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Studio 9 | Beitrag vom 08.10.2019

Ausstellung "Trees of Life" in FrankfurtWenn die Käfersammlung zum Mahnmal wird

Von Ludger Fittkau

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Schlichte, durchsichtige Säulen, in denen ein Teil der riesigen Käfersammlung des Senckenberg-Forschungsinstituts ausgestellt wird.  (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)
Ein Teil der Käfersammlung der Senckenberg-Gesellschaft kommentiert das weltweite Artensterben. (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)

Die Schönheit der Natur kombiniert mit politischen Fragestellungen: Im Frankfurter Kunstverein kuratierten Künstler die Ausstellung "Trees of Life" gemeinsam mit Wissenschaftlern der renommierten Senckenberg-Gesellschaft.

Die österreichische Künstlerin Sonja Bäumel legt sich in einem Ausstellungsraum in einen sargähnlichen, aber durchsichtigen Glaskasten. Eigentlich ist der Kasten ein überdimensionales Reagenzglas mit einer von Biologen angerührten Nährlösung, welche besonders die Mikroorganismen aufnimmt, die sich auf der Haut eines jeden Menschen tummeln. In wenigen Tagen soll in der Nährlösung wie von Geisterhand der genaue Abdruck des schlanken Leibes von Sonja Bäumel sichtbar werden - geschaffen durch die vom Körper abgelösten Mikroorganismen:

"Ich arbeite sehr prozesshaft, das heißt, wenn ich mich hier reingelegt habe, war für mich ein ganz wichtiger Schritt in meiner Arbeit selber, dass Material zu spüren. Aber auch das eigentlich mental zu verstehen, dass ein Teil von mir unabhängig von einem lebenden Organismus hier wächst und zu wachsen beginnt."

Metapher für das menschengemachte Zeitalter

Die Mikroorganismen auf der Haut eines jeden Menschen sind so unterschiedlich, dass auch eine Körpersilhouette in der Nährlösung jeweils eine individualisierte Ausprägung bekommt. Für Sonja Bäumel ist das ein starker Beweis dafür, dass sogar unsere Haut nach außen nicht die Körpergrenze ist  und wir uns ständig in den Raum ausdehnen. Dies kann man auch als eine Metapher für das menschengemachte Zeitalter verstehen, so Volker Moosbrugger, der Chef der Senckenberg-Gesellschaft. Er erklärt während des Rundgangs durch die Ausstellung, warum seine renommierte Naturforschungseinrichtung nun mit Künstlern zusammenarbeitet:

Ein gezeichnetes Schild, auf dem "Non Human Zone" steht. (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)Die politischen Botschaften der Exponate in "Trees of Life" sind teilweise plakativ. (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)

"Wir haben durchaus auch den Hintergedanken, dass es zur Natur durchaus unterschiedliche Zugänge geben kann. Also die rein Analytische, die mir auch ein bestimmtes Erklärungspotential gibt und dann eine künstlerische oder auch mythische, mythologische, die einem andere Erkenntnisse gibt, die einem andere Signale gibt, mit denen ich jetzt nicht unbedingt praktisch arbeiten kann, aber die mir als Mensch trotzdem was geben. Deswegen gibt es sie ja. Und ich denke, es macht Sinn zu zeigen, wo sind die Grenzen der Wissenschaft und wo sind die Grenzen der Mythologie."

Lehrreich für beide Seiten

Philipe Havlik bringt in das Kooperationsprojekt zwischen dem Frankfurter Kunstverein mit ihrer Direktorin Franziska Nori  und dem Forschungsinstitut Senckenberg die wissenschaftliche Expertise ein. In den mikrobiologischen Selbstversuchen von Sonja Bäumel wird für den Geowissenschaftler deutlich, wie lehrreich für beide Seiten die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und dem Frankfurter Kunstverein ist. Künstler und Naturforscher lernten als gemeinsame Ausstellungskuratoren nämlich, den Blick auf die ganz kleinen Naturdinge zu richten:

"Ja, wir Naturwissenschaftler sind daher gekommen mit unserer üblichen Methode, ich nehme mir irgendein Ökosystem her, zerteile es in seine Einzelkomponenten, nehme die Einzelkomponenten und zerteile die wieder in ihre Einzelteile und dann schaue ich wieder, wie das zusammen funktionieren kann. Das ist das Klassische, wie Naturwissenschaftler an so was rangehen. Und dann kommen Franziska Nori und ihr Team daher und die kommen mit "Gaia-Hypothese" und irgendwelchen ganz großen Denkweisen und so und ich denke: Ja, aber Moment mal, lass uns doch erstmal über die Arten sprechen. Über die kleinen Einheiten. Und das war genau das Tolle an diesem ganzen Projekt."

Neue Denkweise für Naturwissenschaftler

So stehen in einem Ausstellungsraum schlichte, durchsichtige Säulen, in denen ein Teil der riesigen Käfersammlung des Senckenberg-Forschungsinstituts wie ein Mahnmal zum Artensterben sichtbar wird. Oder es wird an einer kreisrunden, mehrere Meter großen Grafik auf dem Boden eindrucksvoll klar, wie verschwindend gering der Anteil der Menschheit am Gesamtgefüge der Natur wirklich ist. Philipe Havlik:

"Diese Denkweise ist auch für Naturwissenschaftler was relativ Modernes. Wenn sie sich die Exponate zu meiner Linken ansehen, werden sie sehr schnell etwas finden wie eine Skala Naturae. Die Vorstellung des Menschen, er ist die Krone der Schöpfung, er steht ganz oben. Alles andere wird sich darunter sortieren. Und ganz unten an dieser Skala, als Geowissenschaftler finde ich das wirklich völlig daneben, sind Minerale und Gesteine. Also – da sieht man schon, da gibt es noch eine Wertung zwischen belebter und unbelebter Natur."

Auch in Zukunft zusammenarbeiten

Manche Arbeiten der Frankfurter Ausstellung "Trees of Life – Erzählungen aus einem beschädigten Leben" sind sehr plakativ – etwa die Video- und Rauminstallation von Dominique Koch, in der zu sphärischen Klängen und schönen Naturbildern mit Untertiteln wahlweise gegen biologischen Rassismus oder den Kapitalismus zu Felde gezogen wird. Oder auch die comicartigen Protestplakate von Edgar Honetschläger, die für Naturreservate plädieren, in die Menschen keinen Zutritt haben sollen.

Doch viele der Exponate schaffen es, die Schönheiten der durch den Menschen bedrohten Natur mit politischen Fragestellungen so zu kombinieren, dass sowohl ästhetische Gewinne wie neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse möglich sind. Der Frankfurter Kunstverein und die Naturforschungseinrichtung Senckenberg wollen deshalb auch künftig zusammenarbeiten – etwa bei der Neukonzeption des Senckenberg-Naturkundemuseums, das gerade erweitert wird. Kunst soll dann ein dauerhafter Bestandteil der Präsentation von Naturkunde-Objekten werden.

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