Aufgewachsen bin ich in Kurenjowka, einem Vorort von Kiew, nicht weit von einer großen Schlucht, deren Name damals nur den Anwohnern bekannt war: Babyn Jar.
Wie die übrige Umgebung von Kurenjowka war sie ein Ort unserer Spiele oder, wie man so sagt, ein Ort meiner Kindheit.
Dann wurde sie an einem Tag schlagartig bekannt.
Etwas mehr als zwei Jahre war die Schlucht ein Sperrgebiet mit elektrisch geladenem Stacheldraht, einem Konzentrationslager und Warnschildern, die verkündeten, auf jeden, der sich nähere, werde das Feuer eröffnet.
(…)
Wir hörten nur in bestimmten Abständen MG-Salven: ratata, ratata ... Zwei Jahre hörte ich das Tag für Tag, und es klingt mir bis heute in den Ohren.
Anatoli Kusnezow: „Babyn Jar“
© Matthes & Seitz
Literarisches Zeugnis der NS-Barbarei
06:20 Minuten

Anatoli Kusnezow
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Babyn JarMatthes & Seitz , Berlin 2026526 Seiten
32,00 Euro
Mitte der 1960er veröffentlichte Anatoli Kusnezow sein Buch „Babyn Jar“ über das NS-Massaker an ukrainischen Juden 1941. Eine Neuübersetzung von Christiane Körner führt uns noch einmal die Barbarei vor Augen, die Kusnezow als Augenzeuge überlieferte.
„Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal. / Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein. Mir ist angst“, so beginnt Jewgenij Jewtuschenkos berühmtes Gedicht „Babi Jar“ in der Übertragung von Paul Celan.
Babi Jar – in ukrainischer Sprache: Babyn Jar – ist eine zum Sinnbild des Grauens gewordene Schlucht nordwestlich von Kiew. Am 29. und 30. September 1941 verübten Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes ein Massaker an 33.000 Jüdinnen und Juden, das größte Einzelmassaker während des Zweiten Weltkriegs. Unter dem Vorwand, Anschläge auf das deutsche Hauptquartier in Kiew rächen zu wollen, wurden diese Menschen zur Schlucht getrieben und in einem beispiellosen Blutrausch reihenweise erschossen.
Jewtuschenko veröffentlichte sein Gedicht im Jahr 1961, als tatsächlich kein Denkmal an die Ermordeten erinnerte. Im offiziellen sowjetischen Gedenken an den Großen Vaterländischen Krieg spielte der Holocaust keine Rolle, der staatliche Antisemitismus nahm mit Gründung des Staates Israel zu. Jewtuschenkos Poem war nach einem Besuch von Babi Jar entstanden – der Schriftsteller Anatoli Kusnezow, geboren 1929, hatte ihn dort hingeführt.
Kusnezow schrieb selbst an einem Denkmal für die Ermordeten. Sein Roman „Babyn Jar“ erschien 1966 in einer von der Zensur schwer entstellten Form in der Sowjetunion. Erst seine Emigration nach England ermöglichte es ihm 1970, die ursprüngliche Fassung zumindest in die westliche Welt zu bringen.
Roman eines Augenzeugen
Nun, 60 Jahre später, ist das Buch neu zu entdecken – in einer Zeit, in der ein weiterer Krieg auf ukrainischem Boden tobt, der auch ein Kampf um historische Wahrheiten ist und uns ins 20. Jahrhundert zurückkatapultiert.
Christiane Körner hat Kusnezows „Roman eines Augenzeugen“ – so der Untertitel – brillant neu übersetzt. Die für den Stil des Buches prägenden Hauptsatzreihen, die eine gewisse Atemlosigkeit nachbilden, behält sie bewusst und im Unterschied zu früheren Übersetzungen bei.
Grundlage von Körners Übertragung ist die Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1970. Die enthält – kursiv und in Klammern gesetzt – jene von der Zensur gestrichenen und vom Autor ergänzten Passagen. Es ist ein gewaltiges Erinnerungsmonument und ein eindrucksvolles literarisches Zeugnis von Gewalt und Unterdrückung.
Kusnezows Buch besticht durch die Perspektive des Kindes auf eine aus den Fugen geratene Welt. Seine Mutter profitiert von der sowjetischen Politik, sie steigt als Lehrerin sozial auf. Der Großvater, der von einem Bauernhof träumt, setzt Hoffnungen in den Einmarsch der Deutschen – die werden bald enttäuscht.
Dieser beschränkte, dadurch auch eingeengte Blick wird immer wieder aufgebrochen und geweitet durch Augenzeugenberichte – besonders durch jenen der Überlebenden Dina Pronitschewa. Auch etliche weitere Dokumente und Aussagen fließen in das Buch ein.
Ein Archiv des Schreckens
In unzähligen, perspektivenreichen, manchmal ihrer Grausamkeit wegen kaum erträglichen Episoden wird von unvorstellbaren Verbrechen erzählt. Mal in einem naiven, mal in fast nüchternem Ton.
Die Nazis tun sich dabei besonders hervor, aber der Autor verschließt die Augen nicht vor den Vergehen der ukrainischen Kollaborateure und der Sowjets. Ohne zu relativieren, ohne die eine gegen die andere Unmenschlichkeit aufzurechnen, richtet sich der Blick Kusnezows auf einen spezifischen Ort, den erst die abziehenden Deutschen, später die Sowjets dem Erdboden gleichgemacht haben, um ihn aus dem Gedächtnis zu löschen.
Durch die vielen episodischen Berichte entsteht geradezu ein Archiv des Schreckens, der Not, der Angst, des Hungers, der Sinnlosigkeit. Zuweilen bricht der Erzähler aus seinem radikalen Protokoll aus und versucht, Lehren zu ziehen aus dem Geschehenen.
Der sowjetische Humanismus, der deutsche, der assyrische, der vom Mars – ach, wie viele Humanismen gibt es auf der Welt, und jeder strebt zuallererst danach, so viele Leutchen wie möglich zu erschießen, jeder beginnt und endet mit Babyn Jar. Babyn Jar ist das wahre Symbol eurer Kulturen und Humanismen.
Die Neuausgabe von „Babyn Jar“ ist mustergültig: Sparsame, aber instruktive Anmerkungen und ein Nachwort der Übersetzerin machen Einordnungen leichter und die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte deutlich. Der Historiker Bert Hoppe würdigt Kusnezows Buch in einem angehängten Essay als „Pionierleistung“. Und die ukrainische Autorin, Verlegerin und Übersetzerin Kateryna Mishchenko erkundet die „Geografie eines Dokuments“ und stellt Verbindungen zu unserer Gegenwart her.
Zweifelsohne ist Kusnezows montierter, erzählerisch heterogener Augenzeugen-Roman ein Schlüsseltext für das Verständnis des totalitären 20. Jahrhunderts – und damit leider auch des 21.
























