100 Jahre politischer Mord in Deutschland

Abtreibung als Kampfthema in der Republik

06:34 Minuten
Familie in einer Armutsunterkunft in Deutschland in den 1920ern
Den linken Parteien ging es beim Thema Abtreibung darum, dass jedes zusätzliche Kind die wirtschaftliche Not von ohnehin armen Familien vergrößert. © picture alliance / akg-images
Von Elke Kimmel · 09.03.2022
Audio herunterladen
Auch in der Weimarer Republik wurde über die Abtreibungsgesetze gestritten. Während linksgerichtete Frauen für das Selbstbestimmungsrecht eintraten, ging es aus Sicht völkisch-nationalistischer Rednerinnen um den „Bestand des Volkes“.
„Am 8. März versammeln sich die Frauen der Arbeit in allen Ländern, um den Internationalen Kommunistischen Frauentag zu feiern. An diesem Tage treten wir mit unseren Forderungen dem Klassenstaat der Bourgeoisie trotzig entgegen.
Aber auch den Tausenden und Millionen unterdrückter und gequälter Frauen, die heute noch beiseite stehen und nicht mitkämpfen, rufen wir zu: Unsere Forderungen müssen die Euren sein, denn sie sind im Interesse der großen Masse entrechteter Frauen, im Interesse der jungen, aufwachsenden Kinder.
Nicht mit Bitten und Betteln werdet Ihr der Bourgeoisie und ihrem Staat etwas abgewinnen. Was Ihr erreichen wollt, müsst Ihr Euren Gegnern im Kampfe abtrotzen. Und der Kampf, den Ihr heute führt, um Forderungen, die Euch das Leben innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erträglich machen sollen, er führt Euch auch hinaus über diese Gesellschaftsordnung.“
Die „Tribüne der proletarischen Frau“, eine 14-tägige Beilage zur kommunistischen „Roten Fahne“, druckt diesen Aufruf am 2. März 1922.

Politischer Streit um Abtreibung

Seit dem Vorjahr, seit 1921, ist der 8. März für Kommunistinnen und Kommunisten in aller Welt „Internationaler Frauentag“. Jenseits des großen Ziels – die Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung – geht es konkret um die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse und: um die Abschaffung des Paragrafen 218, der bei Abtreibungen strenge Strafen androht.

100 Jahre politischer Mord in Deutschland
Eine Sendereihe von Deutschlandfunk Kultur in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung
Von Elke Kimmel

KPD und Unabhängige Sozialdemokratie unterstützen diese Initiativen, die SPD tritt für mildere Strafen ein. Den linken Parteien geht es insbesondere darum, dass jedes zusätzliche Kind die wirtschaftliche Not von ohnehin armen Familien vergrößert und unverheiratete Mütter stigmatisiert werden.

„Rasse“ und das „heilige Frauenrecht“

Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums, bei den völkisch-nationalistischen Frauen, ist die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ein Thema. Die Schriftstellerin Sophie Rogge-Börner bezieht in der Frauenbeilage der „Deutschen Tageszeitung“ am 15. Januar 1922 Stellung:
„Das Recht auf den eigenen Körper, das demokratische Frauen als ‚heiliges Frauenrecht‘ so heftig verlangen, wollen auch wir der Frau nicht absprechen. Das hat sie. Aber sie soll Gebrauch von diesem Rechte machen, solange sie es hat. Denn sie besitzt es nur so lange, bis ein neuer Mensch in ihr werden will.“
In ihren Augen geht es um den Bestand des Volkes und der „Rasse“:
„Ist es aber erst erlaubt, jedes werdende Menschenleben nach Belieben wieder zu vernichten, so muss und wird ein schneller Geburtenrückgang, also eine weitere verhängnisvolle Schwächung der natürlichen Kraft des geknechteten und entwaffneten deutschen Volkes die durch seine Gegenmaßregel zu hemmende Folge sein. Gibt es etwas, das sicherer und rascher das Werk unserer erbarmungslosen Henker zu vollenden vermöchte?“
Sophie Rogge-Börner führt aus, es seien vor allem jüdische Mediziner, die den Eingriff als ungefährlich ansehen.
„Aber eine Gefahr für die Frau ist mit diesem Eingriff, gegen den die Natur sich sträubt, allemal verbunden; und die Gefahr steigert sich, je häufiger der Eingriff wiederholt wird. Sieche Frauen würde eine solche irrwegige Gesetzesmacherei unserer deutschen Zukunft schenken! Und können wir an unseren völkischen Bestand überhaupt noch glauben, wenn die grauenhafte Unsittlichkeit, die zügellose Lasterhaftigkeit unserer Zeit noch gefördert und unterstützt werden, wenn die letzten Hemmungen fallen? Nein! Dann sind alle Fesseln gelöst und unser gesamtes Volk erstickt in dem eklen Sumpf, der schon jetzt alles Reine und jeden göttlichen Funken töten möchte.“

Gewaltaufrufe vor Hunderten

Die propagandistische Tätigkeit von Frauen im völkischen Spektrum beschränkt sich nicht auf „Frauenthemen“. Für den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund ist Andrea Ellendt unermüdlich als Rednerin vor allem in München und Franken unterwegs. In dieser Funktion tritt sie auch auf einer Veranstaltung der NSDAP am 11. Mai 1922 im Münchner Bürgerbräukeller auf.
„Ich appelliere an Euch alle. Zeigt Mut, schließt Euch fester zusammen, die Zeit erfordert es! Wir fordern die Ausschaltung und Beseitigung der Juden. Nicht mit Worten können wir die Juden bekämpfen, wir müssen vielmehr zur Tat schreiten. Dazu seid Ihr aber alle berufen, alle, die Ihr hier seid: Seid einig, wenn es gilt, Rache an den Juden zu üben!“

Kochen, stricken, Spenden sammeln

Solche Gewaltaufrufe sorgen dafür, dass einige Städte Ellendt schon im Frühjahr 1922 mit Auftrittsverbot belegen. Andernorts aber ziehen ihre Vorträge Hunderte von Besuchern an, zeitweise bestreitet die Propagandistin mehrere Vorträge täglich. Flankiert wird sie von bewaffneten männlichen Sturmtrupps, die brutal gegen politische Gegner und Juden vorgehen. Andrea Ellendt gewinnt zahlreiche neue Mitglieder für die NSDAP.
Dennoch: Im völkisch-nationalistischen Umfeld nehmen Frauen wie Andrea Ellendt und Sophie Rogge-Börner eine Sonderstellung ein. Ganz überwiegend bleiben die Frauen im Hintergrund – sie kochen, stricken und sammeln Spenden für ihre politisch aktiven Männer.
Mehr zum Thema