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Samstag, 18.11.2017

Lesart | Beitrag vom 17.07.2017

Rückkehr nach 30 Jahren Paris"In Frankreich wird nur mit Symbolen geprotzt"

Gila Lustiger im Gespräch mit Frank Meyer

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Die Schriftstellerin Gila Lustiger (dpa / Jörg Carstensen)
Die Schriftstellerin Gila Lustiger (dpa / Jörg Carstensen)

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin kehrt nach 30 Jahren in Paris nach Deutschland zurück. Im Interview kritisiert sie den französischen Hoffnungsträger Macron und berichtet von einem Deutschland, das sich kolossal verändert hat.

Meyer: Sie haben sich jetzt für zwei Monate eine Wohnung in Berlin gemietet. Wie kam das? Warum sind Sie - zumindest jetzt für diese zwei Monate - zurück in Deutschland?

Lustiger: Ich war in den letzten drei Jahren ziemlich oft in Deutschland auf Lesereisen, aber immer nur zwei, drei Tage, und ich habe schon gemerkt, dass sich Deutschland kolossal verändert hat. Das hängt natürlich nicht nur mit den Flüchtlingen zusammen und mit den ganzen Umwälzungen, sondern die Zivilgesellschaft hat sich verändert. Es werden hier Fragen gestellt, neue Formen des Lebens gefunden oder gesucht, und ich habe mir gedacht: Dieses Deutschland ist sehr spannend, und ich kriege davon gar nichts mit in den zwei, drei Tagen, und habe beschlossen, etwas länger hier zu sein. Ich bin nun seit sechs Wochen in Berlin. Vor zwei Wochen bin ich hierhergezogen. Die Zeit vergeht viel zu schnell. In zwei Wochen bin ich wieder weg. Es ist für mich sehr spannend, eigentlich großartig.

Meyer: Und wollen Sie so was in Zukunft öfter machen: zwei Monate oder noch länger in Deutschland?

Sie wollte Deutschland für immer den Rücken kehren

Lustiger: Auf jeden Fall, ich bin gerade dabei, zu versuchen, hier eine Wohnung zu finden, was gar nicht so einfach ist. Man kriegt hier nur Wohnungen als Investition, die schon vermietet sind. Aber es ist wirklich ein sehr großartiges und spannendes Land, und es ist bestimmt nicht das Land, das ich in den Achtzigern verlassen habe, als ich 17 war. Ich hab ja die Tür hinter mir zugeknallt und gesagt: "Leute, ihr seht mich nie wieder."

Meyer: Warum haben Sie damals die Tür zu Deutschland hinter sich zugeschlagen?

Lustiger: Es hängt mit meiner Biografie zusammen. Ich war – bin ich immer noch – die Tochter meines Vaters, der nicht nur der jüdisch-deutsche Historiker Arno Lustiger ist, sondern auch ein Auschwitz-Überlebender, der die jüdische Gemeinde mitbegründet hat – eigentlich das jüdische Deutschland mitgeprägt hat. Und als Jugendliche wurde ich auch immer wieder dort verortet und musste immer wieder Stellung nehmen zur jüdischen Geschichte, zur deutsch-jüdischen Geschichte. Und ich hatte es wirklich satt, Stellvertreterin meines Volkes zu sein. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Da komme ich eben her, aus der Ecke. Aber mit 17, 16, 15 wollen Sie alles andere sein als Repräsentantin einer Religion.

Meyer: Und dass Sie jetzt manchmal wieder für längere Zeit auch in Deutschland leben wollen oder sich das vorstellen können, liegt das daran, dass Sie in Frankreich, Ihrer Wahlheimat für die letzten 30 Jahre, etwas stört?

Lustiger: Mich stört viel in Frankreich derzeit. Aber ich finde, wenn man nörgelt, ist das ja auch ein Beweis dafür, dass man dazugehört irgendwie. Ich finde auch vieles großartig, und wir können ja gern darauf zu sprechen kommen, was mich jetzt auch wieder irritiert. Aber ich glaube wirklich, dass hier in Deutschland – und wenn wir mal auf Frankreich zu sprechen kommen, und machen wir es doch gleich – wir haben den neuen Präsidenten, der eben auch gewählt worden ist, weil er – er sprach ja nicht von Reformen, sondern von Revolution.

Macrons "Revolution" erliegt alten Strukturen

Meyer: Ja, so heißt sein Buch, das er auch darüber geschrieben hat.

Lustiger: Ja. Weil er gesagt hat, dass er alles umwerfen will, die ganzen Strukturen, die verknöchert sind. Und jetzt schauen Sie sich die Bilder an. Wir wissen ja noch nicht, was er macht. Er hat ja die Reformen noch nicht begonnen. Aber schauen Sie sich die Bilder an, und schauen Sie sich die Kommunikation an, schauen Sie sich den 14. Juli jetzt an. Macron in dem offenen Auto, der die Champs-Elysées entlangfährt. Macron auf der Tribüne neben Trump, Melania und seiner Frau. Es sind die gleichen Bilder wie zuvor. Schauen Sie sich auch an, was in den letzten Wochen geschehen ist: Vier Minister mit Verdacht der Scheinanstellung. Das heißt, eigentlich hat man das Gefühl, dass die Instanzen und die Strukturen so mächtig und verknöchert sind, dass selbst der jüngste und jugendhafte Elan sofort scheitert.

Meyer: Aber diese Gesten jetzt am Nationalfeiertag, oder auch davor, da gab es ja diesen Auftritt in Versailles, der auch viel kritisiert wurde als so ein Pomp, der ihm eigentlich nicht zusteht. Man kann es ja auch lesen als einen Versuch, Frankreich auch wieder zu alter Größe, zu altem Einfluss und Selbstbewusstsein zurückzuführen und auch wieder mehr Verantwortung zu übernehmen.

In Deutschland werden die großen Fragen gestellt

Lustiger: Ja, aber mein Gott, Frankreich ist Teil Europas, und hier wird nur mit Symbolen geprotzt, um die französische Macht zu symbolisieren und die französische Größe. Aber die wirklichen Frage werden nicht in Angriff genommen. Und das finde ich gerade so interessant an Deutschland: Dadurch – und das ist vielleicht meine Analyse – dass hier alles zerstört wurde, alle Strukturen, haben die Deutschen und hat die deutsche Zivilgesellschaft, die Kraft und die Möglichkeit, alles nochmal in Frage zu stellen. Hier werden wirklich große Fragen gestellt. Das Verhältnis des Menschen zur Natur. Das ist eine Frage, die hier immer wiederkehrt, und sie wird nicht nur zivilgesellschaftlich gefragt, sondern auch kulturell. Schriftsteller setzen sich damit auseinander. Sie haben ganze Serien in Verlagen, die sich damit auseinandersetzen. Unser Verhältnis zur Heimat: Was bedeutet das, Heimat? Wo definieren wir Heimat, wie definieren wir Heimat? Ist Heimat ein Ort? Ist Heimat etwas, was wir zusammen errichten können? Ist Heimat eine Sprache, eine Kultur? Das sind Fragen, die wirklich spannend sind und die hier gestellt werden.

"Ich bin wie ein Schwamm durch die Stadt gezogen"

Meyer: Sie haben sich ja in Ihren jüngsten Büchern, was ja auch nur logisch ist nach drei Jahrzehnten in Frankreich, ganz dezidiert mit dem Innenleben der französischen Gesellschaft beschäftigt. Jetzt, wenn Sie so engagiert sprechen über die Fragen, die man sich hier aus Ihrer Sicht in Deutschland stellt, heißt das auch, das wird für Sie jetzt zum Thema werden, Ihre Erfahrungen, die Sie hier machen, Ihre Beobachtungen, die Sie hier in Deutschland machen?

Lustiger: Natürlich. Deshalb bin ich ja hierher. Ich habe vorhin Ihrer Kollegin gesagt, dass ich jetzt in den letzten sechs Wochen – entschuldigen Sie, dass ich das im Radio sage – an jeden Pfahl gepinkelt habe. Ich bin einfach nur – ich war wie ein trockener Schwamm, bin durch diese Stadt gezogen, habe mit vielen Menschen gesprochen, war an vielen Orten. Ich war sogar im Gorki-Theater und habe mir Angela Merkel angehört. Das war sehr spannend.

Meyer: In Frankreich würden Sie sich keine Politiker dieses Ranges anhören?

Lustiger: Doch, auch. Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch. Ich habe mir einfach die Zivilgesellschaft angeschaut, das Kulturangebot, wie die Leute hier leben. Und es ist sehr interessant.

Meyer: Dann sind wir sehr neugierig auf das Buch, das daraus entstehen könnte, Gila Lustiger. Ihr jüngstes Buch heißt, und das ist eben ein sehr französisches "Erschütterung" : über den Terror". Im Berlin-Verlag ist das erschienen. Vielen Dank für den Besuch, Frau Lustiger!

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