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Nachspiel | Beitrag vom 20.10.2019

Antisemitismus im FußballLigaspiel unter Polizeischutz

Von Stefan Osterhaus

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Aris Kukanda vom TuS Makkabi und Philipp Grüneberg vom SV Lichtenberg im Zweikampf um den Ball. Beide schwingen das rechte Bein in die Luft, hin zum Ball. (imago images/ Matthias Kock)
Aris Kukanda vom TuS Makkabi und Philipp Grüneberg vom SV Lichtenberg im Zweikampf um den Ball. (imago images/ Matthias Kock)

Immer wieder sind die Spieler des jüdischen Vereins TuS Makkabi Berlin antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Nach den Anschlag von Halle wächst die Angst. Ein Ortsbesuch bei einem Auswärtsspiel der ersten Mannschaft.

Draußen vor dem Sportplatz an der Neuköllner Straße in Berlin-Rudow steht ein Mannschaftswagen der Polizei. Drinnen hat der Schiedsrichter das Spiel gerade angepfiffen. 

Der jüdische Klub TuS Makkabi Berlin ist zu Gast beim TSV Rudow, ein Spiel im Berlin-Pokal. Früher hätte ein solches Match als problematisch gegolten, sagt Markus von Nordheim, der Einsatzeiter der Polizei. In den vergangenen Jahren hätte sich die Situation aber zusehends entspannt. Sieben Beamte sind vor Ort, in leichter Montur, drei von ihnen tragen Schutzwesten.

"Wir haben auch gar keine Gefährdungsbewertung hierfür", erklärt Nordheim. "In den letzten Jahren ist es hier immer ruhiger geworden. Auch der Verein TSV Rudow ist von den eventuell mal vorhandenen rechten Unterstützern abgekommen. Und die spielen ganz normalen Fußball. Also alles gut."

Ein Routinespiel in Rudow

Von Nordheim verweist auf das Publikum: Gut 150 Menschen sind gekommen, der Rentneranteil ist nicht gering. Keine Schmährufe, nicht mal die üblichen Unverschämtheiten. Vor diesem Publikum muss sich tatsächlich niemand fürchten. 

Routine also, auch wenn es Makkabi ist, das heute hier spielt – und die Situation nach dem Anschlag in Halle sicher eine andere ist als sonst: 

"Die Berliner Polizei ist schon sehr hoch an jüdischen Einrichtungen mit einem Schutz bedacht", sagt Nordheim. "Natürlich haben wir ein Auge drauf, wenn TuS Makkabi spielt. Aber nicht extra mehr, sondern wir sind hier vom zuständigen Abschnitt und gucken uns auch öfter mal den TSV Rudow an, das ist kein Problem. Sie sehen ja, unsere Ausrüstung ist entsprechend des Geschehens nicht angemessen – in dem Sinne, weil wir davon nicht ausgehen, dass hier irgendetwas passieren könnte."

Auch Beamte in Zivil sind vor Ort

Dennoch wollen sich die Einsatzkräfte ein Bild vom Geschehen verschaffen – und nicht nur die Männer in Uniform: Zwei Kollegen von der Abteilung Sportgewalt sind in Zivil gekommen. Reden wollen die Herren vor dem Mikrofon nicht. Aber es ist klar: Ihr Auftauchen steht im Zusammenhang mit dem Anschlag.

Makkabis Akteure wissen es zu schätzen, dass Präsenz gezeigt wird. Obwohl, und das ist überraschend, Trainer Wolfgang Sandhowe von keinen Anfeindungen in Liga- und Pokalbetrieb zu berichten weiß. 

Er ist viel herumgekommen im Berliner Fußball, auch Türkiyemspor hat er schon trainiert. Die Stimmung bei Auswärtsspielen unterscheide sich kaum von der, die er früher mit anderen Teams erlebt hat.

"Genau das gleiche wie bei Türkiyem, bei Berliner SC, genau das gleiche", erläutert Sandhowe. "Da gibt es keine negativen Tendenzen. Das muss ich weit von mir weisen. Ich habe das so nicht erlebt. Wenn ich es erlebt hätte, würde ich es sagen. Also wir werden überall korrekt behandelt."

Was Spieler und Funktionäre erleben

Wolfgang Sandhowe ist noch nicht lange im Verein. Er trainiert die Mannschaft seit dieser Saison. Viel länger ist Kapitän Alec Privalov im Klub. Gegen Rudow war er verletzt, er beobachtete des Geschehen von Außen. 

"Aus meiner Perspektive als Sportler", sagt Privalov, "ich bin seit vielen Jahren im Verein, ich hatte weniger Erlebnisse, ohne dass ich die klein reden möchte. Aber ich habe wenige Erlebnisse wahrgenommen."

Auf den ersten Blick widerspricht Privalovs Schilderung der Vorstellung von den Anfeindungen, denen Makkabi-Spieler auf den Berliner Sportplätzen immer wieder ausgesetzt sind.

Aber es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Das hat mehrere Gründe: Zum eine könne er während eines Spiels nicht alles wahrnehmen, sagt der Kapitän. Außerdem hätten Funktionäre andere Erfahrungen gemacht als er:

"Wenn ich an unseren ehemaligen sportlichen Leiter denke, den Claudio Offenberg, der könnte halt sehr viele Geschichten erzählen, sehr viele Vorfälle schildern, die er wahrgenommen hat", berichtet Privalov. "Er ist aber wahrscheinlich auch ein Stück weit sensibilisierter, weil er das Ganze von außen betrachtet. Als ein Sportler auf dem Platz gibt es Sachen, die blendet man aus, die nimmt man gar nicht so wahr, wie jemand außerhalb des Feldes, der vielleicht auch hört, was die Fans sagen, oder der sich mit einigen Zuschauern unterhält."

In den Kreisligen gibt es mehr Anfeindungen

Und dann verweist Privalov auf die weiteren Mannschaften vom TuS Makkabi: Die erste Mannschaft ist eine multikulturelle Truppe. Es gibt Spieler afrikanischer Herkunft, deutscher aber auch arabischer. Anders ist es bei in den Klassen darunter:

"Bei der zweiten und dritten Herren kann natürlich die Frequenz und die Häufigkeit von solchen Vorfällen höher sein", sagt Privalov. "Da spielen auch viel mehr jüdische Spieler. Die sind A vermutlich noch mehr sensibilisiert und B ist das für den Gegner noch offensichtlicher, dass man zwar gegen TuS Makkabi spielt, aber auch gegen jüdische Spieler. Ich glaube nicht, dass die das in der Form kommunizieren. Aber bei uns in der Mannschaft, dadurch dass wir bei den ersten Herren so eine multikulturelle Truppe sind, wäre das einfach nur ein Nonsens. Bei den zweiten, dritten, schon eher. Die hatten auch in der jüngsten Vergangenheit Vorfälle, die wir noch nicht hatten."

Nicht in der Verbandsliga, sondern darunter, in den Kreisligen. Dort, wo weniger hingeschaut wird, als in der Berlin-Liga.

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