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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.04.2021

Aus den FeuilletonsBuch statt Bühne

Von Ulrike Timm

Kulturstaatsministerin Monika Grütters steht in einer Buchhandlung vor gefüllten Bücherregalen mit einem Buch in der Hand.  (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)
Nimm ein Buch: Im "Tagesspiegel" erklärt Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dass Lesen das Verständnis fördere. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)

Drinnen wie draußen: Kulturveranstaltungen stehen wegen der Bundesnotbremse quasi wieder vor dem Aus – und Kulturstaatsministerin Monika Grütters singt im "Tagesspiegel" ein Loblied auf das Buch. Es sei eine "Quelle der Demokratie".

Die Notbremse sprach, es werde schlimmer, und es wurde schlimmer: "Wir dürfen nicht mal draußen spielen. Alle Appelle waren umsonst: Das neue Infektionsschutzgesetz setzt die Kultur bei Inzidenzwerten von über 100 komplett auf null. In Innenräumen wie im Freien bleibt sie im Lockdown."

Kulturnation Deutschland ohne Kultur

Der TAGESSPIEGEL räumt eine komplette Seite, um klarzumachen, dass die neuen Bestimmungen für den kulturellen Bereich einen Schlag ins Gesicht noch kurz vor dem Knockdown bedeuten. "In der leidenschaftlichen Bundestagsdebatte wurde die Einschränkung der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit nicht mal erwähnt, anders als die Ausgangssperre", so der TAGESSPIEGEL weiter, "dass das Aus für die Künste im Parlament der Kulturnation Deutschland keinen scherte, erschüttert dann doch."

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Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zitiert den Leiter des Sprengel-Museums Hannover, Reinhard Spieler, mit den Worten: "Wir haben Luftwerte, die einem Operationssaal vergleichbar sind". Der Einzelhandel darf unter Auflagen weiter öffnen, Museen, Theater und Konzerthäuser erst nach fünf Tagen unter einem Inzidenzwert 100. "Während die Politik Angst vor juristischen Schritten der Wirtschaft hat, scheint sie davon auszugehen, dass die Museen und Ausstellungshäuser nicht gegen ihre Träger klagen werden."

Ein Loblied aufs Buch

Kulturstaatsministerin Grütters kann wenig erreichen, da ihre Position dem Kanzleramt zugeordnet ist, und das hat die Verschärfungen auf den Weg gebracht.

Es mutet trotzdem, gelinde gesagt, ziemlich seltsam an, dass Monika Grütters ausgerechnet jetzt auf der zweiten Seite des TAGESSPIEGELS, nach den "Stillgestanden"–Beiträgen, die fassungslos selbst das faktische Aus von Freiluftveranstaltungen für Musik und Theater beklagen, ein Hohelied aufs Buch singt. Lesen fördere Verständnis und könne vor Fanatismus schützen, sei eine "Quelle der Demokratie". Stimmt alles. Aber für viele gehört eben auch anderes zum Leben als allein vor sich hin zu schmökern. Und mit doppelt und dreifachem Netz versehene und geprüfte Hygienekonzepte für Theater und Konzerthäuser gibt es zuhauf.

Wir lassen unserem Frust freien Lauf, und das können wir auch, denn die FAZ widmet sich ausführlich dem Joggen. Das ist ja noch erlaubt, sogar bis Mitternacht. Dietmar Dath aber bleiben Jogger wesensfremd: "Ja, wo keuchen sie denn?" Fragt er in der FAZ, "Sie telefonieren beim Joggen. Sie schieben den Kinderwagen joggend in den Stoßverkehr am Autobahnzubringer, oder von der Brücke in die Spree. Sie hören Billie Eilish, Shindy oder den späten Beethoven beim Joggen." Und – fügen wir hinzu  rempeln so morgens halb wach manchen Fußgänger schlicht um oder sorgen für die eine oder andere Vollbremsung, wenn sie die Kreuzung überqueren.

Robert Habeck, der gute Verlierer

Wo bleibt das Positive? "Respekt, Herr Habeck" ruft die TAZ dem Grünen-Mitchef zu, weil er offen über seine Niederlage gegen Annalena Baerbock spricht. Baerbock hatte im Kanzlerkandidatenduell der Grünen schlicht die besseren Karten, um sich durchzusetzen, und das wird sie ihm unmissverständlich klargemacht haben, mutmaßt die TAZ. "Was Habeck gerade macht, ist vorbildlich und ehrenhaft", meint Ulrich Schulte, "Der Mann, dem seit Jahren ein übergroßes Ego vorgeworfen wird, stellt sich in den Dienst der Sache. Er macht das etwas melodramatisch, zugegeben, Habeck bleibt Habeck. Aber er macht es eben auch redlich, ehrlich und ohne södereske Gemeinheiten. Wenigstens versucht er nicht, seine Niederlage mit Tortenguss zu überziehen".

Schließen wir angesichts der allseits doch recht desolaten Lage mit einem Hilferuf des TAGESSPIEGELS: "Herr, gib uns Sinn und Struktur". Oder wollen wir noch ein bisschen drauflegen, so à la: Herr, lass Hirn vom Himmel regnen? Kann eigentlich nicht schaden. Aber wahrscheinlich hört wieder keiner zu.

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Fazit

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