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Literatur | Beitrag vom 11.07.2021

Armut in der LiteraturWege nach unten

Von Maike Albath

Fotografie eines Stillebens mit einem Kochtopf aus dem ein Buch herausragt. (imago / Cavan Images)
In der Literatur beschäftigen sich viele bedeutende Romane mit dem Leben in Armut. (imago / Cavan Images)

Der leere Bauch bringt große Kunst hervor – meist glauben das Gutgenährte. Sicher ist, dass das Menschheitsthema Armut nicht wenige Künstler im 19. Jahrhundert zu bedeutenden Romanen inspiriert hat. Dann trat es in den Hintergrund. Nun ist die Armut zurück in der Literatur.

Wer von unten kommt, hat es nicht leicht. Die Armut scheint an ihm zu kleben. Allerlei Steine werden dem Armen in den Weg gelegt. Man verwehrt ihm die Schulbildung und das versprochene Salär, man hört seine Stimme nicht und verschließt die Augen vor seinem Leid.

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Anton Reiser muss sich immer wieder an fremde Mittagstische hocken und von Brosamen leben. Wenn sein Arbeitsherr, der Hutmacher Lobenstein, das Haus verlässt, zeichnet er Kreuze auf Brot und Butter. Die hungernden Lehrlinge und Gesellen sollen sich nicht an dem vergehen können, was ihm allein zusteht.

Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz schildert 1785 in seinem berühmten, nach der Hauptperson benannten Anti-Bildungsroman "Anton Reiser", wie grausam die Lage des Armen ist und welche psychologischen Effekte ärgste Not zeitigt.

Schreckgespenst Pöbel

Die rapide Industrialisierung im 19. Jahrhundert bessert die Lage der Armen nicht, im Gegenteil. Sie löst die sozialen Bande, in denen die milde Gabe eine Christenpflicht und Selbstverständlichkeit ist, und lässt Millionen Menschen trotz harter Arbeit in den aus dem Boden schießenden Fabriken verarmen: Männer wie Frauen, alte und junge.

Der englische Schriftsteller Charles Dickens schildert im Roman "Oliver Twist" die übliche Kinderarbeit. Theodor Fontanes Neureiche und Adlige sehen in den Armen den Pöbel, ein Schreckgespenst, das mit allen Mitteln in die Schranken zu weisen ist.

Nicht nur der preußische Staat errichtet Kasernen in den unruhigen Arbeitervierteln. Der Arme ist kein Opfer, er ist der innere Feind.

Unausrottbar

Im 20. Jahrhundert werden die Mittel subtiler, die Armen bleiben jedoch arm und ihre Lage bitterernst. In den Erzählungen von Andor Endre Gelléri schlagen sich die Budapester Wäscher und Heizer mühsam durch.

Flann O’Brien pariert die irische Hungersnot mit der bitterbösen Satire "Das Barmen", Cormac McCarthy lässt seinen mythischen Helden Cornelius Suttree 1979 einen uramerikanischen Überlebenskampf in einer stinkenden Kloake ausfechten.

Von heutigen Schicksalen berichten Annett Gröschner, Julia Friedrichs und Christian Baron. Arme gibt es immer noch, auch in einem der reichsten Industrieländer der Erde, wie Deutschland. 

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Max Urlacher, Barbara Becker, Martin Engler und Maike Albath
Ton: Thomas Monnerjahn
Regie: Stefanie Lazai
Redaktion: Jörg Plath
Produktion Deutschlandfunk Kultur 2021

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