind-Politik ihren Familien entrissen werden.
Bei ihren Recherchen trifft sie per Zufall die Eltern der Zwillingsschwestern Shuangjie und Fangfang. Fangfang war der Familie einige Jahre zuvor unter brutalen Umständen weggenommen worden – die Eltern untröstlich.
„Ich hatte mit sehr vielen Familien Interviews geführt", sagt Barbara Demick. "Aber diese Familie mit den eineiigen Zwillingsmädchen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Tochter finden. Ich wusste ja, wie sie aussieht, denn ich hatte in China ihre Zwillingsschwester getroffen.“
Ein-Kind-Politik wurde mit Gewalt durchgesetzt
Shuangjie und Fangfang kamen im Jahr 2000 im ländlichen Hunan auf die Welt. Weil die Familie schon zwei Mädchen hatte, verstieß die Geburt der Zwillinge offen gegen die Ein-Kind-Politik. Solche Verstöße wurden damals mit drastischen Geldbußen bestraft. Es gab Drohungen und Gewalt.
Auf dem Land zerstörten die Beamten der Familienplanungskommissionen oft Häuser, nahmen den Menschen ihr Vieh und damit die Lebensgrundlage weg. Die Eltern der Zwillingsmädchen versuchten erst noch Fangfang bei Verwandten zu verstecken. Vergeblich. Das Kind wurde von Beamten entführt und zur Adoption in den USA freigegeben.
„Sie stürmten in das Haus, wo das Mädchen – sie war damals fast zwei Jahre alt – bei einer Tante war. Sie hielten die Tante an Armen und Beinen fest, schnappten sich das schreiende Kind und fuhren davon. Das war’s“, berichtet Barbara Demick.
Neues Leben als Adoptivkind in den USA
Wie schon ihn ihren früheren Büchern recherchiert Barbara Demick akribisch und hartnäckig – und viele Jahre lang. Tatsächlich fand sie die mittlerweile neunjährige Fangfang in Texas, wo sie bei einer streng christlichen Familie unter dem Namen Esther aufwuchs.
Barbara Demick sprach mit den Eltern, mit Experten, später auch mit der Adoptivmutter. Und führte die Zwillingsmädchen nach Jahren schließlich zusammen. Die ersten Gespräche per Video-Anruf waren schwierig. Shuangjie sprach kein Englisch, Fangfang kein Chinesisch. Barbara Demick half – war damit endgültig Teil der Geschichte.
„Es war wie bei schlechten ersten Dates. Was ist Deine Lieblingsfarbe, dein Lieblingsessen, machst du Sport, schaust du gerne Filme an. Diese albernen Fragen – und die kulturellen Unterschiede. Es war immer sehr unbeholfen“, erinnert sich Barbara Demick.
Sie beobachtet feinfühlig, wie sich die Schwestern annäherten – nach Gemeinsamkeiten suchten, Unterschiede feststellten – die Familien kamen schließlich in China zusammen. Barbara Demick immer dabei.
„Alle Kinder wurden unter Zwang aufgegeben“
Trotzdem bleibt ihr Ton sachlich, ihr Blick analytisch. Denn in ihrem Buch geht es um weit mehr als um einen Einzelfall. Barbara Demick macht die vielschichtigen Folgen der Ein-Kind-Politik deutlich, auch für Leserinnen und Leser, die sich bislang wenig mit China beschäftigt haben.
Sie deckt auf, wie Waisenhäuser an den Adoptionen Geld verdienten, wie sie Dokumente konfiszierter Babys fälschten, um den Eindruck zu erwecken, die Kinder seien von ihren Eltern ausgesetzt worden. Wie dieses Narrativ im Ausland verfing. Über 160.000 chinesische Kinder, vor allem Mädchen, wurden über die Jahre international adoptiert – rund zehn Prozent, schätzt Barbara Demick, wurden ihren Herkunftsfamilien zwangsweise entrissen.
„Man sagt oft, viele dieser Adoptivkinder tragen eine tiefe Verletzung in sich – dass sie ausgesetzt wurden, dass sie unerwünscht waren, von ihren Eltern weggeworfen wurden. Dieses Narrativ wollte ich durchbrechen. Sie wurden nicht alle entführt oder ihren Eltern gestohlen wie Esther, aber sie wurden alle unter Zwang aufgegeben.“
Ein-Kind-Politik ist gescheitert
Barbara Demicks Buch ist daher auch eine Geschichte über die Machtlosigkeit einzelner in einem autoritären Land wie China, über Eltern, die ihre Kinder verloren und nichts dagegen tun konnten, über die Profitgier chinesischer Beamter, die von den Adoptiveltern „Sonder-Gebühren“ verlangten – auszuzahlen in neuen 100-Dollar-Scheinen. Über Adoptiveltern, die glaubten, vermeintlich unerwünschte Mädchen retten zu müssen.
Und das Buch ist eine Abrechnung mit der chinesischen Ein-Kind-Politik. „Diese Politik war eine totale Katastrophe“, sagt Barbara Demick. „Sie wirkt auch nach Meinung vieler Experten länger nach als andere einschneidende Ereignisse wie etwa die Kulturrevolution in den 1960er- und 70er-Jahren. Aber die veränderte Demographie in China – das lässt sich kaum mehr zurückdrehen.“
Lange hat sich die Kommunistische Partei dafür gelobt, rund 400 Millionen Geburten verhindert und damit die wirtschaftliche Entwicklung des Landes befördert zu haben.
Heute steht China vor einem ganz anderen Problem: Die Geburtenrate ist so niedrig, dass dem Land in den nächsten Jahren die Arbeitskräfte ausgehen könnten und die Gesellschaft bereits jetzt drastisch altert.
Die chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping drängt daher junge Frauen mehr Kinder zu bekommen – bislang ohne Erfolg. Dass dafür auch die jahrelange brutale Familienplanungspolitik zumindest mitverantwortlich ist, darf in China nicht offen diskutiert werden. Barbara Demicks Buch liefert mit ihrem Buch zumindest aus dem Ausland einen Einblick in dieses dunkle Kapitel der jüngeren chinesischen Geschichte.


















