Graffiti in Berlin

Die Suche nach dem Katzensprayer

42:27 Minuten
Graffiti bzw. Streetart eines Katzenkopfes auf einer grauen Hausfassade.
Graffiti, Stencils (mit Hilfe von Schablonen angebrachte Bilder) oder Zeichnungen auf Häuserwänden und in Treppenhäusern sind vor allem eins: Sachbeschädigung, seit 2005 unabhängig davon, ob Mauer oder Fassade wirklich beschädigt wurden.(Symbolbild) © imago / Newscast
Von Gerd Brendel und Julian Farny · 05.12.2021
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Wem gehört die Stadt und wer darf in ihr Zeichen hinterlassen? Ein Journalist, ein Dozent für kreatives Schreiben und Nachbarn in einem Mietshaus im Berliner Westen gehen der Frage anhand eines Katzengraffitis auf den Grund.
Am Anfang steht ein Aushang unserer Hausverwaltung im Treppenhaus zur bevorstehenden Renovierung. Auch die Graffiti, die über die Jahrzehnte den Hausflur bevölkert hatten, sollen unter neuer Farbe verschwinden, darunter – gleich hinter der Haustür – die schwungvolle Silhouette einer Katze, die uns Mieterinnen und Mietern ans Herz gewachsen ist.
Das Katzengraffiti im Berliner Treppenhaus.
Das Katzengraffiti im Berliner Treppenhaus.© Deutschlandradio / Gerd Brendel
Gemeinsam beschließen wir, Unterschriften zu sammeln, die wir einen Tag später dem Vermieter mit der Bitte schicken, die Katze doch zu erhalten. Während wir auf eine Antwort warten und die Handwerker mit ihren Farbeimern anrücken, stürzen wir uns in eine aufregende Recherche.
Spurensuche bei der Polizei
Graffiti, Stencils (mit Hilfe von Schablonen angebrachte Bilder) oder Zeichnungen auf Häuserwänden und in Treppenhäusern sind vor allem eins: Sachbeschädigung. Das ist so seit 2005, unabhängig davon, ob Mauer oder Fassade wirklich beschädigt wurden.
Kein Wunder also, dass die vermutlich größte Sammlung von Graffiti auf den Computern der Berliner Polizei gespeichert ist. Deshalb haben wir uns mit Gerhard Grube beim Landeskriminalamt verabredet, einem Experten für Graffiti als Sachbeschädigung. Aber in seiner Bilddatei findet sich zu "unserer Katze" kein Vergleichsmaterial. Er kann uns nicht weiterhelfen.
Noch mehr Expertengespräche
Dann fragen wir bei einem Experten für Graffiti als Kunst nach, beim Galeristen Michael Schmalfuss, der sich auf zeitgenössische Kunst spezialisiert hat und auch Künstlerinnen aus der Street-Art vertritt. Er erläutert diverse Darstellungsformen des Genres, hat letztlich aber keine konkrete Vorstellung, wer "unsere Katze" geschaffen haben könnte.
Porträt von Gerd Brendel und Julian Farny.
Gerd Brendel und Julian Farny© Deutschlandradio / Gerd Brendel
Später auf unserer Suche treffen wir einen Experten für Zeichenkunde und für das Lesen des Textes der Stadt, den Kulturwissenschaftler Stephan Porombka von der Berliner Universität der Künste. Er setzt sich von Berufs wegen mit Fragen wie unserer auseinander:
"Das Erste was ich sehe, ist die Tradition, in der das steht. Es gab den berühmten Schweizer Sprayer Nägeli aus Zürich aus den 70er-, 80er-Jahren. Er hat solche Figuren gemacht, die sehr stark stilisiert, wie aus einem Schwung gezeichnet waren. Insofern hat man es mit einem sehr kunstvollen Graffiti zu tun, das nicht so nebenbei – ‚ich hinterlasse mein Signal, ich bin hier gewesen‘ - gemacht wird, sondern tatsächlich als Werkstück. Das Zweite, was ich sehe, dass es kontextbezogen ist, es ist nicht zufällig da. Wir haben es mit einer Katze zu tun, die auch von ihrer ganzen Bewegung her – treppauf geht. Es kann nur von jemanden gemacht worden sein, der wahnsinnig schnell sieht, wie er diese Figur in den Raum setzt oder da wohnt."
Veränderter Blickwinkel
Während wir weiter auf die Antwort unseres Vermieters warten, verabreden wir uns mit einem Eigentümerehepaar, dem sehr viel daran gelegen ist, die Kontrolle über die Autorschaft auf seinen Stadttext-Quadratmetern zu behalten: Herr und Frau Schmitz heißen eigentlich anders und nur unter der Bedingung, dass ihre Stimmen verfremdet wiedergegeben werden, waren sie bereit, uns ein Interview zu geben:
"Wir haben unsere Ideen in dieses Haus gegeben. Es ist ein lebendiges Haus. Da gibt es dieses Maisonette, dann diesen Probenübungsraum. Das ist eine Idee. Wir haben oben absichtlich eine Wohngemeinschaft drin. Wir haben uns die Zeit genommen, wie der Beton gegossen wird. Wir haben große finanzielle Krisen überstanden, um es überhaupt zu schaffen. Die vorgeblendete Fassade ist, weil uns untersagt wurde, als wir den Bauantrag stellten, dass wir Balkone haben. Daraus wurde der sogenannte Catwalk. Jede Etage ist voll verglast nach innen und hat einen breiten Platz zu dieser Fassade davor, die mit Vorhängen versehen ist gegen die Sonne."
Der Architekt, der dem Ehepaar seinerzeit bei der Planung des Hauses zur Seite stand, heißt Christoph Rödig. Er lebt seit dem Mauerfall in Berlin und ist ein alter Freund. Auch er beschäftigt sich mit Fragen, die den öffentlichen Raum betreffen:
"Das ist auch ganz oft unser Thema: Wem gehört die Fassade, gehört sie den Bewohnern, gehört sie dem Architekten, der das Urheberrecht hat oder gehört sie den Passanten auf der Straße. Ich bin eher der Meinung: Sie gehört allen – ist ein Gemeinschaftseigentum."
Weil die Antwort unseres Vermieters auch weiter auf sich warten ließ, nutzten wir die Gelegenheit, uns mit BerlinerInnen aus der Enkelgeneration unseres Sprayers zu treffen – mitten in Berlin-Kreuzberg, wo kaum eine Fassade kein Graffiti zeigt:
"Warum mach ich das? Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist man irgendwie reingewachsen. Man hat eine Sozialisation. Dann bin ich auch in Berlin aufgewachsen. Das erste Mal war mit 14. Das ist jetzt schon viele Jahre her, 17 Jahre. Das letzte Mal in der letzten Woche irgendwann."
Ernüchterndes Fazit mit versöhnlichem Ausblick
Letztendlich sind wir auf der Suche nach dem Autor oder der Autorin unseres gemalten Katzenzeichens nicht weitergekommen. Stattdessen haben wir Menschen getroffen, die ihre ganz eigenen Zeichen in der Stadt hinterlassen, die auf ihrem Eigentumsrecht oder ihrem Freiheitsraum bestehen.
Wird unser Hauswirt am Ende sich und den Malern zumuten, im frisch renovierten Treppenhaus ein Rechteck auf der Wand auszusparen? Seine Antwort auf unsere Bitte, die Katze im Hausflur nicht überpinseln zu lassen, erreicht uns ein paar Tage später – in drei lapidaren Sätzen:

"Sehr geehrte MieterInnen, das wird sich machen lassen. Habe den Maler und den Architekten informiert. Wollen Sie mit UdK-geschulter Hand mit Bleistift oder gleich Abklebeband einen Rahmen ziehen, der weder zu eng noch zu weit ist? Das würde die Sache gewiss erleichtern und optimieren."

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