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Fazit | Beitrag vom 15.05.2019

Ausstellung des Bildhauers Lynn Chadwick in BerlinBiester und andere Fabelwesen

Von Jochen Stöckmann

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Lynn Chadwick, Teddy Boy and Girl (1955) in Lypiatt Park, 190 x 70 x 70 cm, Bronze (Haus am Waldsee / Foto: James Meigh, courtesy of The Estate of Lynn Chadwick and Blain | Southern)
Lynn Chadwicks "Teddy Boy and Girl" (1955) sei ein "Flirt mit der Popkultur", sagt Julia Wallner. (Haus am Waldsee / Foto: James Meigh, courtesy of The Estate of Lynn Chadwick and Blain | Southern)

"Biester der Zeit" heißt die Doppelausstellung, die plastische Werke von Lynn Chadwick zeigt und diese mit den Künstlern Hans Uhlmann und Katja Strunz in Beziehung setzt. Alles nur Fabelwesen? Eine eindeutige Lesbarkeit hat Chadwick nie angestrebt.

Ein in sich verdrehter, schrundiger Rhombus schwebt Spitz auf Knopf über drei zartgliedrigen Eisenstäben, gekrönt von drei Glassteinen. So könnte man Lynn Chadwicks Skulptur beschreiben – hätte er sie nicht "Beast" getauft: Schon wird daraus ein angriffslustiges Dreiauge, ein exotisches Insekt. Aber ausgewählte Zeichnungen und auch Atelierfotos zeigen ein Gegenbild. Julia Wallner erklärt:

"Skizzenbücher, verschiedene Skizzenblätter, wo man sieht, dass verschiedene Konstellationen probiert werden, dass Konstellationen auch noch einmal variiert werden. Ich glaube, Chadwick konnte unheimlich gut übersetzen, von der Fläche in den Raum hatte er seine Konstruktionsprinzipien und hat sich ja ganz intensiv mit dieser technischen Seite der Bildhauerei auseinandergesetzt."

Und trotzdem sieht selbst Julia Wallner das eine oder andere Fabelwesen in ihrer Ausstellung. Aber die Direktorin des Kolbe-Museum erkennt auch, wie es dem ehemaligen Kampfpiloten in den Nachkriegsjahren gelingt, die aus dem Unterbewusstsein entstandenen Fantasien in Form zu bringen, sie künstlerisch zu bändigen:

"Das ist sehr auffällig, dass – wenn Chadwick selbst über seine Kunst spricht – dass er eben immer von diesem technisch-konstruktiven Aspekt ausgeht, ganz wenig inhaltliche Deutungen anbietet und sagt, er wolle nicht, dass sein Werk intellektualisiert wird."

Gesetze der Schwerkraft auf die Spitze treiben

Das hinderte den einflussreichen Kunstkritiker Herbert Read nicht, mitten im Kalten Krieg und für Jahrzehnte die Formel von einer "Geometrie der Angst" zu prägen, nicht nur für Chadwick, sondern gleich für eine ganze britische Bildhauergeneration.

Dabei lassen sich die "Biester" auch ganz anders betrachten, nicht verängstigt, sondern mit Vergnügen an der formvollendeten Art, mit der sie die Gesetze der Schwerkraft auf die Spitze treiben.

"Stranger, der 780 Kilo wiegt, da war ein Kran notwendig, die herzubringen, das war ein unglaublich angespannter Prozess, die hier in den Ausstellungsraum zu bringen – aber die steht hier wie eine Eins", so Julia Wallner.

Lynn Chadwick, 1954, sitzt vor einer Wand. (Haus am Waldsee / Foto: Ida Kar, © National Portrait Gallery, London)Bildhauer Lynn Chadwick, 1954. (Haus am Waldsee / Foto: Ida Kar, © National Portrait Gallery, London)

Zugegeben, der sinnliche Reiz dieser Konstruktionen löst ganze Assoziationsketten aus – aber zuallererst ging es Chadwick um Körperlichkeit in Raum und Zeit, nicht um Metaphern und Symbole. Wallner betont:

"Dass er diese eindeutige Lesbarkeit überhaupt nicht anstrebt. Es gibt eine einzige Ausnahme, 'Teddy Boy and Girl', wo er sich auf diese Teddiebewegung in England bezieht, das ist dann ein Flirt mit der Popkultur."

Da steht also der ebenso spitzköpfige wie spitzfüssige Teddie Boy – stilisiert, überlanges Jacket, Hochwasserhosen – neben dem Teddie Girl. Reibt sich an ihr, tanzt mit ihr – oder was? Das zu klären, gibt es eine weitere Ausstellung im Haus am Waldsee.

"Teddy Boy and Girl, die Skulpturen stehen auf punktartigen Stelzen – und deshalb muss er aus statischen Gründen ein Paar auch irgendwo sich begegnen lassen – so in Höhe der Genitalien. Das wurde aber sehr erotisch wahrgenommen: die Leitung der Biennale in Venedig hat ihn gebeten, ob er das noch einmal überlegen könnte."

Zwei ähnliche Karrieren

So viel zur Biennale von 1956. Damals erhielt Chadwick den Preis für Skulptur und startete seine Karriere. Ebenso wie in Deutschland Hans Uhlmann, dessen Skulpturen das Haus am Waldsee ebenfalls zeigt:

"Beide haben dann nach 1945, direkt nach 45 entschieden, dass sie ihren Brotberuf aufgeben und freie Künstler werden, Bildhauer werden – und beide haben ohne akademische künstlerische Ausbildung doch große Karrieren gestartet, vor allem Chadwick sehr international."

Während Chadwick aus dem Gerüst heraus das Volumen erarbeitet, Metallplatten wie Häute über Eisenstäbe spannt, reduziert Uhlmann seine Entwürfe auf Drahtgestänge. Hier der Hohlkörper, da der virtuelle Körper – beide Künstler gehen denselben Weg, nur in umgekehrter Richtung. Sie sind auch aufeinandergetroffen, gewissermaßen, denn wie Chadwick nahm auch Hans Uhlmann 1952 am Wettbewerb um ein Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen teil, erzählt Katja Blomberg:

"Wir hätten doch vielleicht ganz etwas anderes erwartet von jemandem, der inhaftiert war in Tegel in der Nazizeit. Man hätte von ihm vielleicht etwas erwartet, was mehr mit dieser Geometrie der Angst zu tun hat. Dabei wirkt das ganz gelassen – während der Brite diese Angespanntheit kommuniziert."

Da sind sie wieder, Chadwicks "Biester". Als Fledermauswesen symbolisierten sie Freiheit und Schwerelosigkeit, hier scheinen sie in einer Vierergruppe ihre stählernen Flügel zu einem unentrinnbaren Gefängnis zu verschränken. Aber diese "Geometrie der Angst" erfühlt womöglich nur, wer nicht genau hinschaut – und zu viel Herbert Read gelesen hat.  

"Biester der Zeit. Lynn Chadwick, Katja Strunz, Hans Uhlmann"
18. Mai 2019 bis 15. September 2019
Eine Doppelausstellung im Georg Kolbe Museum und dem Haus am Waldsee, Berlin.

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