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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 03.06.2017

Aus den FeuilletonsDer Präsident im Kartenhaus

Von Ulrike Timm

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Szenenbild aus House of Cards - Präsident Underwood schüttelt Hände von Wählern (Bild: Netflix / House of Cards / David Giesbrecht) (Netflix / House of Cards / David Giesbrecht)
Kevin Spacey als Präsident Frank Underwood in der Netflix-Serie "House of Cards" (Netflix / House of Cards / David Giesbrecht)

Katerstimmung bei "House of Cards": Gegen die Eskapaden des echten US-Präsidenten hat laut SZ "die Fiktion keine Chance". Vielleicht sollten die "House of Cards"- Autorin lieber Kinderbücher ins Lateinische übersetzen? Die "Faz" hat da jedenfalls einen Trend ausgemacht.

Wenn Ihnen Tacitus zu schwer und Caesar zu doof ist, dann lesen Sie doch einfach die Geschichte von Tolkiens kleinem Hobbit. Auf Latein.

Das empfiehlt die Frankfurter Allgemeine, da hätten Sie dann über Pfingsten allerhand zu tun. Wer den kleinen Hobbit schon von klein auf kennt, wird sich recht leicht tun, auch in der Sprache der alten Römer zwischen den Nebelbergen – montes nebulosi – und Smaugs Einöde – Vastitas Smaugis – gedanklich herumzustromern, verspricht zumindest Ulf von Rauchhaupt. Der Name ist echt und tut hier nix zur Sache.

Ein Pfingstwunder fürs lateinische Fußvolk

Es ist Mode, so die FAZ, Bücher in lateinischen Übertragungen zu lesen. Wer sich da nur an Asterix erinnert, wo die lateinische Übersetzung allerdings "systematisch am Sprachwitz des Originals scheitert", der ist einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand. Jane Austen, Harry Potter, Max und Moritz und sogar die Geschichte eines wunderbaren kleinen britischen Bären – ursus nomine PADDINGTON – all das gibt es auf Latein, aber der kleine Hobbit, in "Tolkiens schnörkellosem Prosastil" ermöglicht auch Freizeitlatinisten einen guten Start, ist was fürs lateinische Fußvolk, weil "im kleinen Hobbit viel gehandelt und erlebt, aber wenig psychologisiert wird", so die FAZ, die sich über dieses "Pfingstwunder" freut. Ein spleeniges Freizeitvergnügen von Übersetzern zieht offenbar Kreise - in diesem Sinne, habitat Hobbitus.

Trump schlägt Underwood

Aber nicht jedem ist derlei ein Vergnügen, und – so die SÜDDEUTSCHE – "gegen die Realität hat die Fiktion keine Chance". Die fünfte Staffel der Politserie "House of Cards" steht an, und sie scheitert nach Meinung der SZ an der Erwartung, die Trump-Präsidentschaft zu erklären. "Trump habe alle ihre Ideen gestohlen", sagen die Protagonisten der Geschichte, die die Welt rund ums Oval Office gern auf superfiese Weise spiegelt. Aber nun, wo dort "in echt" ein dauertwitternder Präsident durch seine ersten Amtswochen randaliert, bleiben die Fensehzwiste irgendwie mau. Frank Underwood, US-Präsident im "House of Cards", teilt mit Donald Trump zwar Machthunger und Adresse, trotzdem glaubt man der Hauptfigur einfach nicht mehr: "‘Alles Fake News‘, würde Trump sagen", meint die SZ.

Dann doch lieber ab in die Montes nebulosi, Tolkiens Nebelberge, ins Zwergenkönigzauberreich der Hobbits….

Comics für restriktive Zeiten

Für die Nichtlateiner empfiehlt die TAZ einen Ausflug in die Bonner Bundeskunsthalle, die laut Selbstbeschreibung "den geistigen und kulturellen Reichtum der Bundesrepublik Deutschland angemessen darstellen will", und das tut sie jetzt mit einer Ausstellung "Comics! Mangas! Graphic Novel!", dreimal mit dickem Ausrufezeichen. Der deutsche Comic wird nur knapp gestreift, ist wohl auch eine etwas zähe Angelegenheit, ansonsten geht es einmal quer durch die Geschichte. "Die Bonner Schau macht deutlich, welch enormer künstlerischer Reichtum sich innerhalb des Mediums verbirgt", schreibt die TAZ, "und selbst in restriktiven Zeiten konnte Subversives in die vermeintlich gefällige Form eingeschmuggelt werden."

Womöglich ist man – Society is nix! – bei der Bonner Schau subversiv weiter als in latinisierten Klassikern, die alle Nichtlateiner außen vor lassen, ganz sicher aber weiter als im fünften Aufguss von House of Cards…

Kein Nikolaus zu Pfingsten

Seis drum. Wir bleiben bei der TAZ, denn die kümmert sich um die gehaltvollen Dinge des Lebens. Pfingstschokolade nämlich. "In der Weihnachtszeit gibt es Nikoläuse, an Ostern Eier, nur an Pfingsten gibt es nichts Süßes. Liegt es womöglich daran, dass man sich nicht merken kann, worum es bei dem Feiertag geht?" fragt die TAZ, bat mehrere Chocolatiers um Abhilfe und erhielt mehr oder weniger kenntliche Friedenstauben oder Flammen in Schoki mit Rosen- und Chiliaroma… Über den Erkenntnisgehalt dürfen und sollen Sie sich selbst den Kopf zerbrechen. Denn es gibt ein Gewinnspiel: Eine Original TAZsche Köstlichkeit erhalten Sie, "wenn Sie erklären können, warum Chili ein logischer Bestandteil von Pfingstschokolade ist und was das mit der Taube soll." Bis zum 7. Juni dürfen Sie knobeln.

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