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Zeitfragen | Beitrag vom 29.10.2018

Albtraum ArbeitsplatzVom Umgang mit berufsbedingten Traumatisierungen

Von Andrea und Justin Westhoff

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Eine Hand schneidet mit einer Schere Papierpersonen auseinander. (imago / Ikon Images)
In immer mehr Berufsgruppen drohen Traumatisierungen durch Arbeitsunfälle. (imago / Ikon Images)

Etwa 10.000 Arbeitsunfälle, verursacht durch psychische und physische Gewalt, werden jährlich gemeldet - am häufigsten Angriffe auf Bahnbedienstete und medizinisches Personal. Die dadurch entstehenden Traumata müssen oft langwierig behandelt werden.

"Ich arbeite in einem großen Krankenhaus, mache dort seit 20 Jahren Diagnostik an neurologischen Patienten. Ich hatte mehrere Übergriffe durch Patienten in den letzten Jahren, die ersten Jahre gar nichts, in den letzten vier, fünf Jahren mehrere."

Jeanette lächelt viel, wenn man mit ihr spricht, aber das wirkt zugleich irgendwie traurig.

"Ich wurde schon anuriniert, mehrfach in den Unterleib getreten, mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, angespuckt. Ich wurde auch mehrfach mit Ausdrücken wie ‚Fotze‘, ‚Arschloch‘ und ähnlichem belegt. Aber die Patienten sind nicht immer Herr ihrer Sinne. Der letzte Patient war schon als aggressiv eingewiesen, das wusste ich zum Zeitpunkt des Übergriffes aber nicht. Er hatte also vorher vermutlich einen Ausbruch, weil alles auf dem Boden verteilt lag, als ich kam und ihn angesprochen habe. Er schaute durch mich durch, machte Bewegungen, die nicht menschlich waren, sondern eher – wie von einem Tier."

Ihr versagt die Stimme – offenbar hat sie wieder das Bild des Angriffs vor Augen.

Hilfe in letzter Sekunde

"Ich bin Sozialarbeiter in einer betreuten Gruppenwohneinrichtung für Menschen mit sozialen Schwierigkeiten, man hat mit sehr vielen verschiedenen Charakteren zu tun, das macht’s spannend einerseits, und andererseits ist es eben auch manchmal sehr herausfordernd."

Auch der 40-jährige Peter wurde an seinem Arbeitsplatz angegriffen: 

"Wir hatten einen Bewohner, mit dem es sowieso schon über einen längeren Zeitraum Schwierigkeiten gab. Und dann war es so, dass wir ihm die Kündigung aussprechen mussten, und dabei ist der Bewohner auf mich losgegangen. Er hat mich gepackt, geschubst, und ich habe dann versucht zu flüchten. Auf der Flucht hab ich mir dann das Knie verstaucht, bin also verletzt im Treppenhaus liegengeblieben und hatte in dem Moment natürlich auch Todesangst, weil mir dieser Bewohner natürlich gefolgt war - wild brüllend, denn er hat ja auch schon mal jemanden umgebracht. Gott sei Dank ist nicht mehr passiert, es kam jemand zu Hilfe, der die Situation entschärft hat. Ich konnte dann ins Büro hinunterhumpeln und dann die Polizei rufen, beziehungsweise hat das meine Chefin gemacht." 

Die Gewalt-Schwelle gegenüber Hilfeberufen sinkt

Trauma ist ein plötzlich eintretendes Ereignis, das extreme Angst und ein Gefühl totaler Hilflosigkeit auslöst: Ein Bombenangriff im Krieg etwa, Terroranschläge, Folter, Vergewaltigung. Traumatisierungen können aber auch im normalen Arbeitsalltag vorkommen, vor allem bei bestimmten Berufsgruppen, sagt Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen, Leiter der Traumaambulanz in der Berliner Friedrich-von-Bodelschwingh-Klinik.

"Wir haben auch mal denjenigen nach dem Maschinenunfall, aber der Hauptteil sind doch Leute, die in Gewalttaten verwickelt wurden, vom Postboten bis zum U-Bahn-Fahrer. Das ist die Krankenschwester, aber eben auch Serviceberufe wie Mitarbeiter in Arbeitsämtern, Mitarbeiter natürlich der Polizei, die schon als Berufsbeschreibung in Konflikte gehen müssen.

Und leider vermerken wir auch zunehmend, dass Hilfeberufe Gewalt erfahren. Das ist teilweise so zu erklären, dass sie häufig mit Menschen zu tun haben, die auf Grund von Drogeneinnahme enthemmt sind. Aber darüber hinaus nehmen wir schon deutlich wahr, dass die Schwelle gegenüber Hilfeberufen, Gewalt anzuwenden - zum Beispiel wenn man unzufrieden ist mit dem Service, wenn man lange warten muss oder wenn die Hilfe nicht adäquat erscheint - doch erschreckend niedrig ist."

Gefährdet sind außerdem Beschäftigte, die mit Geld zu tun haben und überfallen werden könnten, in Banken, im Handel, an Tankstellen. Und nicht zu vergessen die Lokführer, die oft sogar mehrmals so genannte "Überfahrungen" oder "Schienensuizide" erleben müssen, wie der Konzernbetriebsarzt der Deutschen Bahn, Dr. Christian Gravert, bestätigt:

"Etwa die Hälfte aller Arbeitsunfälle bei den Lokführern entfällt auf dieses Thema. Wir haben etwa 700 solche Ereignisse im Jahr, durchschnittlich wird jeder Lokführer das zweimal in seinem Berufsleben erleben."

Die Zahl der gefährdeten Berufsgruppen steigt

Aber nicht nur plötzliche Extremereignisse am Arbeitsplatz können seelisch krank machen, sondern auch eine Dauerbelastung mit Schrecklichem: Das betrifft Kriminalbeamte, die im Bereich Kinderpornografie ermitteln oder sogenannte "Cleaner". Diese durchforsten die Social-Media-Seiten und müssen sich dabei oft stundenlang Hardcore-Pornografie und grausige Gewalttaten ansehen. Tatsächlich ist die medizinische Trauma-Definition kürzlich um einige gefährdete Gruppen erweitert worden:

"Das sind die Soldaten oder die Hilfskräfte, die zum Beispiel nach Konfliktfällen Ausgrabungen machen und viele verstümmelte Leichen finden. Und auch der Polizeibeamte, der zum Beispiel stark mit Bildern des Kindesmissbrauchs konfrontiert ist. Diese Menschen zeigen ähnliche Reaktionen: dass sie die Bilder nicht aus dem Kopf bekommen und Angst entwickeln. Nicht alle Menschen, die so was erleben, werden krank, aber manche eben doch, und denen muss man dann im Rahmen einer Therapie helfen."
 
Die Reaktionen nach einem traumatischen Erlebnis laufen oft gleich ab:

"Dazu gehören das Wiedererleben zum Beispiel in Form von Alpträumen, mit bildlichem Inhalt oder Hörinhalt oder auch Gerüchen. Des Weiteren, dass man gewisse Dinge, die mit diesem Erlebnis zu tun haben, möglichst nicht wieder erleben möchte und deswegen Orte, Situationen, aber eben auch andere Auslöser vermeidet. Und als dritte Kategorie der Bereich der erhöhten Sensibilität auf Schreckreize: ein dauerndes In-Hab-Acht sein, es könnte wieder etwas passieren."

Oft ist nichts mehr so, wie es einmal war

Peter zum Beispiel ist nach dem Angriff in der Wohngruppe schnell wieder arbeiten gegangen, gleich als die Knieverletzung verheilt war, "um gar nicht da hineinzukommen, dass sich so eine Angst verfestigt. Ich habe dann allerdings in der ersten Arbeitswoche gemerkt, dass da schon Ängste hochkamen. Es gab eine Situation, da hatte ich vorher schon mit einem Bewohner einen Konflikt gehabt, und dieser Konflikt, der bahnte sich jetzt wieder an. Ich habe gemerkt, ich habe einfach Angst davor, dass das eskaliert, weil ich ja einfach die Bilder von diesem Angriff des anderen Bewohners im Kopf hatte." 

Auch bei Jeanette war nach dem letzten Angriff eines Patienten nichts mehr wie vorher.

"Ich bin dann frohen Mutes an meinen Arbeitsplatz zurückgegangen. Ich dachte, ich bin ein besonders schlauer Mitarbeiter, wenn ich mich bestimmten Aufgaben und Patienten entziehe und hab gedacht, na ja, passiert mir nicht noch mal. Das ist eine ganze Weile auch gut gegangen, bis dann körperliche Symptome dazu kamen: Ich konnte ohne Schwindel nicht mehr durch mein Krankenhaus laufen. Ich bin immer öfter zu spät gekommen. Das hat mir alles so viel Druck gemacht, dass ich dann eines Tages am Arbeitsplatz durch einen Schreck, eines aggressiven Ausspruchs eines Patienten, einfach in die Knie gegangen bin, mich auf den Boden gelegt habe, weil es in meinem Kopf nur noch gerauscht hat, und – ja."

Treten solche Symptome akut auf, ist das zunächst kein Problem, sagt Olaf Schulte-Herbrüggen:

"Das heißt, dass man Reaktionen bis 72 Stunden nach dem Ereignis überhaupt nicht als eine Diagnose klassifiziert. Was ist denn auch ‚normal‘ oder ‚unnormal‘ auf ein so außergewöhnliches Ereignis? Ab einem Monat spricht man dann erst von einer posttraumatischen Belastungsstörung, vorher würde man eher von einer akuten Belastungsreaktion sprechen."

Die Rolle des sozialen Umfelds

Ob jemand krank wird oder nicht, hat zum einen mit der Art des Ereignisses zu tun: Durch andere Menschen zugefügte Verletzungen werden meist schlimmer empfunden als Unfälle oder Naturkatastrophen. Außerdem spielen persönliche Faktoren eine große Rolle: Wie belastbar oder stressempfindlich ist der oder die Betreffende. Es gibt Menschen, die selbst nach furchtbarsten Erlebnissen noch psychische Widerstandskräfte mobilisieren können. Und selbstverständlich hängt es auch vom Umfeld ab, wie gut oder schlecht jemand mit einem Trauma fertig wird.

"Das ist natürlich das soziale Umfeld, das familiäre Umfeld, es ist aber auch das Arbeitsumfeld. Und hier, muss man sagen, passieren viele Dinge, die nicht hilfreich sind:  Der Vorgesetzte, der reinkommt und sagt: ‚Reiß Dich mal zusammen, die nächste Schicht fängt an!‘ Wobei gerade ein Überfall stattgefunden hat. Das sind Interventionen, die eine Krankheit eher begünstigen. Das heißt, insbesondere in Berufsbereichen, die häufig mit belastenden Situationen einhergehen, ist es total sinnvoll, dass die Vorgesetzten und das Team geschult sind im Umgang mit Belastungen."

Beim Umgang mit traumatischen Erlebnissen am Arbeitsplatz hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert, sagt Dirk Scholtysik, Leiter Abteilung Psychische Gesundheit bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, DGUV. Vor allem im Hinblick darauf, ob etwas als Arbeitsunfall anerkannt wird.

"Für die Feststellung eines Arbeitsunfalls ist es vollkommen unerheblich, ob der Schaden in einer körperlichen Verletzung liegt oder auch nur eine psychische Beeinträchtigung stattgefunden hat." 

Ab wann liegt tatsächlich ein Arbeitsunfall vor?

Aber: Als Arbeitsunfall registriert wird ein Ereignis nur, wenn jemand dadurch mehr als drei Tage krankgeschrieben ist. Doch gerade die schweren psychischen Folgen zeigen sich oft erst später.

"Deshalb haben viele Berufsgenossenschaften zusammen mit ihren Unternehmen geregelt, dass auch Arbeitsunfälle oder Übergriffe gemeldet werden, die ohne eine Arbeitsunfähigkeit einhergehen, weil der Ansatz der Unfallversicherungen und Berufsgenossenschaften definitiv der ist, eine Chronifizierung unbedingt zu vermeiden. Dafür ist eine schnelle Abklärung der akuten Situation natürlich absolut notwendig."

Allerdings werden auch nicht alle psychischen Probleme als ‚Arbeitsunfall‘ anerkannt, die irgendwie im Zusammenhang mit einem traumatischen Ereignis am Arbeitsplatz auftreten.

"Voraussetzung für den Arbeitsunfall ist zunächst, dass ich ein plötzliches Ereignis habe, und infolge dieses Ereignisses muss ein Gesundheitsschaden eintreten. In der Regel ist das zunächst eine akute Belastungsreaktion, die sich dann in der Folge möglicherweise in anderen Erkrankungsbildern wie zum Beispiel Angststörung oder einer posttraumatischen Belastungsstörung manifestieren kann. Stellt sich allerdings im Laufe des Verfahrens heraus - und das kann schon mal passieren -, dass es eben auch andere Einflüsse gibt, die nicht auf den Arbeitsunfall, sprich: auf das Trauma, zurückzuführen ist, dann wäre gegebenenfalls später die Behandlung abzubrechen und dann zu Lasten eines anderen Versicherungsträgers weiterzuführen."

Das heißt: Zeigt sich während einer längeren Traumabehandlung zum Beispiel, dass der Arbeitsunfall zwar eine Angststörung ausgelöst hat, die Ursachen aber viel früher, etwa in der Kindheit, liegen, muss die Unfallversicherung die Therapiekosten nicht mehr bezahlen. Dann muss man gegebenenfalls bei der Krankenkasse weitere Therapiestunden beantragen.  

Wichtig: Psychologische 'Erste Hilfe'

Studien haben gezeigt, dass sich schwere und chronische Folgen von traumatischen Ereignissen am Arbeitsplatz oft vermeiden lassen, wenn die Betroffenen möglichst schnell, am besten schon direkt vor Ort psychologische ‚Erste Hilfe‘ finden: 

"Bei Großunternehmen kann das durch eigenes Personal geleistet werden. Unternehmen, die über wenig Personal vor Ort verfügen, arbeiten zusammen mit Notfallpsychologen, die diese Betreuung dann zeitnah zum Ereignis übernehmen." 

Lokführer der Deutschen Bahn haben sich früher oft darüber beklagt, dass man sie völlig allein gelassen habe nach einem Schienensuizid und sie manchmal sogar den Zug weiter zum nächsten Bahnhof hätten fahren müssen. Da hat sich vieles verändert, versichert der DB-Gesundheitsmanager Christian Gravert: 

"Wir helfen unseren Mitarbeitern, indem wir sie sofort aus der Tätigkeit ablösen. Damit wollen wir  die Folgen eines Unfallschocks reduzieren. Und wir bieten ihnen auch sofort kollegiale und bei Bedarf auch psychologische Betreuung an."

Bei Peter, dem Sozialarbeiter der betreuten Wohngruppe, hat die Hilfe nach dem Angriff auf ihn relativ gut funktioniert: Er hat rasch einen Kurzzeit-Therapieplatz in der Berliner Traumaambulanz bekommen, wo er über seine Angst sprechen und Strategien gegen das Gefühl des ‚Opferseins‘ entwickeln konnte. Besonders wichtig war aber auch die Unterstützung am Arbeitsplatz selbst: 

"Was natürlich auf jeden Fall hilfreich war, ist, dass wir eine Supervision hatten, das einfach auch noch mal zu verarbeiten. In unserem Team sind wir eigentlich letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass man solche Sachen eigentlich nicht hundertprozentig verhindern kann, dass es einfach ein Berufsrisiko ist. So wie ein Dachdecker vom Dach fallen kann. Trotzdem unterstützen wir uns natürlich. Zum Beispiel, wenn man merkt, dass ein Kollege mit einem Bewohner nicht gut arbeiten kann und sich die Aggression hochschaukeln. Dann haben wir auch schon die Sicherheitsvorkehrung, dass wir sagen: ‚Gut, jetzt übernimmt ein anderer Kollege die Betreuung.‘"

Warum die Folgen verleugnet und verdrängt werden

So gut lief es bei Jeanette nicht: Die Betriebsärztin und auch der Gutachter der Berufsgenossenschaft hatten die psychischen Probleme nach dem Übergriff bemerkt und angesprochen. Sie selbst wollte davon zunächst aber nichts wissen.

Verleugnung und Verdrängung der posttraumatischen Belastung sind bei vielen Betroffenen zu beobachten, sagt der Traumatherapeut Schulte-Herbrüggen. Oft noch verstärkt durch ein männliches Rollenbild:

"Es gibt ganze Berufszweige, die sich aus ihrem Berufsethos heraus schwer damit tun, dass sie eine Situation nicht bewältigen können. Das sind natürlich die Berufe, die per definitionem schon mit sehr belastenden Situationen einhergehen. Der Polizist und der Feuerwehrmann wissen: Ich werde schwierigen Situationen ausgesetzt sein. Und wenn dann eine Situation zur Überforderung führt, wird das Selbstbild schnell in Frage gestellt. Wir erleben dort eine Kultur, dass man versucht, Belastungssymptomatik weitestgehend zu deckeln."  

Das gilt auch für Beschäftigte der Bundeswehr: Inzwischen gibt es dort zwar viel mehr Hilfen: anonyme Formulare, eine Hotline, Therapeuten an einzelnen Standorten und ein spezielles Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Dennoch wird besonders bei Soldaten mit Auslandseinsätzen oft erst Jahre später eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert oder es zeigen sich Depressionen und Suchterkrankungen. 

Zusammenbruch bei der Anwältin

Auch Jeanettes seelischer Zustand wurde immer schlimmer. Aber während sie selbst nun realisierte, dass das mit dem Angriff auf sie zu tun hatte, waren die anderen Beteiligten zur Tagesordnung übergegangen: Die Unfallkasse legte den Arbeitsunfall – für sie ausschließlich eine "Fußverletzung" – ad acta. Und das Klinikum lehnte jegliche Bitte um Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz ab. Schließlich ging Jeanette zu einer Anwältin:

"Und da hatte ich einen kompletten Zusammenbruch. Ich konnte vor Tränen nicht mehr sprechen, als ich ihr erzählt habe, wie das passiert ist, und wie sich mein Arbeitsgeber verhalten hat. Sie war total entsetzt. Sie hat dann die Unfallkasse angeschrieben und darum gebeten, dass man mich in die Trauma-Ambulanz schickt – und dann ging es ratzfatz."

Während man normalerweise monatelang auf einen Therapieplatz warten muss, gibt es bei berufsbedingten Traumatisierungen seit 2012 ein Schnellverfahren: Innerhalb einer Woche bekommen die Betroffenen einige "probatorische Sitzungen" angeboten, ohne dass Anträge eingereicht werden müssen und ohne Kausalitätsprüfung.  

Wieder nach vorn schauen können

Traumafolgen lassen sich lindern, oft sogar heilen, sagt Olaf Schulte-Herbrüggen, der langjährige Erfahrungen auch mit schweren Fällen hat.

"Es braucht hierbei auf jeden Fall die Mitarbeit des Patienten oder der Patientin. Wenn dort ein hohes Engagement besteht, dann man kann eine Vollremission der Symptomatik erreichen. Diese Vollremission ist aber nicht zu verwechseln mit einem angstfreien Leben, oder dass ein schweres Ereignis einem nichts mehr ausmacht. Es geht darum, sich durch Erinnerungen nicht mehr so belasten zu lassen, dass man nicht mehr nach vorne gucken kann."

Bei der Behandlung berufsbedingter Traumatisierungen geht es allerdings nicht nur um die individuelle seelische Gesundung. Dirk Scholtysik von der Gesetzlichen Unfallversicherung:

"Parallel zur therapeutischen Behandlung werden die Versicherten sehr eng durch besonders geschulte Mitarbeiter begleitet. Deren Aufgabe ist es den gesamten Heilverlauf zu koordinieren und insbesondere zwischen den behandelnden Therapeuten, den Versicherten, aber auch dem Arbeitgeber zu vermitteln und die möglichst schnelle Wiedereingliederung einzuleiten in den Betrieb."

Doch davon lassen sich auch die Therapeuten, die mit der DGUV zusammenarbeiten, nicht unter Druck setzen, versichert der Leiter der Berliner Trauma-Ambulanz.

"Unsere Behandlung ist davon natürlich vollkommen unabhängig. Das heißt, es geht dem Therapeuten erst mal darum, die Ziele des Patienten zu erfüllen. Und häufig kann der Betroffene oder die Betroffene das am Anfang noch gar nicht gut einschätzen, weil ja noch so eine große Angst da ist. Man behandelt die Störung und guckt sich dann an, was braucht derjenige, um wieder einzusteigen, und das ist der Idealfall." 

Rückkehr an den Arbeitsplatz wird zum Kraftakt

In der Praxis aber spielen neben den medizinisch-psychologischen noch weitere Faktoren eine Rolle. 

"Dass der Patient einen Rückgang seiner Symptomatik erlebt, also weniger Alpträume hat oder weniger Angst hat, heißt noch lange nicht, dass er wieder arbeiten kann. Denn häufig gibt es eine große Schwelle im Kontakt mit dem Arbeitgeber, mit den Kollegen, wo vielleicht Konflikte entstanden sind, weil diejenige oder derjenige so lange nicht da war; es gibt ungeklärte Fragen zum Beispiel: ‚Warum hast Du mir nicht schneller geholfen, als du im Zimmer daneben warst?‘ "

Genau solche Erfahrungen hat Jeanette mit ihrem Arbeitgeber gemacht, einem großen Klinikkonzern – obwohl sie bereits mehrfach angegriffen worden war.

"Beim letzten Übergriff gab es keinerlei Hilfe danach. Hinterher gab es auch keine Bereitschaft, irgendwas an Warnsystemen oder Hilfenotruf oder so etwas einzurichten. Meine Versuche, mal zu fragen, ob es nicht mit mehr Personal ginge, wurden im Keim erstickt, solche Sachen wie: ‚So zartbesaitet sind Sie doch nicht’ oder – ich hatte ganz laut um Hilfe geschrien, und da wurde mir gesagt, dass manche Berufsgruppen eben nicht dazu da sind, um Hilfe zu leisten, sondern nur um Briefe zu schreiben, zum Beispiel. Das alles hat mich in eine Traurigkeit gestürzt, ja, in ein – posttraumatisches Syndrom, was ich jetzt weiß, was ich damals nicht wusste, es hat mich in eine Krankheit geführt." 

Derart im Stich gelassen vom Arbeitgeber reichten die wöchentlichen Therapiesitzungen bald nicht mehr aus. Jeanette kam zur Behandlung in die Tagesklinik der Traumaambulanz.

Doch die berufliche Wiedereingliederung gestaltete sich schwierig, denn anfangs hatte sie sogar Angst, überhaupt auf das Klinikgelände zu gehen.

"Ich habe das Haus nicht mehr betreten, seit ich hier in der Therapie, also in der Tagesklinik bin. Das Gefühl für die Arbeit schwankt immer so ein bisschen. Einmal bin ich ganz mutig und denke, das schaffst Du, das geht wieder. Dann kommen böse Gedanken, dass es wieder passieren könnte, dann kommt wieder das Gefühl, es gibt Security im Haus und ich habe einen tollen Therapeuten der mir die Angst, die Gedanken sozusagen, ein bisschen umgedreht hat, so dass ich wieder positiv denken kann und jetzt machen wir uns daran, dass ich meinen Arbeitsplatz wieder – ja – schöner sehe." 

Wie lassen sich Retraumatisierungen verhindern?

Die Verarbeitung von Gewalterlebnissen am Arbeitsplatz ist besonders schwierig, betont auch Jeanettes Therapeut, Dr. Dominik Ülsmann. Denn die Gefahr der Retraumatisierung ist ja durchaus real: 

"Angst ist da nur eins von vielen Gefühlen, was kommen kann. Ich nenne noch Ärger, Scham, Schuld, Traurigkeit - all das kann eine Rolle spielen. Und bei Angst ist es schwierig: Die häufigste Befürchtung ist natürlich, dass das wieder passiert. Die Wahrscheinlichkeit ist nie Null. Natürlich muss man gucken, abwägen, wie wahrscheinlich es ist, dass so etwas wieder passiert. Aber man muss auch abwägen, ob man es nochmal in Kauf nehmen will. Wir hatten es gerade eben schon mit einer Patientin, die sagte, mir bedeutet der Job so viel, ich will dahin zurück. Und dann hat man eine ganz andere Ausgangslage als Therapeut, um vielleicht eine Lösung zu finden, dass es einem zumindest mit dem Restrisiko nicht ganz so anstrengend, so schlecht geht."

Bei der Deutschen Bahn zum Beispiel setzt man auf "vorsichtige Konfrontation" bei traumatisierten Lokführern, berichtet der Konzernbetriebsarzt Dr. Christian Gravert:

"Die Rückkehr an den Arbeitsplatz kann mit psychologischer Hilfe erfolgen oder mit dem jeweiligen Teamleiter. Man wird dann erst mal mit Begleitung an der alten Unfallstelle vorbeifahren, und sehen, dass derjenige wieder ohne psychische Belastung seinen Beruf ausüben kann." 

Aber Dirk Scholtysik von der DGUV versichert auch: 

"Stellt sich heraus, dass zum Beispiel die Ängste oder andere psychische Störungen derart stark sind, dass eine Rückkehr auf den bisher vorhandenen Arbeitsplatz nicht mehr möglich ist, wird relativ schnell nach einer beruflichen Neuorientierung gesucht, und zusammen mit dem Betroffenen werden Möglichkeiten gesucht, in anderen Berufen eingesetzt zu werden, und das kann dann hin bis zu Eingliederungsmaßnahmen, aber auch zu beruflichen Fortbildungen und Weiterbildungen führen." 

Bei Lokführern ist das in etwa 10 Prozent der Fälle notwendig – die meisten von ihnen haben allerdings schon zwei oder drei "Überfahrungen" erlebt.

Physische und psychische Präventionsmaßnahmen

Besser – für alle Beteiligten – ist es, traumatische Erlebnisse am Arbeitsplatz zu verhindern. Dafür, so Dirk Scholtysik werden seit Jahren verschiedene Präventionsmaßnahmen entwickelt und erprobt: Betriebe, bei denen es Kassen gibt, haben zum Beispiel nur noch wenig Bargeld, damit sich Überfälle nicht lohnen. 

"Ein gutes Beispiel für technisch-bauliche Maßnahmen sind sicherlich die seit vielen Jahren bei allen großen Tankstellen eingeführten Nachtschalter."

Allerdings passieren die meisten Gewalttaten an Arbeitsplätzen, wo der direkte Kontakt zwischen Menschen nicht vermieden werden kann.

Deshalb wurde zum Beispiel für die Jobcenter in einer Studie ermittelt, in welchen Situationen es zu körperlichen Übergriffen auf die Mitarbeiter kommt: 

"Wichtige Konsequenz aus der Studie war, dass man zukünftig Mitarbeiter möglichst nicht mehr alleine an Arbeitsplätzen und vor allen Dingen nicht mehr am Ende des Flures einsetzt, wo niemand mitbekommt, was dort passiert. Eine zweite interessante Sache war, dass Aggressivität häufig dadurch hervorgerufen wird, dass Betroffenen gesagt worden ist bei der Beratung, sie hätten ihre Unterlagen nicht vollständig dabei. Sie wurden dann wieder nach Hause geschickt, und in Konsequenz aus dieser Tatsache haben die Jobcenter jetzt im Eingangsbereich ein zusätzliches System eingeführt, wobei eine qualifizierte Person prüft, ob alle Unterlagen vorhanden sind und auch, wenn das nicht der Fall sein sollte, bei der Ausfüllung der Anträge behilflich ist."

Und manchmal kann die Prävention nur bei den potentiellen Opfern ansetzen, zum Beispiel im Fall der "Schienensuizide".

"Es ist für uns ja sehr schwierig, solche Ereignisse zu vermeiden, aber wir können unsere Mitarbeiter gedanklich besser darauf vorbereiten. Ein Teil der Traumatisierung beruht auch auf der gespürten Hilflosigkeit, wenn einem so etwas passiert, und wenn die Mitarbeiter besser wissen, wie sie mit so einer Situation umgehen können, dann hat das einen stark stabilisierenden Effekt. Und deshalb haben wir ein zweitägiges Seminar in der Ausbildung, den Mitarbeitern zu zeigen, wie sie damit umgehen können und welche Hilfen es gibt, wenn ihnen einmal ein solches Ereignis zustößt." 

Die Arbeitgeber sind gefordert

Manche Arbeitgeber schalten jedoch auf stur in Sachen Prävention, wie bei Jeanette: Ihr Arbeitsplatz in der Klinik ist ein sehr kleiner Raum. Die Enge, die vielen Kabel und Geräte sind ohnehin schon problematisch für die Arbeit mit neurologisch oder psychisch Kranken. Aber wird ein Patient dann auch noch mitsamt Bett in den Untersuchungsraum gebracht, ist für sie jede Fluchtmöglichkeit verstellt. 

"Da hab ich unseren Sicherheitsingenieur gerufen, der arbeitet ja auch mit der Unfallkasse zusammen, da haben etliche Begehungen stattgefunden, wie man den Raum umgestalten könnte. Nachdem keiner eine Lösung wusste, ist auch niemand zurückgekommen. Das ist leider so in so einem Krankenhaus, wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis, und der Arbeitskreis und die Treffen haben zu nichts geführt, außer, dass es so bleiben kann in dem Raum."

Hinzu kommt, dass in dieser Klinik wie überall Personal eingespart wird.

 "Es gab Zeiten, sobald uns etwas oder komisch vorkam, waren wir immer zu zweit und haben das alles gemeistert, aber die Stellen wurden gekürzt, die Arbeit wurde verdichtet, gerade bei diesem speziellen Patientengut würde ich mir wünschen, dass wir zurückkehren zu einem Teamwork."

Etwa 10.000 Arbeitsunfälle, verursacht durch psychische und physische Gewalt, werden jährlich gemeldet - am häufigsten Angriffe auf Bahnbedienstete und medizinisches Personal. Sicher: Es braucht einen gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang miteinander. Aber angesichts der real existierenden Gefahren am Arbeitsplatz sind auch die Arbeitgeber gefordert.

"Dass es nicht nur um Geld und um Zeit geht, sondern dass da gerade, wenn solche Übergriffe stattfinden, jemand ist, der Hilfe anbietet, und auch vielleicht doch ein bisschen Geld in die Hand genommen wird für ein Sicherheitssystem, egal, was der gerade macht, da kommen gleich zehn Leute rein, die mir helfen, das würde ich mir wünschen."

Investitionen in Prävention sind langfristig günstiger

Zwingen allerdings kann man die Unternehmen nicht, sagt Dirk Scholtysik von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

"Bei klaren Verstößen gegen die Gefährdungsbeurteilung kann im Zweifelsfall vielleicht zusammen mit den Gewerbeaufsichtsämtern in letzter Konsequenz ein Bußgeld verhängt werden. Ob das sinnvoll und zielführend ist, möchte ich aber bezweifeln. Viel effektiver ist es hier, die Unternehmen zu überzeugen, dass Maßnahmen der Prävention eben nicht nur Leid ihrer Mitarbeiter mindern, sondern sich auch finanziell auszahlen."

Die Zahlen der DGUV zeigen, dass jeder Euro, der in die Prävention gesteckt wird, mindestens zwei Euro an Reha- oder sonstigen Folgekosten spart. Und angesichts des Fachkräftemangel sind die Arbeitgeber ohnehin gut beraten, etwas mehr für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu tun: Denn die könnten sich ihren Arbeitsplatz künftig auch danach auswählen, wie gut sie vor traumatisierenden Ereignissen geschützt werden.

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