Architektur und Obdachlosigkeit

    "Das humanitäre Drama vor unserer Haustür"

    07:03 Minuten
    Vor einem dunklen Hintergrund ist eine Neonskulptur zu sehen: die leuchtende Silhouette einer obdachlosen Person, die auf einer Matratze liegt
    Teil der Münchner Ausstellung: Fanny Alliés Neonskulptur „The Glowing Homeless“. Das Kunstwerk thematisiert das Unsichtbarwerden von Obdachlosen in New York City. © Fanny Allié
    Andres Lepik im Gespräch mit Liane von Billerbeck  · 03.11.2021
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    Die Ausstellung „Who´s next?“ im Münchner Architekturmuseum beschäftigt sich mit der globalen Lage von Obdachlosen. In der Architektur sei dieses Thema bisher in Forschung und Lehre ein „blinder Fleck“, sagt der Museumsdirektor Andres Lepik.
    In der Corona-Pandemie hat sich die Obdachlosigkeit weltweit verschärft. Das Münchner Architekturmuseum widmet sich in der Ausstellung "Who´s next?" der Lage in Städten wie Tokio, Moskau oder Los Angeles, zeigt aber auch, dass es architektonische Lösungen geben kann.
    "Wir zeigen die Situation, wie sie sich im Augenblick global zuspitzt", sagt Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Anhand ausgewählter Metropolen werde klar, dass jede Stadt bei der Obdachlosigkeit ihr eigenes Profil habe. "Das reicht von Leugnung, wie zum Teil in Moskau oder auch in Schanghai, bis zu den absolut katastrophalen Zuständen in Los Angeles." L.A. sei inzwischen die Hauptstadt der Obdachlosen in den USA.

    Suche nach architektonischen Lösungen

    Aber es werde nicht nur das Drama gezeigt, sondern auch das, was Architektur in dieser Diskussion an Lösungsansätzen beitragen könne, so Lepik. Angebote wie die Notunterkünfte in vielen europäischen Städten würden der heutigen Situation nicht mehr gerecht, so der Museumsleiter. "Es geht jetzt nicht mehr darum, Menschen für eine Nacht ein Dach über dem Kopf zu geben." Angesichts der steigenden Zahlen müssten bessere Lösungen gefunden werden, um obdachlose Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

    Ausstellung in München: Was kann Architektur für Obdachlose leisten? [AUDIO]
    Der Kurator Daniel Talesnik habe der Ausstellung im Haus der Architektur eine ethnologische und kapitalismuskritische Perspektive gegeben, berichtet Bayern-Korrespondent Tobias Krone. Die diversen wirtschaftlichen Problemlagen globaler Megacities würden ausführlich beleuchtet, denn wer von Obdachlosigkeit rede, dürfe vom Wohnungsmarkt nicht schweigen.

    Ziegelsteinfassaden im Innenhof der Holmes Road Studios,einem Wohnprojekt für Obdachlose in London.
    © Morley von Sternberg

    Erfolgreiches Wohnprojekt in Wien

    Als gutes Beispiel nannte Lepik das Projekt "VinziRast" aus Wien. Das ehemalige Biedermeierhaus in der Innenstadt wurde vor rund zehn Jahren renoviert und ist heute ein Wohngemeinschaftsprojekt für Obdachlose und Studierende. "Das war etwas radikal Neues."
    Ein Bewohner des Wiener Obdachlosen-Projekts VinziRast-mittendrin in seinem Zimmer am Schreibtisch. 
    Mehr als ein Dach über dem Kopf: Das Wohngemeinschaftsprojekt „VinziRast“ in Wien. © picture alliance / APA / Herbert Neubauer
    Ein Café, eine Fahrradwerkstatt und die Vermietung des Dachgeschosses ermöglichten es den Bewohnern zudem etwas Geld zu verdienen.

    Blinder Fleck in der Architektur

    "Unsere Ambition ist es auch, mit dieser Ausstellung einen blinden Fleck in der Architektur als entwerferische Disziplin klarzumachen", sagt der Museumsleiter. Die Architektur habe sich sowohl in der Forschung wie in der Lehre in den letzten Jahrzehnten kaum mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt. Informelle Bauten wie Slums oder Favelas hätten zwar eine Rolle gespielt, nicht aber das "humanitäre Drama vor unserer Haustür."

    Die Ausstellung "Who´s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt" ist im Münchner Architekturmuseum bis zum 6. Februar 2022 zu sehen.

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