US-Schriftstellerin Lucia Berlin

"Meine Geschichten suchen mich aus"

29:51 Minuten
Die Texte der US-amerikanischen Schriftstellerin Lucia Berlin erschienen zu Lebzeiten nur in Kleinverlagen und Zeitschriften. © Arche Verlag (Coverbild 'Was ich sonst noch verpasst habe')
Von Lore Kleinert und Mechthild Müser · 12.11.2021
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Zu Lebzeiten war Lucia Berlin wenig Ruhm beschieden. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod eroberte eine Neuausgabe ihrer Stories die Bestsellerliste der "New York Times". Auch in Deutschland wurde ihr Werk zum Erfolg.
"Ich hoffe, dass eines Tages ein junges Mädchen in die Bibliothek geht und eines meiner Bücher liest." Das soll Lucia Berlin auf die Frage eines ihrer Studierenden an der Universität in Boulder geantwortet haben, was sie sich für ihr Schreiben wünsche.
Ein Wunsch, der in Erfüllung geht, aber erst elf Jahre nach Berlins Tod. Da erscheint auf Betreiben einiger ihrer Freunde eine Auswahl ihrer Kurzgeschichten unter dem Titel "A Manual for Cleaning Women" in einem renommierten New Yorker Verlag. Der Band wird ein Bestseller.

Ein literarisches Ereignis

Die US-amerikanische Schriftstellerin, deren Texte zu Lebzeiten nur in Kleinverlagen und Zeitschriften erschienen waren, hat nichts mehr davon. Ein Jahr später, 2016, kommt ein Band mit 30 Erzählungen unter dem Titel "Was ich sonst noch verpasst habe" im Arche Verlag auf Deutsch heraus.
Was macht die Faszination von Berlins Texten aus? Die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel hat die Erzählungen lektoriert und übersetzt. Sie erklärt ihre Begeisterung so:
"Der erste Eindruck beim Lesen war sofort die reine Überwältigung. Ich war vollkommen gebannt und konnte nicht aufhören zu lesen. Ich wusste sofort, nach den ersten zehn Seiten, dass ich das unbedingt übersetzen will."

Um sie war Einsamkeit

Lucia Berlin, am 12. November 1936 geboren, erkrankte zehnjährig an Skoliose, die sie für den Rest ihres Lebens immer wieder ins stählerne Korsett zwang. Gutbürgerliche Familie, Vater Bergbauingenieur, Mutter Alkoholikerin. Der Großvater, ein Zahnarzt, missbrauchte seine Tochter und später auch seine Enkelin Lucia.
"Um sie war Einsamkeit, weil sie bestimmte Dinge mit niemandem teilen konnte. Viele ihrer Erfahrungen sind einzigartig für Frauen, für junge Mädchen", erzählt David Berlin, der dritte Sohn von Lucia Berlin, in dem Film "Love Lucia" von der Schweizer Schauspielerin und Regisseurin Ann Kathrin Doerig. Der Film wurde im Auftrag des Schweizer Kampa Verlags gedreht, der ebenfalls zwei Bücher von Lucia Berlin veröffentlicht hat.

Unterwegs in verschiedenen Milieus

Nach der Schule studiert Berlin Literatur, seit ihrem 23. Lebensjahr schreibt sie, mit 32 hat sie bereits vier Söhne und drei Ehen hinter sich. Sie arbeitet als Lehrerin, ist alleinerziehend, wird alkoholkrank und hat in der Zeit Jobs als Putzfrau, Telefonistin, Sekretärin in Notaufnahmen, Krankenstationen und Arztpraxen. Dann gibt sie das Trinken auf, wird zuletzt Dozentin für Kreatives Schreiben in Colorado.
Unzählige Male ist sie in ihrem Leben umgezogen, zwischen Alaska und Chile, Mexiko und New York. Antje Rávic Strubel erzählt: "Sie hat in den ersten zehn Lebensjahren die ganze Westküste des amerikanischen Kontinents vom Norden bis zum Süden durchquert. Dieses Unterwegssein zeichnet ihr gesamtes Leben aus, auch unterwegs sein zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Sie hat genau so totale Armut und Alkoholsucht wie auch Reichtum erlebt."
Lucia Berlin liebte Musik und Musiker. Ihr zweiter Ehemann war Pianist in Bars, den Nachnamen ihres dritten Ehemanns, des Saxofonisten Buddy Berlin, behielt sie ihr Leben lang.

Der Schmerz in ihrem Leben

Gefragt nach der wichtigsten Eigenschaft seiner Mutter, sagt David Berlin: "Jeder, der sie kannte, sieht das sicher anders. Selbst ich könnte nicht eine einzige herausgreifen, es hängt davon ab, über welche Mutter wir reden, über welche Seite ihrer Mütterlichkeit. Ich glaube, es wäre Intelligenz. Das wird unterschätzt bei meiner Mutter. Die Leute schätzen die Tragik, den Humor, ihre Schönheit oder ihr Trinken, aber sie war supersmart und voller Einsicht. Sie konnte sehr schnell den Kern von was auch immer erkennen."
In der Erzählung "Nach Hause finden" geht es um den Schmerz in ihrem Leben:
"Ich habe nur deshalb so lange gelebt, damit ich meine Vergangenheit loslasse. Die Tür verschließe vor Trauer, vor Reue, vor einem schlechten Gewissen. Würde ich sie öffnen, nur einen selbstvergessenen Spalt, klatsch, flöge sie auf, ein Sturm von Schmerzen zerreißt mir das Herz vor Scham, nimmt es mir die Sicht, Tassen und Flaschen zerbrechen, Krüge zerschellen, Fenster bersten, blutig stolpere ich über verschütteten Zucker und Scherben aus Glas, panisches Würgen bis ich mit einem letzten Beben und Schluchzen die schwere Tür wieder schließe. Die Scherben aufsammle, noch einmal."

Schreiben als Maske und Schutz

Zum autobiografischen Gehalt der Erzählungen sagt Antje Rávic Strubel: "Man läuft leicht Gefahr zu meinen, das wäre autobiografisch. Allerdings hat selbst einer ihrer Söhne gesagt, nachdem sie ihre Geschichten gelesen hatten, wüssten sie gar nicht mehr, was eigentlich wirklich passiert ist und was nicht. Sie hat im Grunde das Material ihres Lebens benutzt und daraus Literatur gemacht. Es entzündet sich wechselseitig, würde ich sagen."
Lucia Berlin selbst sagte einmal dazu: "Es ist wirklich so eine Sache mit dem autobiografischen Schreiben. Erst mal ist ein Großteil davon Maske. Ein Schutz. Oder ein anderer Weg, meine Realität als akzeptabel wahrzunehmen."
"Die Faszination für diesen autobiografischen Hintergrund, das ist natürlich bei Lucia Berlin klar diese wandelnde Lebensgeschichte, diese verschiedenen Lebensentwürfe, die sie hatte", sagt Arche-Verlegerin Frauke Schneider: "Es gibt einfach unglaublich viele Dinge, die diese Autorin interessant machen in ihrem Alltag, in ihrem normalen Leben. Sie hat auch das Schreiben benutzt, um zurechtzukommen, um die Dinge aus der Distanz zu betrachten."

Postumer Erfolg

Im Juni 2016 stellte die Schriftstellerin Thea Dorn Berlins auf Deutsch erschienenen Kurzgeschichtenband im "Literarischen Quartett" vor. Es gab einhellige Begeisterung bei Volker Weidermann und Maxim Biller.
Biller fand: "Das ist meiner Ansicht das Beste, was wir bis jetzt hier im 'Literarischen Quartett' gehabt haben. Zum einen ist die Sprache lakonisch, einfach. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, fast jedes Ende ist erstaunlich." Weidermann ergänzte: "Wirklich alle Schrecken des Lebens scheinen dort nicht ausgelassen zu werden - und gleichzeitig dieser unglaubliche Humor, diese Leichtigkeit." Der Kurzgeschichtenband wurde auch in Deutschland zum Bestseller.

Hingabe an das Schreiben

Auf die Frage, was Lucia Berlins Literatur so besonders macht, sagt ihre Schweizer Verlegerin: "Auf der einen Seite wirkt einfach alles wie aus dem Leben gerissen, Momentaufnahmen. Ich würde auch gern wissen, ob sie es einfach runtergeschrieben hat. Das hat sie ja auch, glaube ich, mal behauptet. Wie viel hat sie tatsächlich im Nachhinein noch gemacht? Das wirkt ganz unbehauen, das wirkt wirklich so – auch suchend und tastend – wie das Leben selbst."
Lucia Berlins Schreiben dringt durch Lebenslügen und allzu glatte Oberflächen, zielt auf die Gebrochenheit der Menschen und ist nie ohne Mitgefühl. Hingabe an das, was sie tat, war ihr wichtig. Das versuchte sie auch, ihren Studenten zu vermitteln.
"Man kann Stil nicht lehren", sagte sie in einer ihrer Vorlesungen. "Man kann Talent nicht unterrichten. Man kann Schreiben eigentlich nicht unterrichten. Aber man kann über die Hingabe an die Arbeit reden und die Liebe dazu, darüber möchte ich etwas erfahren."

Sprecherinnen und Sprecher: Frauke Pookmann, Lisa Hrdina und Joachim Schönfeld
Regie: Cordula Dickmeiss
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Dorothea Westphal
Die Sendung wurde erstmals am 19. Februar 2021 ausgestrahlt.

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