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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.07.2020

Aus den FeuilletonsNamen gefährlich wie Fliegerbomben

Von Tobias Wenzel

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Das Rudi-Dutschke-Straßenschild, aufgenommen am Donnerstag (10.05.2007) in Berlin. (picture alliance / Johannes Eisele)
Straßennamen seien "Ankerpunkte der Beheimatung". Sie gehören geschützt, meint Dietz Bering. (picture alliance / Johannes Eisele)

"Rudi-Dutschke-Straße" ist ok. Aber gehören "Bismarckstraße" und "Richard-Wagner-Straße" getilgt? "Absurd", schreibt der Sprachwissenschaftler Dietz Bering in der "FAZ". Dubiose Zitate finde man schließlich von jeder geschichtlichen Person.

"Siegfried singt am Pool", titelt Peter Huth in der WELT. Dazu ein Foto: Ein Blick aus der Vogelperspektive in den Garten des Tenors Stefan Vinke. Ein Rasen mit weißen Plastikstühlen, die in antiviralen Sicherheitsabständen platziert wurden. Dahinter ein runder Pool. Die Bayreuther Festspiele fallen aus.

"Warum nicht den Hügel in den eigenen Garten bei Bad Kreuznach verlegen?", dachte sich, so Peter Huth, der "Ring"-Tenor Vinke. Er und andere Sänger, die in Bayreuth in diesem Jahr aufgetreten wären, geben nun Wagner in Vinkes Garten. Gesang ohne Orchester, nur zum Klavier. Aber immerhin Richard Wagner.

Sprachgeschichtler spricht vom "Sturm auf Straßennamen"

An Wagners Antisemitismus erinnert Dietz Bering in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Und er tut das in Zusammenhang mit dem, wie es der emeritierte Professor für Sprachgeschichte nennt, "Sturm auf die Straßennamen". Namen seien plötzlich nicht mehr nur "Schall und Rauch".

Nun gelte für Aktivisten: "Namen sind so gefährlich, dass sie wie Fliegerbomben aus dem Weltkrieg entsorgt, ja geradezu weggesprengt werden müssen", schreibt Bering. "Die Straßennamenstürmer gehen hoch emotional vor. Sie glauben so fest an eine geradezu magische Kraft des Namens, dass Reflexionen auf die soziologischen und sprachwissenschaftlichen Grundlagen erst gar nicht angestrebt werden."

Der Sprachhistoriker unterscheidet zwischen "kommunikativem Alltagsgedächtnis" und "kulturellem Gedächtnis". Das kommunikative Gedächtnis sei alltagsnah. Ein Straßenname gebe in diesem Sinne erst einmal nur Orientierung und nach und nach, wie bereits für die Alteingesessenen, "Ankerpunkte für Beheimatung. Unreflektiert werden die Namen internalisiert", schreibt Dietz Bering. Wenn aber zum Beispiel um Namen aus der kolonialen Vergangenheit gerungen werde, komme das "kulturelle Gedächtnis" ins Spiel.

Nur deshalb gleich alle Bismarckstraßen umbenennen? Müsse man dann nicht auch die Martin-Luther- und Richard-Wagner-Straßen tilgen, da sich die beiden Männer nachweislich antisemitisch geäußert haben? Das sei absurd. Denn von jeder geschichtlichen Person dürften sich mindestens dubiose Zitate finden.

Deshalb der Rat des Sprachhistorikers in der FAZ: "Was das kommunikative Alltagsgedächtnis anlangt: das Beheimatungsgefühl der Straßenbewohner schützen. Und was das kulturelle Gedächtnis betrifft: die deutsche Geschichte nicht verfälschen, indem man sie durch ein Purgatorium in eine antiseptisch-reine verwandelt. Die Maxime heißt: kritische Namen kritisch memorieren."

Penible Recherchen zu Harvey Weinstein

Den Namen Harvey Weinstein haben die beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor wirklich kritisch memoriert. Sie haben zuerst die Missbrauchsvorwürfe von Frauen gegen den Filmproduzenten in der "New York Times" publik gemacht. Mittlerweile ist Weinstein verurteilt und im Gefängnis. Nun haben die beiden Frauen ein Making-of dazu in Buchform veröffentlicht.

Im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erinnert sich Kantor, wie sie fürchteten, Weinstein könne ihren Quellen etwas antun, und wie sie selbst während ihrer Recherche verfolgt wurden: "Wir sind geschult, mit so etwas umzugehen, auch wenn diese Privatagenten echt sehr gruselige Sachen gemacht haben – die sind zum Beispiel vor meinem Haus rumgestanden oder haben Bilder von mir in der U-Bahn gemacht."

Die WELT rezensiert "#MeToo. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung", das Buch der beiden preisgekrönten Journalistinnen. Die legen Wert darauf, penibel zu recherchieren und kritisch zu sein. Im Buch erwähnen Jodi Kantor und Megan Twohey, so die Rezensentin Marianna Lieder, dass ein Kollege der "New York Times" ein Schild über seinem Schreibtisch hängen hatte, auf dem stand: "Wenn deine Mutter sagt, dass sie dich liebt, dann prüf das!"

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