Armin Nassehi: "Unbehagen"

    Raus aus dem dauerhaften Krisenmodus

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    Das Buchcover "Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft" von Armin Nassehi ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen.
    Der Soziologe Armin Nassehi sucht nach Lösungen für eine Gesellschaft, deren Lösungspotenziale erschöpft scheinen. © Deutschlandradio / Verlag C.H.Beck
    Von Vera Linß · 22.09.2021
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    Die Gesellschaft scheint zunehmend unfähig zu sein, konzertiert auf Krisen zu reagieren. Armin Nassehi schlägt in seinem neuen Buch vor, gesellschaftliche Bereiche neu zu verzahnen. Wie das gehen könnte, zeigt er am Beispiel der Palliativmedizin.
    Was beschreibt die derzeitige Grundstimmung am treffendsten? Genau ein Wort: Krise. Ob Klima, Corona oder Migration – die Welt scheint aus den Fugen. Und was es gefühlt noch schlimmer macht: Obwohl man im Prinzip weiß, wie die jeweiligen Probleme anzugehen sind, zieht die Gesellschaft nicht an einem Strang und verharrt so dauerhaft im Krisenmodus.
    Für Armin Nassehi ist genau das die Quelle des sich zunehmend breitmachenden Unbehagens: die Kluft zwischen gesellschaftlichen Erfordernissen und dem Gefangensein des Einzelnen in seinen Routinen des Alltags. Kann es einen Ausweg aus diesem Zustand der "Überforderung" geben? Ist die konzertierte Aktion für eine bessere Welt überhaupt möglich?

    Politische Appelle allein reichen nicht

    Jedenfalls nicht mittels politischer Appelle, ist sich der Soziologieprofessor von der Universität München sicher. Die Gesellschaft sei so stark ausdifferenziert, dass ein Masterplan für alle einfach nicht möglich sei.
    Deshalb fordert er einen Perspektivwechsel – weg von der Fokussierung auf das Kollektiv, wo alle gemeinsam anpacken sollen, hin zu den Strukturen der Gesellschaft. Seine Kritik: Deren Funktionsweise habe man viel zu wenig im Blick. Das sei der "blinde Fleck" in den Sozialwissenschaften.
    Die Theorie, mit der Armin Nassehi diese Lücke füllen will, betrachtet die Gesellschaft als einen operativen Raum, in dem Prozesse oder - theoretisch gesprochen "Gegenwarten als kleinste Einheiten des Sozialen" - nebeneinander stattfinden.

    Jede Einheit hat ihre eigene Perspektive

    Ob Wirtschaft, Politik, Medien, Recht, Wissenschaft oder Familie: Jede dieser Einheiten habe ihre eigene Perspektive, und jede verlaufe nach ihrer eigenen Logik – und das durchaus effektiv. Was jedoch fehle, sei ein Ort, an dem diese unterschiedlichen Kontexte nachhaltig aufeinander bezogen werden können.
    Sein Modell erläutert der Soziologe nicht nur theoretisch. Immer wieder erklärt er es auch praktisch. Etwa am Umgang mit der Corona-Krise. Hier habe es viele gelungene Ansätze gegeben. Das entscheidende Scheitern sei dann bei der Abstimmung passiert.
    Was aber nun ist die Lösung? Armin Nassehis wichtigste Forderung: Ein Bewusstsein für Komplexität muss her! Ein nächster Schritt wäre dann, "Anschlussfähigkeit" zwischen den einzelnen Bereichen der Gesellschaft herzustellen.

    Bewusstsein für Komplexität schaffen

    Wie das gehen kann, erklärt er überzeugend am Beispiel der Palliativmedizin. Dort gelinge es zunehmend, Mediziner, Pflegende und Erkrankte kommunikativ auf Augenhöhe zu bringen und so eine Sensibilität für den "praktikablen Willen" der Patientinnen und Patienten zu schaffen.
    Das ist die große Stärke dieses Autors: Er macht plausibel, wie die Gesellschaft neu verzahnt und "Überforderung" reduziert werden kann. Angesichts erhitzter Debatten über die großen Zukunftsfragen kühlt Armin Nassehi die Emotionen runter, ohne die Herausforderungen zu negieren.
    Gleichzeitig ist das aber auch eine Provokation für alle, die lautstark nach der großen Transformation rufen: Veränderung gehe eben meist nur in Schritten vonstatten, so Nassehi.

    Armin Nassehi: "Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft"
    C.H. Beck, München 2021
    384 Seiten, 26 Euro

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