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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.08.2017

AbgasskandalRendite um jeden Preis?

Von Ulrich Thielemann

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Ein Auto mit dreckiger Stoßstange steht am 24.02.2017 vor dem Gelände des Staatstheaters in Stuttgart (Baden-Württemberg). Die Stadt Stuttgart will ein Fahrverbot von älteren Dieselfahrzeugen im Stadtgebiet prüfen. (picture-alliance / dpa / Lino Mirgeler)
Betrug "Made in Germany": Eine Folge des jahrelangen "Rentabilitätsextremismus", meint Ulrich Thielemann. (picture-alliance / dpa / Lino Mirgeler)

Wie konnte es zu den jahrelangen Betrügereien der Automobilkonzerne kommen? Ulrich Thielemann sieht hier einen "Rentabilitätsextremismus" am Werk, der sich durch Managementausbildung und Unternehmenskultur ziehe. Gewinnmaximierung um jeden Preis.

"Made in Germany". Dies stand einmal für ein Wirtschaftsverständnis, welches just der Automobilhersteller Audi treffend auf den Punkt brachte: "Vorsprung durch Technik". Damit eroberten die deutschen Autobauer die Welt. Heute müsste es wohl eher heißen: "Vorsprung durch Betrug". 

Leitender VW-Ingenieur als Bauernopfer?

Wie kann es sein, dass Ingenieure, die doch eigentlich einem professionellen Ethos verpflichtet sein sollten, jahrelang Öffentlichkeit, Behörden und Kunden systematisch betrogen haben?

Dem in den USA in Untersuchungshaft sitzenden Audi-Ingenieur Giovanni Pamino wird vorgeworfen, die Betrugssoftware aus finanziellen Motiven entwickelt zu haben. Um welche finanziellen Vorteile es sich bei dem Leiter einer untergeordneten technischen Abteilung hätte handeln können, bleibt allerdings unklar.

Er selbst sieht sich als Bauernopfer. Als leitender Ingenieur habe er sich einfach gezwungen gesehen, die Betrugssoftware zu entwickeln. Die Konstruktionsvorgaben aus vorgelagerten Abteilungen hätten ihm keine andere Möglichkeit gelassen. 

Boni korrumpieren

Um welche und wessen Vorgaben es sich dabei handelt, dazu geben die jüngsten Enthüllungen über Absprachen innerhalb der deutschen Automobilwirtschaft eine Antwort. Es waren nämlich die versammelten Chefs der Marketing- und Vertriebsabteilungen, die einen aus abgastechnischer Sicht groß genug bemessenen Ad-Blue-Tank für überflüssiges Zeugs hielten. In den Karossen hätte einfach nicht mehr genügend Platz für teure Extras wie Stereoanlagen bestanden. Und dies hätte diesen Managern den Bonus verhagelt. 

Nicht nur bei Volkswagen soll alles auf den Shareholder-Value ausgerichtet sein. Auch noch das, was die Konzerne Unternehmensverantwortung nennen, diene diesem Ziel.

Dieser Rentabilitätsextremismus zieht sich durch Managementausbildung und Unternehmenskultur. Anreize in Form variabler Vergütungen sollen die Entscheider darüber hinaus an nichts anderes denn an Rentabilität denken lassen. Alles, was die Rentabilität schmälern könnte, soll so ausgemerzt werden. Boni korrumpieren.

Trotz des Betruges macht VW Gewinne

Wer die Kursverluste der fraglichen Automobilhersteller als Indiz dafür deutet, Boni zahlten sich für die Aktionäre nicht aus, verkennt zweierlei:

Erstens, dass nur solche moralischen Verfehlungen zu Verlusten führen, die geahndet werden. Und: Sollten sie auffliegen, dann müssen die Strafzahlungen höher ausfallen als die Gewinne, die dem illegitimen oder illegalen Treiben entsprangen. Volkswagen fährt bereits seit dem letzten Jahr wieder kräftige Gewinne ein.  

Zweitens gilt: Selbst wenn die Gier des Managements, entfacht durch Boni, bloß kurzfristig zu Gewinnen, längerfristig aber zu echten Verlusten für Anleger führen sollte, so wird der kluge Anleger seine Aktien eben abstoßen, bevor dem Unternehmen milliardenschwere Strafen aufgebürdet werden. Hit and Run, zuschlagen und weglaufen, so nennt man diese Strategie.

Regulierung statt unbeschränkte Renditeinteressen

Letztlich hilft nur Regulierung. Und sie läge auch im Interesse derjenigen Anleger, die ihr Geld verantwortungsvoll investieren möchten. Den Aktionären dürfte es nicht mehr beliebig erlaubt sein, das Management durch geldwerte "Anreize" den eigenen, als unbeschränkt unterstellten Renditeinteressen gefügig zu machen. 

Dass es sich hierbei nicht um einen Privatangelegenheit zwischen Aktionären und Management handelt, zeigt unter anderem die Diesel-Affäre.

Der Direktor der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik, Ulrich Thielemann, im schwarzen Anzug, weißem Hemd und schwarzer Brille, Porträt, in die Kamera blickend (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)Der Direktor der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik, Ulrich Thielemann (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)Dr. Ulrich Thielemann, Jg. 1961, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wuppertal. Promotion 1996 und Habilitation 2011 an der Universität St. Gallen. Von 2001 bis 2010 war er Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. 2011 Gründung und seitdem Leitung des MeM - Denkfabrik für Wirtschaftsethik, Berlin.

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