Ausstellung "Amazons of Pop"

    Das klassische Frauenbild wird zertrümmert

    05:41 Minuten
    Bunte Figuren gemalt von Niki de Saint Phalle
    Die in der Ausstellung "Amazons of Pop" präsentierten Künstlerinnen kritisierten politische und gesellschaftliche Prozesse, wie Niki de Saint Phalle mit "Je t'aime" (1971). © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst / Foto: François Fernandez
    Von Anette Schneider · 01.10.2021
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    Pop-Art war keine reine Männersache. Das zeigt die Kieler Kunsthalle. Mit ihrer Ausstellung "Amazons of Pop!" versammelt sie erstmals 40 Künstlerinnen der Pop-Art aus Westeuropa und den USA.
    Grell-farbige Plakate, sarkastische Collagen, poppige Plastikskulpturen: Die Pop-Amazonen waren alles andere als leise. Und sie hatten von ihrer Arbeit handfeste, aufklärerische Vorstellungen: "Ich denke, Kunst kann erziehen, inspirieren und Menschen zum Handeln ermächtigen", so Judy Chikago.
    Dennoch, oder gerade deswegen, wurden sie vom männlich dominierten Kunst-, Medien-, und Wissenschaftsbetrieb meist ignoriert. Folgerichtig beginnt die Ausstellung im Dunkeln.

    Blick in eine Zeitkapsel

    Aus einer finsteren Ecke leuchten blaue und grüne Plastikaugen. Eine Zwei-Kanal-Filminstallation verwandelt New Yorker Straßenlampen und Leuchtreklame in unermüdlich zuckende Disco-Lichter. Auf einer riesigen Wand schwebt Jane Fonda als Wonder-Woman Barbarella durch den Weltraum und genießt diverse Sex-Abenteuer. So harmlos-verspielt eröffnet das Projekt, über dem Barbarellas Filmsound und Marilyn Monroes "My Heart Belongs to Daddy" wabern.
    "Das Konzept der Ausstellung ist eben, sich in eine Zeitkapsel zu begeben. Und sich aus dieser und nicht einer postfeministischen Perspektive, sondern sich aus der Zeit selbst den sehr verschiedenen weiblichen Positionen, die sich da von Anfang der 60er-Jahre bis Anfang der 70er-Jahre ereignet haben, zu nähern. Und wir tauchen also ein, begleitet von Sound- und Filmausschnitten, die so verschiedene Sphären auch bilden", sagt Kuratorin Regina Göckede.

    Macht übers eigene Bild zurückgewinnen

    Inmitten einer Gesellschaft mit steinzeitlichem Frauenbild erweisen sich die Pop-Amazonen schnell als starke Kämpferinnen: Mit riesigem Mittelfinger beginnen sie als erstes, das von Männern gemachte Rollenbild als brave Ehefrau und Mutter, als Sexobjekt und Lolita sarkastisch-lustvoll zu zertrümmern.
    "Aber es auch zu überschreiten. Oder es auch zu karikieren, darüber zu spotten, sich darüber lustig zu machen. Und vor allem geht es ihnen auch darum, die Macht über das eigene Bild auch wieder zurückzugewinnen", sagt Göckede.
    Die Belgierin Evelyne Axell etwa lässt selbstbewusste nackte Frauen auftreten, auf dem großformatigen Bild "Autostop" etwa versperrt eine gleich die ganze Straße. Oder drei fiese Stoffpuppen von Mutter, Vater, Kind entlarven die vermeintlich "harmonische Kleinfamilie" als Monstertruppe. Andere erobern sich den Weltraum, malen frei und leicht im All schwebende Frauenkörper.

    Bewaffnete Frauen

    Und wer all dies noch immer nur für Spaß hält, steht im Kapitel "Bang Bang" inmitten bewaffneter Frauen: Von einem Filmplakat herab richtet Emma Peel ihren Revolver auf die Besucher. Comic-Super-Weiber reagieren auf übergriffige Männer mit Laserwaffen.
    Auch Niki de Saint Phalle inszenierte sich in coolem Ganzkörperanzug als Super-Woman, nahm aber in ihren Schießbildern weit mehr ins Visier: Vertreter aus Politik und Kirche nämlich, die Verantwortlichen für Kriege und Gewalt.
    "Das ist einfach ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Ausstellung: Die Kritik dieser Künstlerinnen nicht eben nur an Rollenzuschreibungen und dem Frauenbild, dem Frau-Sein, sondern eben auch an politischen und gesellschaftlichen Prozessen", erklärt die Kuratorin.

    Politische Bewusstwerdung der Künstlerinnen

    Grob thematisch geordnet führt die Ausstellung so anschaulich die politische Bewusstwerdung der Künstlerinnen vor Augen, zeigt, wie schnell sie begriffen, dass die eigene Selbstbefreiung ohne gesellschaftliche Veränderungen und die Befreiung aller Unterdrückten unmöglich war.
    "Sie sind Teil der Bürgerrechtsbewegung, der Frauenbewegung, der Anti-Vietnambewegung, und äußern das auch in vielfältiger Weise in ihren künstlerischen Arbeiten. Sei es in filmischen Collagen, in Fotomontagen, in Bildwerken", so Göckede.
    Diese Arbeiten bilden das Finale der Pionierarbeit leistenden Ausstellung. Carolee Schneemann etwa malträtiert da mit einer Bild-und-Musik-Collage aus grausamen Vietnamkriegsfotos und Musik der wegschauenden, aber "ach-so-zivilisierten Welt" alle Sinne.
    Und Corita Kent griff mit ihren grell-poppigen Demo-Plakaten gegen Rassismus und für koloniale Befreiungsbewegungen direkt ins Geschehen ein. So verwandelten viele Pop-Amazonen drängende, gesellschaftliche Missstände in aufklärerische Kunst, was diese Künstlerinnen und ihre Kunst gerade heute besonders wichtig und anregend macht.
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