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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.04.2018

Abdel-Samad: "Integration. Ein Protokoll des Scheiterns""Wir sind dabei, eine ganze Generation zu verlieren"

Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Christian Rabhansl

Eine gemischte Klasse, bestehend aus aus Zuwanderern, Flüchtlingen und ehemalige Flüchtlingen, hat am 17.11.2015 in der Edith-Stein-Schule in Ravensburg (Baden-Württemberg) Unterricht. Ziel ist das Erreichen des Hauptschulabschlusses. Foto: Felix Kästle/dpa (zu lsw Meldung: «Lehrer stoßen an ihre Belastungsgrenze» vom 19.11.2015) (picture alliance/dpa/Felix Kästle)
Flüchtlinge in einer Schulklasse (picture alliance/dpa/Felix Kästle)

Die Politik versuche Probleme bei der Integration muslimischer Migranten "wegzuretuschieren", kritisiert der Politologe Hamed Abdel-Samad. Auch bei der Integration von Flüchtlingen zeige sich, dass man aus der Vergangenheit nichts gelernt habe.

In seinem neuen Buch "Integration. Ein Protokoll des Scheiterns" wirft der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad der deutschen Politik schwere Fehler bei der Integration von muslimischen Migranten vor.

Dazu gehört für ihn auch, dass Probleme "wegretuschiert" würden, so Abdel-Samad im Deutschlandfunk Kultur. Jahrelang habe man in der Illusion gelebt, man könne "zwei völlig unterschiedliche Wertesysteme" versöhnen, ohne dass daraus ein Konflikt entstünde.

"Das islamische Wertesystem und das westliche Wertesystem passen einfach nicht zusammen." In Teilen würden sich beide System sogar ausschließen, meint der ägyptischstämmige Politikwissenschaftler. 

"Vor allem die Moralvorstellungen, Rollenvorstellungen, die Haltung zu Freiheit, zu Meinungsfreiheit – all das ist unterschiedlich."

Der Publizist Hamed Abdel-Samad in einer Aufnahme von 2015 (imago/Sven Simon)Der Publizist Hamed Abdel-Samad (imago/Sven Simon)

Insofern müssten sich muslimische Migranten von Teilen ihrer Kultur trennen, um in Deutschland integriert zu sein. Davon wolle die deutsche Politik allerdings nichts hören:

"Man will Beschwichtigung hören, man will die eigene Sicht bestätigen."

Dass Integration misslungen sei, zeigt sich Abdel-Samad zufolge auch daran, dass es viele radikale Schüler gebe, "die zu Gewalt neigen oder zum Antisemitismus oder Erdogan bejubeln oder sogar den IS und den Dschihad bejubeln".

Bei seinen Vorträgen und Lesungen spreche er mit vielen Lehrerinnen und Lehrern.

"Und sie erzählen mir immer das Gleiche: Dass sie merken, dass der Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist, dass sie keinen gesunden Kontakt mehr zu ihren Schülern haben, die muslimischen Hintergrund haben."

Natürlich gebe es Ausnahmen, aber die Tendenz steige. "Wir sind dabei, eine ganze Generation von jungen Menschen zu verlieren", warnt der Autor.

"Wir haben aus der Vergangenheit nichts gelernt"

Abdel-Samad kritisiert außerdem den Umgang der deutschen Politik mit den Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind.

"Wir hätten längst begreifen müssen, dass Ghettobildung zu Desintegration führt, auch später zu Gewalt", sagt er.

"Aber wir machen das Gleiche. Wir schicken die Flüchtlinge in Asylantenheime, wo sie eigentlich von der deutschen Gesellschaft abgeschnitten sind, wo sie auch frustriert werden, wo sie anfällig werden für Radikalisierung, anfällig vielleicht für Gewalt. Nein, wir haben aus der Vergangenheit nichts gelernt."

(uko)

Hamed Abdel-Samad: "Integration. Ein Protokoll des Scheiterns"
Droemer-Verlag 2018
256 Seiten, 19,99 Euro
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