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Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.11.2020

Aus den FeuilletonsPräsident mit Brüllfaktor

Von Tobias Wenzel

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Donald Trump steht bei einer Wahlkampfrede an einem Rednerpult  (imago images / Future Image / Van Tine)
Trumps Gepolter vermittle manchen Menschen ein Gefühl der Stärke, schreibt die Schriftstellerin Rachel Kushner. (imago images / Future Image / Van Tine)

Für viele Trump-Fans sei das Laute besonders anziehend, schreibt der "Spiegel": Je mehr Gepolter, desto stärker fühlten sich die Anhänger in ihrer Weltsicht bestätigt. Doch mit Maulheldentum allein lasse sich keine Pandemie überwinden.

Kleines Ratespiel zu Beginn, liebe Hörer. Welche Tätigkeit wird hier in der TAZ von einem Lehrmeister beschrieben? "Dazu schließen wir die Taschenfalten, die oberhalb der Stimmbänder liegen, und pressen ohne viel Kraftaufwand Luft hindurch – ähnlich wie wenn man Luft durch die Lippen presst."

Na, brauchen Sie noch einen Hinweis? Hier kommt er: "Das Geräusch, das dabei entsteht, wird über die Resonanzräume geführt und kommt als 'Shout' raus." Thomas Fischer sagt das im Interview mit Clara von Hirschhausen. Und Fischer ist "Brülllehrer": Er bringt Musikern, besonders Metal-Bands bei, zu schreien, ohne ihre Stimmbänder zu schädigen.

Gepolter gegen Covid

Das Laute zieht auch viele Trump-Anhänger an, glaubt man Rachel Kushners Analyse in ihrem Text für den neuen SPIEGEL. Zu diesen Trump-Fans gehören auch Menschen, mit denen die Schriftstellerin aufgewachsen ist. "Ich glaube inzwischen, dass Trump für meine Kindheitsfreunde wie klassisches Rockradio ist: etwas, das man einschalten kann, um sich stark zu fühlen; das man laut aufdreht, damit die Kultur, in der man lebt, einem bedeutsam und blühend erscheint", schreibt Kushner und verweist auf ein Paradox:

"Sie sind zu der Überzeugung gelangt, dass eine Stimme für Biden eine Stimme für Covid ist. Wer würde für Covid stimmen? Eine Stimme für Trump scheint für die Trump-Wähler, die ich kenne, wie ein Nein zur Pandemie zu sein. Natürlich kann niemand für oder gegen Covid stimmen. Covid ist hier. Es durchdringt die Politik. Aber die Illusion, dass Trump die Pandemie mit Maulheldentum überwindet, dass er sie in seinem Mustang mit dem Riesenmotor unter der Haube über den Haufen fahren könnte, ist für manche Leute zutiefst attraktiv."

Fast Food im Weißen Haus

"Donald Trumps Talent ist der Handel mit Illusionen", findet auch Claudius Seidl, der damit in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG den Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller wiedergibt. "Und die Illusion, die es in diesen Tagen zu verkaufen gilt, ist eben die, dass diese Wahl gefälscht und gestohlen worden sei", schreibt Seidl und erwähnt bizarre Anekdoten aus dem Weißen Haus, die US-amerikanische Zeitungen kolportieren:

"Trump und seine engsten Mitarbeiter bestellten so viel Fast Food, dass die Angestellten, um den Geruch und die ganze Atmosphäre zu neutralisieren, Duftkerzen entzündeten. Abends seien viele in der Stimmung, sich einen deutschen Film anzuschauen, der auf Englisch 'The Downfall' heißt. Und der ja auch vom Untergang eines Herrschers erzählt, der an Hilfstruppen und Superwaffen glaubt, die es längst nicht mehr gibt."

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Nur auf welches Finale läuft die Trump-Show hinaus? "Soll er doch noch die sogenannte concession speech halten? Oder soll er sich hinaustragen lassen aus dem Weißen Haus?", fragt Claudius Seidl weiter in der FAZ und ergänzt: "Die Einschaltquoten wären in beiden Fällen sensationell."

Kunstsprache gegen die Depression

Kunstsprachen, abgesehen vielleicht vom Klingonischen, sorgen nicht gerade für sensationelle Einschaltquoten. Oft werden Kunst- beziehungsweise Plansprachen nämlich als lebensfremde Erfindungen von Spinnern belächelt. Nicht jedoch von Clemens J. Setz. Er verneigt sich vor ihnen in seinem sehr persönlichen Buch "Die Bienen und das Unsichtbare".

Das rezensiert Lothar Müller für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG angetan. In einer Lebenskrise samt Depression vor ein paar Jahren habe der Autor eine regelrechte "Plansprachenobsession" entwickelt. "Volapük ist sein Antidepressivum", analysiert Müller. Volapük ist eine der Kunstsprachen, die Clemens Setz gelernt hat. Besonders mag er die Worte für die Wochentage: "mudel tudel vedel dödel fridel zädel sudel", schreibt Setz und bemerkt: "Heute ist dödel."

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