Angelika Klüssendorf: "Vierunddreißigster September"

    Dorfleben und Totenreich

    06:37 Minuten
    Zu sehen ist das Cover des Buchs "Vierunddreißigster September" von Angelika Klüssendorf.
    Der Clou dieses Romans besteht darin, dass die Autorin noch eine zusätzliche Ebene einzieht: Der tote Walter ist die zentrale Figur des Textes. © Deutschlandradio / Piper Verlag
    Von Helmut Böttiger · 03.09.2021
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    Beklemmend und in hyperrealistischer Schwärze wird der Alltag eines ostdeutschen Dorfes beschrieben. Die bestechende Grundidee trägt jedoch keinen ganzen Roman.
    Die Kritik lobte an Angelika Klüssendorfs letzten Büchern die harte, illusionslose Sprache, die dadurch einen poetischen Reiz entwickelte. Auch "Vierunddreißigster September" lebt von diesem unverwechselbaren Stil.
    Der Roman spielt in einem kleinen ostdeutschen Dorf und zeigt den dortigen Alltag in einer hyperrealistischen Schwärze. Er geht in grotesk-fantastischen Passagen über eine bloße Bestandsaufnahme der Wirklichkeit weit hinaus.

    Ungewisse Abgründe

    Die ersten Seiten, bei denen jedes Wort sitzt, wirken wie immer bei Klüssendorf durch das Ausgesparte, das ungewisse Abgründe erahnen lässt. Zunächst steht die Figur Hilde im Mittelpunkt, bei deren Ehemann Walter ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert wird.
    Alles geschieht dabei in einem äußerst nüchternen Ton, man ist von Anfang an sehr weit entfernt von jeglicher romantischen Aufladung der Natur und des ländlichen Lebens. Was kurze Zeit danach passiert, wird in einer gespenstischen, beiläufigen Lakonie ohne Erklärung oder Gefühlsbeschreibungen benannt: Hilde erschlägt ihren Mann mit der Axt und verschwindet danach unauffindbar.

    Unverwechselbare Figuren

    Der Roman zeichnet im Folgenden, in kurzen collagierten Sequenzen ein Tableau der Dorfbewohner, langsam entfaltet sich, was Hildes Mord an ihrem Mann mit diesem Dorf zu tun hat. Es ist etwas Atmosphärisches, das Leben aber bis in den Kern Durchdringendes.
    Es geht bei Hildes Tat nicht um ein konkretes Motiv. Das zeigt sich indirekt auch in den verschiedenen Personenporträts, die sich daran anschließen. Sie wirken zunächst schonungslos realistisch, gehen aber sogleich in etwas Surreales über. Diese Figuren sind unverwechselbar und individuell, doch scheint in ihnen etwas Typisiertes durch, das manchmal satirische oder gar kabarettistische Züge aufweist.

    "Ich wollte keinen typischen Dorfroman schreiben", erzählt Angelika Klüssendorf im Interview [AUDIO]. Das ist ihr gelungen: In ihrem Buch wird Walter von seiner Frau mit der Axt erschlagen und lebt dann als Erzähler und Chronist wieder auf. Das Motiv der langjährigen Lebenspartnerin bleibt ein Geheimnis, wie Klüssendorf selbst hervorhebt. Walter immerhin schaut milde aufs Dorf. Klüssendorf sagt zu ihrem Ansatz mit einem Erzähler, der nach seinem Tod zu Wort kommt: "Ich habe die Toten auch deshalb gewählt, damit der Blick auf die Lebenden genauer werden kann." Die Toten könnten sich schließlich "eine Menge erlauben, was die Lebenden nicht können."

    Angelika Klüssendorf lehnt auf dem Schwarzweiß-Bild an einer Mauer. Sie hat schwarze, mittellange Haare
    © Andreas Hornoff
    Sie wirken wie Traumskizzen, doch erscheint dieses spezifische Dorfleben in all seinen Facetten hier viel genauer erfasst, als es eine bloße Reportage vermöchte: die jungen Alkoholiker, die hier hängengebliebenen Bauernsöhne, die erratische Wirtin Branka, der verzweifelte Biobauer, die Ortsvorsteherin und Witwe eines Stasihauptmanns, die zugereiste Schriftstellerin und ihr Trommlerfreund oder das westdeutsche Paar, das das alte Herrenhaus restauriert hat.

    Der tote Walter die zentrale Figur des Textes

    Der Clou dieses Romans besteht darin, dass die Autorin noch eine zusätzliche Ebene einzieht: Der tote Walter ist nämlich die zentrale Figur des Textes. Er geistert mit den anderen Toten des Dorffriedhofs weiter im Dorf herum und fragt sich, wie sein Leben eigentlich gewesen ist. Er möchte vor allem dem Geheimnis seines Todes auf die Spur kommen, doch im Gegensatz zu den anderen noch lebenden Dorfbewohnern taucht Hilde nie mehr auf.
    Formal wechseln die zombiehaften Kapitel aus Walters Totenreich und die realen Beschreibungen des Lebens der diversen Dorfbewohner ab. Das ist als Idee bestechend, denn man kommt dem Lebensgefühl in diesem Milieu beklemmend nah.
    Dennoch stellt sich ab der Hälfte des Buches der Eindruck ein, dass der Grundgedanke ausgereizt ist. Die zunächst verblüffende Wirkung verpufft schneller, als es die Romanstrecke eigentlich zulässt. Aber natürlich finden sich auch in diesem Buch etliche Sätze, die von der eigentümlichen sprachlichen Kraft der Autorin zeugen.

    Angelika Klüssendorf: "Vierunddreißigster September"
    Piper Verlag, München 2021
    216 Seiten, 22 Euro

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