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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.04.2020

AdipositasWarum Dicke nicht selbst schuld an ihrem Übergewicht sind

Martina de Zwaan im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Silhouette einer Frau nachts vor dem offenen Kühlschrank. (Eyeem / Silke Enkelmann)
"Es kann nicht sein, dass 20 Prozent der deutschen Bevölkerung willensschwach sind," sagt Martina de Zwaan, die Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. (Eyeem / Silke Enkelmann)

Fettleibigkeit ist keine Frage von Willensschwäche, sagt die Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Martina de Zwaan. Sie fordert den Gesetzgeber auf, konsequent einzugreifen - Lebensmittelampeln reichten nicht aus.

Iss doch einfach weniger! Solche Ratschläge helfen Übergewichtigen nicht. Denn Adipositas sei keine Folge von Willensschwäche, betont die Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Martina de Zwaan:

"Sie dürfen nicht vergessen, dass 20 Prozent der Deutschen adipös sind. Und es kann nicht sein, dass 20 Prozent der deutschen Bevölkerung willensschwach sind."

Der Körper in der Überflussgesellschaft

Die Leiterin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover macht dagegen vor allem die Überflussgesellschaft für die Zunahme von schwerer Fettleibigkeit verantwortlich. Denn unser Körper sei auf den Überfluss und den Mangel an Bewegung, der zugleich in einer Gesellschaft wie der unseren herrsche, nicht ausgerichtet:

"Essen, um zu überleben, war über Jahrtausende wichtig. Das ist in unseren Genen immer noch sehr verankert, und wenn Essen da ist, dann essen wir auch. Wir haben sehr wenige Bremsen, und das muss man einfach akzeptieren."

Selbstverpflichtungen der Industrie reichen nicht

Vor diesem Hintergrund fordert de Zwaan schärfere politische Maßnahmen, um dieser "Epidemie" Herr zu werden.

Freiwillige Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie seien zwar "ein guter Anfang", reichten aber nicht aus - genauso wenig wie der Nutri-Score oder die Lebensmittelampel, die Menschen zeige, was ein gesünderes und was ein weniger gesundes Lebensmittel sei. "Ich glaube, es muss verpflichtende Auflagen auch an die Industrie geben", so die Medizinerin.

Während sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch viele Länder Adipositas inzwischen als chronische Erkrankung anerkennen würden, sei das in Deutschland leider noch nicht der Fall, kritisiert die Ärztin. Als Folge würden Gewichtsreduktionstherapien von den Krankenkassen nicht konsequent finanziert.

(uko)

Mehr zum Thema

Adipositas - Wie sich Stigmatisierung auf die medizinische Behandlung auswirkt
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 06.02.2020)

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(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 21.11.2019)

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