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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.12.2019

Aus den FeuilletonsBeethoven war auch nur ein Mensch

Von Arno Orzessek

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Der Sänger Henning Jäger stellt Beethoven 2020 in einer Kölner Musiktheaterproduktion dar. (imago images / Horst Galuschka)
Beethoven, wohin man schaut: 2020 wird im Zeichen des Komponisten stehen, hier dargestellt von dem Sänger Henning Jäger. (imago images / Horst Galuschka)

2020 wäre Ludwig van Beethoven 250 Jahre alt geworden. Die "Welt" zeigt uns seine allzu menschliche Seite, wenn sie über seine Verdauungsbeschwerden schreibt: "Ludwig, der Verstopfte. Unten wie oben, wo bald schon kaum mehr Töne hineindrangen."

"Das Genie aus dem Nichts", titelt die Tageszeitung DIE WELT, und zwar so, dass die Überschrift mitten im Bildnis eines jungen Mannes steht. Wer diesen Mann – so wie wir – nicht sofort erkennt, wird vielleicht noch einmal über seine Allgemeinbildung nachgrübeln, sobald er die Unterzeile liest. Sie lautet, hübsch ironisch: "Völker hört die Signale: Das Beethoven-Jahr 2020 beginnt."

Das Bild des jungen Beethoven stammt übrigens von dem Maler und Komponisten Willibrord Joseph Mähler. Und falls Sie "Willibrord" ohne leisen Zug ins Brutale artikulieren können, lassen Sie uns bitte wissen, wie das geht. Der WELT-Autor Manuel Brug bespricht die Bonner Ausstellung "Beethoven – Welt.Bürger.Musik" und erklärt frei von Etepetete:

Meerrettich ins Ohr gestopft

"Dass dieser Beethoven auch einen Unterleib hatte, das wissen wir vor allem aus den Klagen über die ewigen Verdauungsbeschwerden. Ludwig, der Verstopfte. Unten wie oben, wo bald schon kaum mehr Töne hineindrangen. Die Hörrohre wie riesige Suppenkellen, sie faszinieren mit anrührendem Grusel. Heilmethoden gegen den Audio-Verlust: frischer Meerrettich auf Baumwollbinden gestrichen und ins Ohr gestopft."

So burschikos-hautnah würde ein Jan Brachmann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG Beethoven nie zu Leibe rücken. Brachmann spaziert vielmehr gedanklich durch englische Landschaftsparks, deren "Erlebnisdramaturgie" er in Beethovens ersten beiden Klavierkonzerten wiederfindet: "Mit ihren ausgedehnten harmonischen Verdunkelungsfeldern und den Mediantverbindungen, jenen terzverwandten Tonarten also, die quasi harmonische Sichtachsen zwischen weit entfernten Punkten der Tonalität schlagen."

Beethoven aus seiner Zeit heraus begreifen

Tja, und die Bonner Ausstellung soll nun in ihrer "Bewegungsführung" sowohl jenen Parks als auch Aspekten der Beethoven’schen Klavierkonzerte gleichen. Eine synästhetische Dreifach-Analogie, deren vollständiger Genuss vermutlich am besten gelingt, wenn man Jan Brachmann selbst ist – den wir hier noch einmal zu Gehör bringen:

"Die Ausstellung will den Komponisten nicht ‚vom Sockel holen‘ oder ‚dekonstruieren‘, wie das lange schick war. Sie will ihn auch nicht auflösen im Prisma seiner Wirkung. Sie will erzählen, wer Beethoven war, ihn aus seiner Zeit heraus begreifen, ohne ihn vorab zu überhöhen. Von Reinhart Kosellecks Begriff der ‚Sattelzeit‘, des Übergangs von der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen Epoche, hat man sich leiten lassen."

So ist er, der FAZ-Autor Jan Brachmann: Erst schwelgt er von Landschaftsparks und "Mediantverbindungen", um uns in die Ausstellung zu schmeicheln – dann sattelt er noch locker die "Sattelzeit" des Historikers Koselleck drauf.

Reinhart Kosellecks Briefe an Carl Schmitt

Apropos Koselleck! In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG stellt Gustav Seibt, stilistisch ein Halbbruder von Brachmann, den bei Suhrkamp erschienenen Briefwechsel zwischen Koselleck und Carl Schmitt vor, dem "einstigen ‚Kronjuristen des Dritten Reiches‘", wie die SZ in Anführungszeichen schreibt:

"Carl Schmitt wird bei höherem Alter immer grämlicher und verbitterter, zumal eine neue Generation von Lesern nun mit moralisierender Entschiedenheit seine Texte aus dem Dritten Reich ausgräbt. Koselleck schreibt lange Briefe zu den runden Geburtstagen, die das Maß an Emotionalität, das diesem absichtsvoll unexpressiven Menschen überhaupt möglich war, ausschöpfen. Koselleck blieb ein Denker ohne jegliches Ressentiment, das unterschied ihn zeitlebens von Schmitt."

Im Berliner TAGESSPIEGEL erklärt unterdessen Christine Brinck, "was Flüchtlinge heute aus 2000 Jahren Judenvertreibung lernen können". Die Einzelheiten lesen Sie bitte, ob Flüchtling oder nicht, selbst nach. Das Wichtigste aber, wenn auch Absehbare, steht schon im Titel: "Sprache ist der Schlüssel".

Und das war’s. Falls Sie der kommenden Woche sorgenvoll entgegenblicken, rufen wir Ihnen mit einer SZ-Überschrift zu: "Wird schon schiefgehen."

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