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Zeitfragen | Beitrag vom 08.05.2019

70 Jahre Institut für ZeitgeschichteWissenschaftliche Institution mit zwiespältiger Geschichte

Von Tobias Krone

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Ein Schild mit der Aufschrift "Institut für Zeitgeschichte - München-Berlin" ist vor dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München zu sehen . (picture alliance / Matthias Balk / dpa)
Das Institut für Zeitgeschichte in München: Von hier stammt auch die vielbeachtete kommentierte Neu-Edition von Hitlers "Mein Kampf". (picture alliance / Matthias Balk / dpa)

Das Institut für Zeitgeschichte ist als Impulsgeber der Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust anerkannt - hat aber auch eine ambivalente Geschichte: Alt-Nazis forschten hier zur Wehrmacht, jüdische Historiker wurden ausgebremst.

Der Plattenbau in der Münchner Leonrodstraße ist zwar schon ziemlich in die Jahre gekommen. Doch die Innensanierung geht voran. Andreas Wirsching empfängt einen in dem Institut, das er seit 2011 leitet:

"Das Institut für Zeitgeschichte hat auf der einen Seite seit seiner Gründung ein Alleinstellungsmerkmal durch die Erforschung der NS-Geschichte, auch durch die Erforschung des Holocaust und mit allem, was damit zusammenhängt. Da ist das Institut auch mit seiner doppelten Aufgabe Forschung, Archiv und Bibliothek bereitzustellen, weltweit der beste Ort zur Forschung. Ich glaube, das kann man ohne Übertreibung sagen."

Vielbeachtete kommentierte Neu-Edition von "Mein Kampf"

Wenn es heute einen Ort gibt, an dem kritisches Schriftmaterial aus den Jahren 1933 fortfolgende aufgearbeitet werden – seien es Ministerialakten wie die des Auswärtigen Amtes, sei es Archivmaterial von deutschen Mittelstandsunternehmen wie Dr. Oetker oder Flick – man vertraut der Expertise der Historiker aus München und inzwischen einer Filiale in Berlin.

Andreas Wirsching posiert vor einem Regal mit Büchern für ein Foto.  (Matthias Balk / dpa)Andreas Wirsching leitet das Institut für Zeitgeschichte seit 2011. (Matthias Balk / dpa)

Auch die vielbeachtete kommentierte Neu-Edition von Hitlers Bestseller "Mein Kampf" entstammt dem IfZ. Ebenso wie die Entscheidung, 2013 ein Zentrum für Holocaust-Studien zu gründen, um noch stärker die Opferperspektive in den Fokus zu nehmen.

In diesem Sommer nun werden Holocaust-Forscher aus der ganzen Welt zum ersten Mal überhaupt in Europa ihren Kongress "Lessons and Legacies" abhalten – auf Einladung des IfZ in München. In den 70 Jahren, auf die es nun zurückblickt, hat das Institut sich gewandelt. Attestiert der Kulturwissenschaftler Nicolas Berg vom Leipziger Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig:

"Am Beginn wurden vor allen Dingen Widerstandsthemen auf die Agenda gesetzt, heute haben wir dort haben wir dort ein etabliertes Zentrum für Holocaust-Studium, das international vernetzt ist, und auf der Höhe der internationalen Forschung steht."

Schwieriges Herantasten nach dem Zweiten Weltkrieg

Nicolas Berg hat in einer umfassenden Studie aufgearbeitet, wie sich westdeutsche Historiker nach dem Krieg an das Thema Nationalsozialismus herantasteten. Das IfZ war 1949 gegründet worden, um eine jüngere Vergangenheit zu erforschen, von der die Universitäten lieber die Finger ließen. Etwa die Biografien von NS-Tätern.

Die Gutachten zu den Angeklagten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse in den 60er-Jahren stammten aus dem Münchner Institut. Die große Übersichtsstudie sucht man in den Anfangsjahren des IfZ vergeblich. Dazu Magnus Brechtken, der stellvertretende Direktor:

"Das war sozusagen, die Kernarbeit des Instituts für Zeitgeschichte, das damals auch sehr wenig Personal hatte. Also insgesamt waren da zwölf Personen beschäftigt. Und in den Jahren von 1959 bis 62 sind ungefähr 3000 Gutachten erstellt worden von – ja einem halben Dutzend Personen im Kern, muss man sagen. Das heißt, es gibt eine intensive Beschäftigung an sich mit spezifischen Detailthemen, aber es gibt kein Großwerk und keine Großanalyse aus der Zeit heraus."

Spielball alter Eliten aus der NS-Diktatur

Doch in seinen Anfangsjahren wurde das IfZ ausgerechnet zum Spielball der alten Reichseliten. Willi Winkler, Journalist der Süddeutschen Zeitung, hat ein Buch über die personellen NS-Kontinuitäten in der jungen Bundesrepublik geschrieben.

"Nicht ohne Grund bekam das Institut sehr früh den Beinamen 'Institut zur Förderung des Nationalsozialismus', weil ehemalige Nationalsozialisten dort tätig waren: Zwei spätere Chefs waren NSDAP-Mitglieder. Aber vor allem: Die Wehrmacht, die ehemalige Wehrmacht hat ihre Geschichte dort schreiben können."

Zum Beispiel ein gewisser Herrmann Foertsch. Dieser Mann war General unter Hitler – und war zwar von den Amerikanern freigesprochen worden, nun aber arbeitslos. Wie gut für ihn, dass nach dem Krieg ein guter Kamerad an ihn dachte. Reinhard Gehlen, Chef einer Geheimdienst-Organisation im Auftrag der Amerikaner, die später den Namen Bundesnachrichtendienst bekommen sollte.

Späterer BND-Chef Gehlen platzierte Personal

Gehlen war nicht nur sehr daran interessiert, die Unschuld der Wehrmacht an Kriegsverbrechen zu beweisen, sondern auch gut vernetzt mit der CSU, die maßgeblich für die Finanzierung des in Bayern ansässigen IfZ sorgte. Dort platzierte man nun auf Gehlens Bitte hin Hermann Foertsch.

Reinhard Gehlen trägt auf einen Schwarz-Weiß-Foto eine Uniform. (picture-alliance / dpa / Ullstein)Sucht in den Anfangsjahren Einfluss auf das IfZ: Der spätere Chef des Bundesnachrichtendienstes Reinhard Gehlen. (picture-alliance / dpa / Ullstein)

"Er hatte keinerlei wissenschaftliche Qualifikation, davon spricht er selber. Aber sein Vorgesetzter, beziehungsweise der im Institut vorgesetzte Hans Speidel sagt, das ist eine ideale wissenschaftliche Fachkraft, also was glatt gelogen ist, was überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Und er bearbeitet für uns dieses Detail, wie die Wehrmacht von Hitler geknechtet wurde", erzählt Winkler, der Zugang zum Nachlass Gehlens hatte.

Der Vorgesetzte Hans Speidel war übrigens Adjudant unter Erwin Rommel. Der heutige Direktor am IfZ Andreas Wirsching hat Vorbehalte gegenüber der damaligen Studie und ihrem Autor Foertsch. Wäre es heute möglich, dass ein General die Geschichte seiner eigenen Armee schreibt? - Klare Antwort: "Nicht am Institut für Zeitgeschichte. Das wäre kaum vorstellbar."

Ausgrenzung jüdischer Zeithistoriker

Gleichzeitig grenzten die neuen deutschen Zeithistoriker jüdische Kollegen aus. Etwa den Wiener Emigranten Raul Hilberg und seine Untersuchung "Die Vernichtung der europäischen Juden". Er analysierte etwa die Akten der Reichsbahn, um den Eifer der kleinen Beamten bei der Judenvernichtung nachzuweisen. Heute ist es ein Standardwerk. Gutachten des IfZ in den 60er- und auch in den 80er-Jahren rieten interessierten Verlagen allerdings ab von einer Übersetzung, erzählt Nicolas Berg:

"In den 60er-Jahren lautete die Argumentation erstaunlicherweise, es ist zu spezialistisch. Und wir sind selbst dabei, etwas Entsprechendes zu schreiben. Und in den 80ern heißt es fast so ein bisschen wie spiegelbildlich: Wir wissen das alles doch schon längst. Das Buch sei gar nicht mehr auf dem Stand der Forschung."

Erst nachdem der Fischer-Verlag schließlich 1990 das Werk übersetzt hatte, kam dann die deutsche Geschichts-Forschung auf den Stand Raul Hilbergs – und dessen Erforschung des Holocausts als ein von der breiten Gesellschaft getragenes Verbrechen.

Geschichte des Institutes soll aufgearbeitet werden

Mitschuldig an dieser Verzögerung waren auch die Gutachter vom IfZ. Den Grund für ihre Ablehnung sieht Berg darin, dass sie Konkurrenz für ihre Forschung fürchteten. IfZ-Direktor Andreas Wirsching ist anderer Meinung:

"Ich glaube sehr viel stärker, dass es vielmehr eine epistemologische Vorstellung gewesen ist. Dass man gedacht hat, dass jemand, der wie Joseph Wulf, Saul Friedländer oder eben auch Raul Hilberg unmittelbar betroffen ist vom Holocaust, der könne nicht wirklich dem entsprechen, was man als wissenschaftlich objektives Arbeiten verstanden hat."

Im Umgang mit jüdischen Historikern steht das IfZ paradigmatisch für die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft. Der aktuelle Direktor Andreas Wirsching denkt darüber nach, die Geschichte des Institutes aufarbeiten zu lassen – von externen Forschern, aber mit Unterstützung durch die hauseigene Infrastruktur. Nicolas Berg würde diesen Schritt begrüßen:

"Die Geschichte als Ganze, die muss noch erzählt werden. Und ich bin der Meinung, dass das Institut für Zeitgeschichte dabei natürlich ein eigenes Interesse haben sollte, daran beteiligt zu sein, dass das auf einen guten Weg kommt."

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