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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 17.10.2016

Auszeichnung für Roman "Widerfahrnis"Bodo Kirchhoff gewinnt den Deutschen Buchpreis

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, SPD (links), applaudiert im Römer in Frankfurt am Main dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff. Kirchhoff ist mit seinem Roman "Widerfahrnis" Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, SPD (links), applaudiert im Römer in Frankfurt am Main dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff. Kirchhoff ist mit seinem Roman "Widerfahrnis" Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Bodo Kirchhoff erhält den wichtigsten Literaturpreis für deutschsprachige Autoren: Sein Buch "Widerfahrnis" wird mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der Roman verwebe "auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen", urteilt die Jury.

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff ist für seinen Roman "Widerfahrnis" mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet worden. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montagabend in Frankfurt bekannt. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und würdigt traditionell kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse die beste literarische Neuerscheinung des Jahres.

Kirchhoffs Buch sei "ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt", begründete die siebenköpfige Jury ihre Wahl. Zugleich sei es dem Autor gelungen, "in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln".

In dem Roman bricht ein im Ruhestand lebender Verleger mit einer Zufallsbekanntschaft - der etwa gleichaltrigen früheren Besitzerin eines Hutgeschäfts - zu einer spontanen Autoreise in den italienischen Süden auf. Die beiden verlieben sich und werden auf Sizilien mit der Situation der Flüchtlinge konfrontiert.

Road-Novelle mit Tiefenschärfe

Der Protagonist von "Widerfahrnis" sei ein typischer Kirchhoff-Held, meint unsere Rezensentin Maike Albath: ein einsamer Wolf mit einem verkarsteten Herzen und einem unauslöschlichen Rest an erotischer Neugierde. "Widerfahrnis" taste die Gegenwart ab, nicht ohne Pathos, aber Kirchhoffs Road-Novelle gewinne etwas, das nicht selbstverständlich ist: Tiefenschärfe.

Maike Albath: "Bodo Kirchhoff, Jahrgang 1948, in zahlreichen Romanen immer wieder mit den Untiefen des Begehrens und Beziehungsschmerzen zwischen Liebenden und Eltern und Kindern befasst, zieht dieses Mal einen doppelten Boden ein. Der geheimnisvoll anmutende Titel 'Widerfahrnis' (…) deutet die Vielschichtigkeit bereits an."

Der 68-jährige Bodo Kirchhoff gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. In dem Roman "Verlangen und Melancholie" stellte Kirchhoff 2014 die Frage, wie gut man den Menschen kennt, mit dem man Tisch und Bett teilt. Der 670-Seiten-Wälzer "Die Liebe in groben Zügen" schilderte 2012, wie zwei Menschen darauf reagieren, wenn sie miteinander alt werden, ihre Sehnsucht nach Liebe aber nicht ausreichend zu stillen vermögen. "Erinnerungen an meinen Porsche" erzählte 2009 den Absturz eines Sex- und Finanzmachos, "Der Prinzipal" von 2007 war eine Art Königsdrama am Gardasee, unverkennbar gemünzt auf den VW-Vorstand und Arbeitsmarktreformer Peter Hartz.

Weitere fünf Bücher waren nominiert

Die Auszeichnung für den besten Roman des Jahres in deutscher Sprache wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Im vergangenen Jahr erhielt Frank Witzel den begehrten Preis für seinen Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969".

Für den diesjährigen Preis waren neben Kirchhoff fünf weitere Autoren nominiert, sie erhalten jeweils 2.500 Euro: 

Thomas Melle: Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin, August 2016)

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald (S. Fischer, August 2016)

André Kubiczek: Skizze eines Sommers (Rowohlt Berlin, Mai 2016)

Eva Schmidt: Ein langes Jahr (Jung und Jung, Februar 2016)

Philipp Winkler: Hool (Aufbau, September 2016)

Wie viel Einfluss hat der Deutsche Buchpreis?

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2016. (Deutscher Buchpreis / Claus Setzer)Die Jury des Deutschen Buchpreises 2016 - von links nach rechts: Sabine Vogel, Christoph Schröder, Lena Bopp, Susanne Jäggi, Thomas Andre, Berthold Franke, Najem Wali. (Deutscher Buchpreis / Claus Setzer)

Wie viel Macht und Einfluss der Deutsche Buchpreis und die Jury haben, darüber sprach der Jury-erfahrene "taz"-Literaturredakteur Dirk Knipphals im Deutschlandradio Kultur.

Eine Einschätzung der Shortlist gaben Literaturexperte Jörg Plath und unser Literaturredakteur Kolja Mensing in der Sendung "Lesart". Ersterer hielt die Auswahl durchaus für ausgewogen. "Wir haben ein Debüt mit Philipp Winkler - 'Hool' - ein ziemlich starkes Debüt über Hooligans, wir haben ein Alterswerk von Bodo Kirchhoff, 'Widerfahrnis', (...) und dann haben wir einen wichtigen Mann mittleren Alteres, das ist Reinhard Kaiser-Mühlecker mit einem Stoff vom Land."

(abr/cre)

Hören Sie in der Sendung "Fazit", ab 23:05 Uhr ein Gespräch mit Bodo Kirchhoff sowie eine Einschätzung zu der Jury-Entscheidung von Literaturredakteur Kolja Mensing.

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