Adolf Rudnicki: "Sommer 1938"

    Ein Mikrokosmos der polnischen Vorkriegsgesellschaft

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    Zu sehen ist das Cover des Buches "Sommer 1938" von Adolf Rudnicki.
    "Sommer 1938" ist ein literarisch beeindruckender Text voll psychologischer Spannung. © Deutschlandradio / Hentrich & Hentrich
    Von Martin Sander · 12.08.2021
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    Der polnische Schriftsteller Adolf Rudnicki veröffentlicht 1938 einen Essay über die Sommerfrische Kazimierz, in dem er mit scharfem Blick die zersplitterte polnische Gesellschaft seziert: das Dokument einer Lebenswelt vor ihrer Vernichtung.
    Das kleine Kazimierz am Ufer der Weichsel ist im Sommer 1938 – wie auch heute – ein beliebtes Reiseziel für Gäste aus ganz Polen. In Adolf Rudnickis Buch, das den "Sommer 1938" im Titel trägt, kommen sie vor allem aus der Hauptstadt Warschau. Die Einheimischen leben von den Urlaubern, vom Fischfang oder vom Betteln. Auch Künstler aus verschiedenen Teilen Polens haben sich dort niedergelassen.

    Ein entlassener Gerichtsdiener

    Unter den seltsamen Charakteren des Ortes sticht der wegen seines Geisteszustands längst entlassene Gerichtsdiener Jan hervor. Wenn er die Zugereisten um ein Almosen bittet, offenbart er ihnen zugleich seine Schauergeschichten.
    Eine davon: Sämtliche Maschinen der Stadt, die einst in seinem Besitz gewesen seien, und sein Auto lagerten nun auf dem Grund der Weichsel. Die Juden hätten ihm alles gestohlen.
    Der verrückte Gerichtsdiener fantasiert nicht nur. Er trommelt auch auf die Fenster eines jüdischen Nachbarn ein und fordert ihn auf, nach Palästina zu gehen. Das klingt dann auf einmal nicht mehr so verrückt, sondern ziemlich real.

    Gespaltene Gesellschaft

    Der polnische Schriftsteller Rudnicki hat seinen Erzählessay im Original 1938 veröffentlicht. Nun liegt er auch auf Deutsch vor. In detailgenauen Skizzen lässt Rudnicki eine Vielzahl von Figuren unterschiedlichster Herkunft in der Sommerfrische aufeinander los: Künstler, Kleinbürger, Außenseiter und Geschäftsleute, katholische und jüdische Polen, tief Gläubige und am Sinn des Lebens Zweifelnde oder Verzweifelnde. Was dabei herauskommt, ist eine Art Gruppenaufstellung der polnischen Vorkriegsgesellschaft.
    Diese Gesellschaft ist tief gespalten in verschiedene politische Lager. Insgesamt driftet die Zwischenkriegsrepublik nach dem Tod des Staatsgründers Józef Piłsudski immer mehr in autoritär-nationalistische Fahrwasser.
    Faschistische Ideen gewinnen an Einfluss. Radikale Nationalkatholiken grenzen Juden mit zunehmendem Erfolg aus der Gesellschaft aus. Linke und Liberale sind in der Defensive. Bei den polnischen Intellektuellen, die sich längst von ihrer jüdischen Herkunft entfernt haben, liegen die Nerven blank.

    Assimilierter Icherzähler

    Nervöse Selbstzweifel haben auch Rudnickis Icherzähler ergriffen. Er stellt die eigene Assimilation infrage, schaut mit neuem Blick auf seine Wurzeln. So verlagert sich die Handlung schließlich von Kazimierz nach Góra Kalwaria. In dieser Stadt unweit von Warschau zieht der chassidische Hof eines einflussreichen Zaddiks den längst nicht mehr traditionsgläubigen Großstädter in den Bann.
    Adolf Rudnicki kam 1909 als Aron Hirschhorn in einer dem Chassidismus verbundenen jüdischen Familie im Süden Polens zur Welt. Als Schriftsteller nahm er den Namen Rudnicki an. Den Holocaust überlebte er mit falschen Papieren und kämpfte im Untergrund gegen die Deutschen. Rudnicki starb 1990 in Warschau und hinterließ ein umfangreiches Werk, das um polnisch-jüdische Themen kreist.
    "Sommer 1938" ist ein literarisch beeindruckender Text voll psychologischer Spannung, ironisch gebrochen in der Haltung des Erzählers. Zugleich liest man dieses Buch heute zwangsläufig als einzigartiges Dokument einer Lebenswelt vor ihrer Vernichtung.

    Adolf Rudnicki: "Sommer 1938"
    Übersetzt aus dem Polnischen von Barbara Breysach
    Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021
    190 Seiten, 17,90 Euro

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