Soziologe Armin Nassehi

Impfen ist jetzt wichtig - nicht die Impfpflicht

29:45 Minuten
Illustration einer heterogenen Personengruppe mit Mundschutz, nach der Impfung mit einem Pflaster auf der Schulter.
Illustration einer heterogenen Personengruppe mit Mundschutz, nach der Impfung mit einem Pflaster auf der Schulter. © Getty Images / iStock / Maria Petrishina
Moderation: Thorsten Jantschek · 27.11.2021
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Die Coronakrise lenkt den Blick auf die Grundlagen moderner Gesellschaften: Trotz großer Lösungsressourcen komme es nicht zu koordiniertem Handeln, sagt der Soziologe Armin Nassehi. Was helfen könnte: das Impfen zur Routine werden zu lassen.
„Mir ist es lieber, die Leute lassen sich gegen eine – sagen wir mal – ‚dumpfe Überzeugung‘ impfen, als dass sie lange darüber nachdenken und es dann nicht tun“, sagt Armin Nassehi. Die Diskussion um die Impfpflicht ist für den Münchner Soziologen purer Aktivismus. „Was wir brauchen, ist nicht eine Impfpflicht, sondern Impfungen“, betont er.
Für Nassehi ist nicht das Coronavirus das Problem, sondern die Grundkonstellation einer modernen, in unterschiedliche Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Recht oder Wissenschaft ausdifferenzierten Gesellschaft. Alle Bereiche funktionierten für sich gut, bis hin zu den grandiosen Erfolgen in der Entwicklung der Impfstoffe.
Porträt von Armin Nassehi im Studio der ARD Talkshow "Hart aber Fair".
Das Impfen müsse zur Routine werden, findet der Soziologe Armin Nassehi.© picture alliance / dpa / Horst Galuschka
Zugleich komme aber ein Handeln aus einem Guss nicht zustande. Eine paradoxe Situation für Nassehi: Wir verfügen über alle Ressourcen zur Lösung der Coronakrise und scheitern dann an der gesellschaftlichen Komplexität.
Impfen muss Routine werden
Koordiniertes Handeln setzt für Nassehi voraus, dass es so etwas wie ein operatives Zentrum gibt, das das kollektive Handeln ins Werk setzten könnte. Das gibt es aber nicht in der Gesellschaft, weder das politische System noch die Wissenschaft noch die Religion übernehmen diese Funktion. Dieses Paradox wird als Überforderung erlebt.

Was womöglich das medizinisch Richtige ist, überlastet die Ökonomie, überlastet Familien, überlastet das Bildungssystem. Das erleben wir gerade in einer Situation, in der wir ohnehin im Stress sind, in der auch Personen, Menschen natürlich in ihrem Alltag im Stress sind, weil kaum eine Routine richtig funktioniert.

Armin Nassehi, Soziologe

Im gesellschaftlichen Normalfall wird der Einzelne durch unsere Expertenkultur entlastet, das betrifft viele Einzelentscheidungen. Wir steigen in Flugzeuge, nehmen Medikamente, ohne zu wissen, wie sie funktionieren. Dies scheint in einer Krisensituation für Nassehi ausgehebelt.

Das Impfthema ist dafür ganz interessant, weil man sehen kann, dass wir normalerweise auf Expertenkulturen oder zumindest in Routinen vertrauen. Vertrauen heißt, nicht so genau hinzugucken. Jetzt gucken wir genau hin und wollen dann nicht.

Armin Nassehi, Soziologe

Der Ausweg aus dieser Situation besteht für Nassehi nicht in der Diskussion der Impfpflicht, die dann erst im nächsten Jahr greifen wird. Viel entscheidender sei die Schaffung eines Anreizsystems, das es ermöglicht, das Impfen selbst zu einer Routine werden zu lassen, bei der wir gar nicht mehr über die Frage nachdenken, ob wir uns impfen lassen oder nicht.
„Ich glaube“, so Nassehi, „dass die meisten Dinge, die wir tun – dazu gehört wahrscheinlich irgendwann auch das Impfen bezüglich Corona –, so in Routinen eingebaut werden müssen, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.“

Armin Nassehi: "Unbehagen – Theorie der überforderten Gesellschaft"
C.H. Beck Verlag, München 2021
384 Seiten, 26 Euro

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