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Interview | Beitrag vom 10.10.2018

Abtreibung und Homosexualität in der katholischen KircheEs gibt kaum einen Fortschritt

Philipp Gessler im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Papst Franziskus (Mitte) am 10.10.2018 auf dem Weg zur Generalaudienz über den Petersplatz in Rom.  (dpa / Fabio Frustaci)
Die Frau ist für Papst Franziskus nach wie vor in erster Linie Mutter, sagt Philipp Gessler. (dpa / Fabio Frustaci)

Die Wahl von Papst Franziskus vor gut fünf Jahren war mit Hoffnungen auf eine Liberalisierung der katholischen Kirche verbunden. Jetzt hat sich der Papst mit den Worten „Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten“ zur Abtreibung geäußert.

Für viele Frauen ist eine Abtreibung die schwerste Entscheidung des Lebens. Der Papst sagt dazu: "Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen." Umgehend gab es Kritik. Der Vergleich zwischen einem Auftragsmord und einem Schwangerschaftsabbruch "beleidigt sowohl die Opfer eines Mordes als auch die Gewissensentscheidung einer Frau im Schwangerschaftskonflikt", erklärte der katholische Verein Frauenwürde heute erklärt.

Auch Philipp Gessler, Redakteur der evangelischen Monatszeitschrift "Zeitzeichen", kann sich nur schwer in diese Logik des Papstes hineindenken. Aber man müsse bedenken, dass die Gegnerschaft zur Abtreibung eine seit Jahrhunderten alte katholische Lehre ist, sagt Philipp Gessler im Deutschlandfunk Kultur. So habe sich Papst Franziskus seit seiner Zeit in Buenos Aires, wo er Erzbischof und Kardinal war, schon immer scharf gegen Abtreibung geäußert:

"Diese sehr scharfe Gegnerschaft zur Abtreibung entspricht diesem hohen Wert des Lebensschutzes in der katholischen Kirche. Die katholische Kirche hat zum Beispiel auch erklärt, dass die Todesstrafe auf keinen Fall mehr kirchenrechtlich erlaubt ist. Das heißt, wenn man den Embryo schon von Anfang an, eben auch im Mutterleib, die volle menschliche Würde zugesteht, und das tut die katholische Kirche, dann ist natürlich in einer gewissen Logik auch die Gegnerschaft zur Abtreibung ganz scharf."

"Es hat sich eigentlich wenig verändert"

So habe sich bezüglich des Frauenbildes in der katholischen Kirche auch unter Papst Franziskus nach Meinung von Phillip Gessler kaum etwas getan.

"Wenn man realistisch ist, hat sich eigentlich wenig verändert. Es gibt ein paar Frauen jetzt in etwas höheren Positionen im Vatikan. Es gibt diese Kommission, die der Papst eingesetzt hat, die nachdenken soll – es sind Theologen – über das Diakonat der Frau. Ob sie sozusagen Hilfspriester werden können. Wann und wie eine Aussage von dieser Kommission kommen wird, das wird noch lange dauern. Der Papst ist immer noch geprägt, glaube ich, von diesem auch südamerikanischen Machismo. Die Frau ist für ihn nach wie vor in erster Linie Mutter. Er macht ja auch viele Witze über Schwiegermütter. Es tut sich da leider nur sehr wenig. Auch wenn gerade am Anfang seines Pontifikats doch die positiven Aussagen über Frauen deutlich waren bei ihm."

Seit gut fünf Jahren ist Papst Franziskus im Amt. Damals hatten viele mit seiner Wahl auch eine Liberalisierung der katholischen Kirche verbunden. Philipp Gessler, selbst Katholik, hat aber immer noch Hoffnung.

"Es findet eine Art Zermürbungsfeldzug gegen ihn statt"

"Ich glaube, man muss sehen, dass da im Augenblick in der katholischen Kirche, gerade im Vatikan, eine Art Zermürbungsfeldzug gegen ihn stattfindet, von konservativen Kreisen, die eigentlich, wo es nur geht, oft in der zweiten Reihe, ihn bekämpfen."

Das Wichtige für den Papst sei nach wie vor das Reden von der Kirche der Armen, dass die Kirche arm sein muss, sagt Philipp Gessler.

"Alle anderen Fragen sind für ihn, nach meinem Eindruck, eher zweitrangig. Er will eine Kirche, die sich bewegt und die diskutiert. Und er gibt vom Vatikan her häufig eben nicht die Richtung vor. Und wenn er sie vorgibt, dann ist das oft nicht die Richtung, die wir in der westlichen, nördlichen katholischen Kirche gerne hätten."

So müsse sich der Papst auch selbst im Vatikan durchsetzen. Häufig sei es beim Papst so, er mache zwei Schritte voraus und einen wieder zurück, sagt Philipp Gessler. Papst Franziskus sende verschiedene Signale an verschiedene Gruppen in der Kirche.

"Es findet da eine Art Bürgerkrieg hinter den Mauern statt. So haben es sogar manche Theologen gesagt. Und was wir im Augenblick erleben, wie die Kommunionsfrage, die uns hier in Deutschland in den letzten Monaten beschäftigt hat, da konnte man dieses Hin und Her von verschiedenen Stellen sehen. Und am Ende hat der Papst im Grunde in konservativer Hinsicht nachgegeben."


Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Rom wolle Wucherpfennig wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche aus dem Amt drängen.  (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Rom wolle Wucherpfennig wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche aus dem Amt drängen. (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)
Parallel dazu wurde jetzt in Deutschland der Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, Ansgar Wucherpfennig, für das Amt wiedergewählt. Er wartet aber auf eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung aus dem Vatikan. Die kommt aber anscheinend nicht, weil er eine liberale Haltung zur Homosexualität hat.

"Deutsche katholische Kirche ist weiter"

So sei die deutsche katholische Kirche in dieser Frage weiter als der Vatikan, meint Philipp Gessler:

"Man findet in der ersten Reihe der katholischen Kirche, mit Ausnahme vielleicht von dem Bischof Voderholzer in Regensburg, kaum jemanden der offen homophob ist, beziehungsweise sich abfällig über Homosexuelle äußert. Da spielt auch die Missbrauchsproblematik eine Rolle. Weil die Wissenschaftler, die vor kurzem in Fulda diese Studie zum Missbrauch vorgelegt haben, haben unter anderem gesagt, dass auch die Homophobie in der katholischen Kirche oder in vielen Kreisen der katholischen Kirche eine gewisse Rolle gespielt hat. Eben verdrängte homosexuelle Neigungen von Priestern, die dann sozusagen ins Zölibat flüchten, um es jetzt mal ganz holzschnittartig zu sagen.

Die Studie hat gesagt, die Homosexualität hat nichts mit dem Missbrauch zu tun. Aber für gewisse Leute ist eben eine Problematik, vor allem diese verdrängte Homosexualität, oder der Glaube, man könne im Zölibat da irgendwie aus diesem Dilemma herauskommen. Ich glaube schon, dass die deutsche katholische Kirche da weiter ist. Aber es ist auch eindeutig, dass Homosexualität, auch die Genderdiskussion und auch das Thema Abtreibung so eine Art Signalzeichen für viele konservative Gruppen in der katholischen Kirche ist. Es ist eine Art Kulturkampf, der stattfindet."

(jde)

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