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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.05.2020

Aus den FeuilletonsEntnazifizierung des Berliner Olympiastadions

Von Arno Orzessek

Frontalansicht des Olympiastadions in Berlin. (Imago / Metodi Popow )
Auf die Symbolik des Berliner Olympiastadions berufen sich heutige Akteure, meint Peter Strieder, Ex-Senator für Stadtentwicklung. (Imago / Metodi Popow )

„Die gesamte Anlage, alle Bauten, alle Benennungen, alle Skulpturen entsprangen der Ideologie der Nazis“, sagte Peter Strieder über das Berliner Olympiastadion in der „Zeit“. Der frühere Senator für Stadtentwicklung fordert die Entfernung dieser Symbolik.

Seit Monaten reden alle von Corona, doch in der vergangenen Woche hat sich das Virus endlich auch mal selbst geäußert: "Ich bin nicht der Weltuntergang. Und nicht die Lösung eurer Probleme", schmetterte Corona in der Tageszeitung DIE WELT – und weiter:

"Sie tun mir unrecht, meine Damen und Herren. Sie nennen mich 'Killervirus'. Glauben Sie mir, wenn ich es darauf anlegen würde, Sie umzubringen, würde ich es tun. Aber selbstverständlich lege ich es nicht darauf an. Ein Virus, das seinen Wirt umbringt, erledigt seinen Job schlecht. Ein Virus will nur eines – es will sich ausbreiten. Just aus diesem Grund rufe ich bei vielen gar keine und bei den meisten nur ganz milde Symptome hervor. Dass ich manche meiner Wirte in den Tod stürze, würde mich zutiefst bekümmern, wenn mich überhaupt etwas bekümmern würde. Diese bedauerlichen Todesfälle sind einfach darauf zurückzuführen, dass wir uns noch nicht aneinander gewöhnt haben."

So das Coronavirus. Es erklärte sich unter dem Namen Hannes Stein, der an anderen Tagen einem WELT-Autor der branchenüblichen Gattung Homo sapiens gehört.

Corona-Metaphern: "Carantäne" und "beatmete Demokratie"

Ob es redet, ob es schweigt – sicher ist: Längst hat das Virus die Sprache infiziert, teils mit amüsanten Folgen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG berichtete etwa, dass der österreichische Fotograf Tizian Ballweber den Begriff "Carantäne" geprägt hat – aus dem englischen "car" für Auto und "…antäne" wie in Quarantäne. Davon inspiriert ergänzte Gerhard Matzig, Autos seien heutzutage ohnehin so martialisch gestaltet wie "keimfreie Panzer im 'Krieg' gegen das Virus".

Sie finden, das sei mal ein zeitgemäßes Bild?  Nun, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat ausdrücklich beansprucht, ein "zeitgemäßes Bild" zu benutzen, als sie kürzlich bemerkte: "Demokratie braucht, auch wenn sie gesund ist, ständige Beatmung. Die Freiheit der Kunst verschafft der Demokratie überlebensnotwendigen Sauerstoff."

Eine Wortwahl, über die sich Patrick Bahners in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG mächtig aufregte:

"Geborgt wird zu Werbezwecken ein existenzieller Ernst. Das Frivole des rhetorischen Spiels mit Leben und Tod dementiert den Inhalt der Aussage. So schlecht kann es der Demokratie gar nicht gehen, wenn Regierungsmitglieder solche Einfälle in die Welt setzen. Nein, Leben und Sterben der Demokratien hängen nicht davon ab, ob in den Staatstheatern die 'Antigone' gegeben wird. Nur Dünkel kann das Gegenteil behaupten."

Patrick Bahners über den Grüttersschen Metaphernsalat coronahalber.

Falls Ihnen, liebe Monika Grütters, die FAZ-Schelte wehgetan hat – vielleicht tröstet Sie die Erkenntnis von Marie Schmidt in der SZ: "Dem Coronavirus soll jeder Mensch kühl und strategisch begegnen. Aber ohne Gefühle und Metaphern kommt niemand unbeschadet durch eine Pandemie."

Robert Stadlober: "Als Mensch macht mich die Politik wütend"

Tja, falls das stimmt, wäre auch der österreichische Filmschauspieler Robert Stadlober entschuldigt, der in der TAGESZEITUNG behauptete: "Kultur ist ein Lebensmittel wie Brot. Ohne Theater kann man nicht leben." Nur leider ist das Unfug, Milliarden Menschen – siehe oben – können gut ohne Theater leben. Doch Stadlober kann nicht nur Klischee, er kann auch Attacke und ließ in der TAZ wissen:

"Als Mensch macht mich die Politik wütend. Und traurig. Das Absurde an der Coronakrise ist, dass man sieht, auf welcher Seite Politiker*innen stehen. Wenn eine Gesellschaft es sich leisten kann, Menschen für die Spargelernte nach Deutschland zu holen, kann sie es sich auch leisten, Menschen zu retten, die vor Krieg und Vertreibung flüchten. Wer etwas anderes sagt, ist Zyniker oder Faschist."

Apodiktisches von Robert Stadlober in der TAZ.

"Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg"

Ähnlich entschieden in anderer Sache: Peter Strieder, der Ex-Senator für Stadtentwicklung in Berlin. Strieder forderte in der Wochenzeitung DIE ZEIT, rund ums Berliner Olympiastadion alles zu tilgen, was von den Olympischen Propagandaspielen der Nazis 1936 übriggeblieben ist – außer das riesige Oval selbst.

"Die gesamte Anlage, alle Bauten, alle Benennungen, alle Skulpturen entsprangen der Ideologie der Nazis", erklärte Strieder, "und wir sollten begreifen, dass dies die ideologische Symbolik ist, auf die sich heutige Akteure wie Höcke, Gauland und Kalbitz berufen. Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt werden. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert. Es gibt keinerlei gesellschaftliche Rechtfertigung für den Erhalt des Status quo auf dem ehemaligen Reichssportfeld."

Peter Strieder in der ZEIT.

Weiter Streit um Achille Mbembe

Ist Achille Mbembe ein Antisemit? Relativiert er den Holocaust? Um den aus Kamerun stammenden Historiker und Theoretiker des Postkolonialismus hat sich eine Debatte entwickelt. Laut dem TAZ-Autor Ingo Elbe sind die Postkolonialen Studien als solche ein "Teil des Problems":

"Um es vereinfacht zu sagen: Ein am Modell des europäischen Kolonialismus gebildeter Begriff von Rassismus und 'Othering' wird als weltanschauliche Schablone verwendet. Das führt zunächst dazu, den Antisemitismus notorisch auf eine Ebene mit dem Rassismus gegenüber Schwarzen oder Arabern zu stellen. Wer nun keinen adäquaten Begriff von Antisemitismus besitzt, kann auch keinen von der Spezifik des Holocaust entwickeln." 

Ingo Elbes klare Kante gegen die Postkolonialen Studien.

Rolf Hochhuth und Little Richard sind tot

Zum Schluss: zwei Nachrufe, kondensiert in aussagekräftigen Überschriften. Zum Tod des Dramatikers Rolf Hochhuth fragte die FAZ: "Unser Luther?", während die WELT Hochhuths Lebenswerk in die Metapher "Kerben im Lenkrad der Gerechtigkeit" kleidete.

Eines anderen gedachten die Feuilletons weniger gravitätisch: "Heiliger Hexenmeister", SZ. "Der schillernde Evangelist der schrillen Kunst", FAZ. "Ein Wunder namens Rock 'n' Roll", DIE WELT. Und – entschuldigen Sie bitte unsere hilflose Aussprache: "'A wob bopa loom alop bam boom!'", NZZ. Was alle ausdrücken wollten: Little Richard ist tot. Aber dass er gelebt hat, musiziert hat, lautmalerischen Nonsens gesungen hat wie kein anderer, das ist und bleibt toll.

Falls Sie jetzt den bejahenden Little-Richard-Sound im Ohr haben – machen Sie ruhig den Mund dazu auf. Die FAZ hatte ja recht, als sie titelte: "Singen ist gar nicht so gefährlich."

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