Antje Rávik Strubel über "Blaue Frau"

    Wenn "MeToo" und Ost-West aufeinandertreffen

    14:40 Minuten
    Porträtbild der Schriftstellerin Antje Rávik Strubel
    "Es war der Roman, an dem ich am längsten bislang geschrieben habe, sagt Antje Rávik Strubel über "Blaue Frau". Nicht nur wegen des komplexen Themas. © picture alliance / Erwin Elsner / Erwin Elsner
    Moderation: Andrea Gerk · 10.09.2021
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    Sexuelle Gewalt und Machtverhältnisse zwischen Ost und West: Das überschneidet sich in Antje Rávik Strubels Roman "Blaue Frau", der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Wegen ihrer Wut habe sie lange nicht weiterschreiben können, sagt die Autorin.
    Acht Jahre hat Antje Rávik Strubel an ihrem neuen Roman gearbeitet. "Blaue Frau" heißt er – und steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Er handelt von einer jungen Frau, die sexuelle Gewalt erfahren hat und in ihrem Trauma wie eingefrorenen ist.
    Die Hauptfigur Adina wuchs als letzter Teenager ihres Dorfs im tschechischen Riesengebirge auf. Bei einem Praktikum in einem neu entstehenden Kulturhaus in der Uckermark kommt es zu einem sexuellen Übergriff. Adina wird damit nicht ernst genommen und strandet letztlich in Helsinki, wo sie einen Ausweg aus ihrem inneren Exil sucht.
    Die Arbeit an ihrem Roman begann vor der "MeToo"-Bewegung, sagt Antje Rávik Strubel. "Sexualisierte Gewalt in allen möglichen Versionen" habe es auch vorher schon gegeben, das Thema sei nur weniger präsent gewesen.

    Häufigkeit von sexueller Gewalt

    Ausgangpunkt für ihre Beschäftigung mit dem Thema sei die Beobachtung gewesen, "dass ich Frauen kenne oder kennenlerne, denen so was passiert ist und die damit irgendwie leben müssen". Auch beim Übersetzen von Autorinnen habe sie das festgestellt: Lucia Berlin sei von ihrem Großvater missbraucht worden, Virginia Woolf von ihrem großen Bruder. "Dann dachte ich irgendwann: Das ist doch irgendwie nicht normal! Wieso ist das denn so häufig?" Sie habe ihr eigenes Aufwachsen ohne derartige Übergriffe für normal gehalten. "Aber dann stellte ich fest: Ich bin vielleicht doch eher die Ausnahme."
    Das Buch handle auch davon, was eigentlich "normal" sei und was wir als "normal" betrachten würden, so Strubel. "Mir kam das so vor wie: Na ja, passiert halt, ist halt die Normalität. Aber ich finde das überhaupt nicht normal!"

    Eineinhalb Jahre Schreibpause

    Machtverhältnisse seien insgesamt ein zentrales Thema des Romans: innerdeutsche, zwischen West- und Osteuropa sowie zwischen Männern und Frauen. Zwischen diesen Sphären gebe es Überschneidungen, etwa in Bezug auf den Mann, der Adina vergewaltigt: "Dieser Johann Manfred Bengel, dieser westdeutsche Kulturpolitiker, so wie er seine Fahne besitzergreifend in Ostdeutschland einpflanzt, so pflanzt er sich auch in Adina", sagt Antje Rávik Strubel.
    Es sei der Roman gewesen, an dem sie bislang am längsten geschrieben habe. Weil der Prozess sehr rechercheintensiv gewesen sei. Und weil sie zwischendurch nicht weiterschreiben konnte. "Ich wurde so wütend an einer an einer bestimmten Stelle" – an der es um die Vergewaltigung ging. "Wenn man Virginia Woolfs berühmten Ausspruch kennt, der sagt, man darf nicht im rot glühenden Licht des Zorns schreiben, sondern man muss den Geist weiß leuchten lassen – dann war mir klar, dass ich erst mal eine Pause brauche." Eineinhalb Jahre konnte sie nicht an dem Buch weiterarbeiten. "Aber es hat mich dann doch so immer wieder beschäftigt, sodass ich dann zum Glück wieder rangegangen bin."
    (abr)
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