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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.09.2016

Annelie Keil / Henning Scherf: "Das letzte Tabu"Bewusst und ohne Verdrängung das Ende erleben

Von Azadê Peşmen

Eine ehrenamtliche Helferin hält die Hand einer sterbenden Bewohnerin, die in ihrem Bett im Christophorus Hospiz in München liegt. (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Sterben in einem Hospiz (dpa / picture alliance / Tobias Hase)

Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf wirbt in "Das letzte Tabu" für einen bewussten Umgang mit dem Lebensende. Man soll Abschied nehmen lernen, und zwar schon, bevor man krank und hinfällig wird.

Bücher über das Sterben haben seit Jahren Hochkonjunktur. Keine Buchsaison, in der nicht ein neues Buch zum Thema erscheint - und fast alle davon schaffen es auf die Bestsellerlisten, vor allem dann, wenn sie von bekannten Persönlichkeiten geschrieben wurden.

Nach Guido Westerwelle und Christoph Schlingensief hat genau das jetzt der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf getan. Doch anders als die zwei zuvor Genannten ist er selbst nicht todkrank. Henning Scherf hat eine Mission, und die heißt: das gute, selbstbestimmte Altern.

Abschied nehmen, bevor man hinfällig wird

In seinem Buch "Grau ist bunt" warb er für das Leben in einer Senioren-WG. Jetzt, in "Das letzte Tabu", das er gemeinsam mit der Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil verfasst hat, schreibt er über das Sterben und darüber, wie man Abschied nehmen lernen kann. Und das schon, bevor man krank und hinfällig wird.

Wo möchte ich sterben? Wer soll mich bis zu Tod begleiten? Welche lebenserhaltenden Maßnahmen lasse ich zu, welche nicht?

Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf im Porträt (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)Bewusst sterben: Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Neu sind diese Fragen nicht. Auch nicht in Büchern. Trotzdem sind sie wichtig, denn noch immer sterben die meisten Menschen in Deutschland - anders als die Mehrheit von ihnen will - in Krankenhäusern, und nicht selten sind sie dabei allein. Insofern ist es unabdingbar, sich zu positionieren.

Scherf scheut auch das Private nicht

Henning Scherf scheut dabei das Private nicht, erzählt vom Tod seiner Großmutter und wie ihn das beeinflusst hat. Seite für Seite wirbt er gemeinsam mit seiner Co-Autorin dafür, "bewusst und ohne Verdrängung die Endlichkeit unseres Lebens" zu erleben.

Das liest sich fast schon philosophisch – vielleicht hat das Buch auch deshalb gefühlte Längen und liest sich hin und wieder langatmig.

Doch die einzig echte Schwachstelle der 256 Seiten ist eine andere: Der plötzliche, der unvorhergesehene Tod kommt hier nicht vor.

Menschen sterben, aber nicht nur nach einem langen Leben, sondern eben auch durch Unfall, Krieg und Terror. Was das für die Hinterbliebenen bedeutet, wie man damit lernt umzugehen - das liest man hier nicht.

Annelie Keil / Henning Scherf: Das letzte Tabu
Herder Verlag, München 2016
256 Seiten, 19,99 Euro

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