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Lesart | Beitrag vom 21.04.2018

Nora Amin: "Weiblichkeit im Aufbruch"Betrachtung der arabischen Gesellschaft

Von Rasha Khayat

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Nora Amin: "Weiblichkeit im Aufbruch" (Verlag Matthes & Seitz Berlin/picture alliance/Foto: Matthias Tödt  )
Buchcover: "Weiblichkeit im Aufbruch" von Nora Amin (Verlag Matthes & Seitz Berlin/picture alliance/Foto: Matthias Tödt )

Die Theatermacherin Nora Amin versucht mit "Weiblichkeit im Aufbruch" das patriarchalische System arabischer Gesellschaften zu durchdringen, dabei fehlt es aber an Tiefe und Analysen. Sie beschreibt bekannte Allgemeinplätze – aber dafür anhand zahlreicher Beispiele.

"Dem patriarchalen System zufolge ist das Weibliche dem Männlichen unterlegen. Diese Hierarchie spiegelt sich in sämtlichen sozialen und kulturellen Formen jeder patriarchalen Gesellschaft."

Wollte man Nora Amins essayistisches Werk "Weiblichkeit im Aufbruch" in wenigen Worten zusammenfassen, würde man sagen: "Die Frau ist Opfer einer Machtstruktur, die permanent versucht, den weiblichen Körper zu maßregeln. Schuld an dieser Machtstruktur ist das paternalistische System."

Diese These wiederholt Amin auf den 123 Seiten ihres schmalen Bandes immer wieder, immer ein wenig anders formuliert, immer in Zusammenhang mit anderen Beobachtungen.  

Entwertung durch den meist männlichen Blick

Eine solche These ist nicht neu. Weder bei der Betrachtung der arabischen Gesellschaft, von der Amin hauptsächlich spricht, noch in der westlichen Welt. Spätestens seit dem Aufbranden der #metoo-Bewegung lesen wir täglich ähnliche Texte wie die von Nora Amin – subjektive Betrachtungen, persönliche Erfahrungsberichte über die Entwertung des eigenen Körpers durch den meist männlichen Blick. 

Nora Amin, ägyptische Performancekünstlerin und Theatermacherin, verknüpft diese These mit zahlreichen gesellschaftlichen und privaten Beobachtungen. Es geht um sexuelle Belästigung und Gewalt im Alltag, meist in Ägypten, aber auch zum Beispiel in Deutschland, um verschiedene Facetten der Migrationserfahrung, um die ägyptische Revolution auf dem Midan el-Tahrir, um den orientalisierenden Blick des Westens auf die arabische Frau, sogar um das Thema Ehrenmord.

Thematischer Rundumschlag

Die Autorin macht vor nahezu keinem Thema halt, um es in Zusammenhang von der ihr diagnostizierten Machtstruktur zu setzen. Die Gleichung geht jedes Mal auf: Der weibliche Körper wird in jedweder Hinsicht gemaßregelt, Schuld ist das männliche Machtsystem.

Sicher, nichts was die Autorin beschreibt, ist per se falsch, oder zu weit hergeholt. Doch dieser thematische globale Rundumschlag auf so wenigen Seiten einerseits und die arge Vereinfachung soziologischer und politischer Kausalketten andererseits, hinterlassen bei der Leserin am Ende doch mehr Fragen als Antworten. Zudem fehlt es in Amins Text an einem tieferen Blick in die gesellschaftlichen Systeme, die sie beschreibt. 

Unklare Zusammenhänge

Wenn sie beispielsweise von der häuslichen Gewalt spricht, die viele Mädchen und Frauen in Ägypten erleiden, lässt sie vollkommen außer Acht, dass auch Söhne häufig körperliche Züchtigung durch ihre Väter erfahren, und dass diese geprügelten Söhne nur in seltenen Fällen sanfte Väter oder Ehemänner werden können. Auch die Rolle der Frau selbst bei der Erhaltung dieses paternalistischen Machtsystems beleuchtet Amin nicht. Nicht selten sind es Mütter und Großmütter, die ihre Söhne erziehen und ihnen ein Weltbild vermitteln, in denen eine junge Ehefrau nichts wert ist. Zuweilen richten sich ihre Beobachtungen und ihr Unwohlsein auch gegen westliche Frauen. Über einen Besuch in Berlin schreibt sie:

"Mir ist der gewaltige Unterschied in den Reaktionen aufgefallen, nachdem ich meine Haare geglättet hatte. Auf einmal wurde ich mit einladenden und freundlichen Gesten begrüßt, die mir vermittelten, willkommen zu sein."

Es fällt schwer, so eine Beobachtung in nahtlosem Übergang mit drei Absätzen über den Ehrenmord an einer jungen Syrerin in Dessau zu lesen und sich nicht zu fragen, was genau die Autorin eigentlich vermitteln möchte.  

Fehlender theoretischer Überbau

Was Amins Werk vollständig fehlt, ist ein theoretischer Überbau, oder zumindest ein theoretisches Fundament. Man wünscht sich sehnlichst wenigstens kurze Verweise auf die Gendertheoretikerin Judith Butler oder den Orientalismusforscher Edward Said, um ein wenig System in die mäandernden Beobachtungen der Autorin zu bekommen.

Nora Amin verkauft ihre Inhalte sprachlich sehr selbstbewusst, sodass die Leserin sich mitunter fragt, ob es an ihr selbst liegt, dass sie nicht folgen kann. Bei genauerem Hinsehen jedoch stellt man fest, dass es Amin schlicht an gedanklicher Klarheit und an einer tieferen, systemischen Ebene fehlt. Sie bietet weder soziokulturelle Analyse noch Lösungsansätze, und ihre persönlichen Erfahrungstexte bleiben zu sehr an der Oberfläche. Am Schluss des Buches resümiert die Autorin:

"Dieses Weltbild wird kultiviert, um eine vermeintliche Überlegenheit der Heimat über den Rest der Welt zu etablieren, eine Überlegenheit, die notwendigerweise dem Herrscher und der Männlichkeit entspricht, während die Frau von Natur aus als unterlegen gilt, ihr keinerlei Herrschaft oder Gleichheit mit dem Mann zugestanden wird, bedeutet solch eine Gleichstellung doch den Zusammenbruch des gesamten Imperiums, des Systems und seiner Geschichte."

Am Ende bleibt also allein die Feststellung, dass das Patriarchat Schuld am Leid der Frau ist. Und dieses Fazit ist selbst für einen so schmalen Band ein wenig zu dünn.

Nora Amin: "Weiblichkeit im Aufbruch"
Aus dem Englischen von Max Henninger
Matthes & Seitz Berlin, 2018
124 Seiten, 14,00 Euro


Hören Sie hier ein Porträt von Nora Amin (bis zum 11.10.2018) zu hören:

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