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Sonntag, 19.11.2017

Lesart | Beitrag vom 11.11.2017

"Neues Judentum – altes Erinnern?"Wie Nachgeborene des Holocausts gedenken

Von Shelly Kupferberg

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Cover "Neues Judentum – altes Erinnern?" (Verlag Hentrich & Hentrich / picture alliance / dpa / Fritz Schumann )
Der Essayband "Neues Judentum – altes Erinnern?" versammelt Texte der sogenannten zweiten und dritten Generation. (Verlag Hentrich & Hentrich / picture alliance / dpa / Fritz Schumann )

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist heute vielfältiger als früher. Das hat auch Auswirkungen auf die Erinnerungskultur, speziell die Frage, wie mit dem Holocaust-Gedenken umgegangen wird.

Das große Thema dieses Essaybands ist das "Erinnern". Erinnern an den Holocaust, 70 Jahre nach Kriegsende. Nun könnte man meinen, hier sei bereits wenn nicht alles, so doch vieles gesagt und geschrieben worden. Aber in der Tat bietet dieses Buch noch einmal neue Aspekte, zumindest differenzierte Perspektiven auf das Thema.

Dieser Essayband versammelt Texte der sogenannten zweiten und dritten Generation, somit der Nachgeboren des Holocausts, die in Deutschland leben. Manche von ihnen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, manche in der ehemaligen Sowjetunion, manche kommen aus Israel oder kamen mit ihren Eltern aus anderen Ländern hierher.

Im Mittelpunkt steht die Frage des "Wie" – also: Wie können wir heute an den Holocaust erinnern, dessen Gedenken in Deutschland in hohem Maße kanonisiert ist? Diese Kanonisierung aufzubrechen, darum geht es in den meisten Texten. Es gibt Gedenktage, Gedenkrituale. Es gibt eine Erinnerungskultur. Aber, wenn man in die einzelnen Familiengeschichten der Autoren schaut, dann zeigt sich ein ganzes Panorama unterschiedlich codierter Erinnerungen.

Der 8. Mai 1945 ist ein unterschiedlich codiertes Datum

Ein prominentes Beispiel hierfür ist ein Datum: der 8. Mai. Hierzulande der Tag, der für das Kriegsende, die Kapitulation Deutschlands steht – und somit für die Befreiung vieler, die unter den Nazis verfolgt wurden. Allerdings ist dieses Datum für die aus der Sowjetunion stammenden Juden nicht der ausschlaggebende Tag, sondern der 9. Mai, der das Ende des "Großen Vaterländischen Krieges" aus sowjetischer Perspektive markiert. Mit diesem Krieg verbinden sich auch andere Erinnerungen, die im kanonisierten Erinnerungsdiskurs in Deutschland keinerlei Rolle spielen.

Es gibt solche, deren Eltern oder Großeltern nach dem Krieg in deutschen DP-Lagern strandeten, es gibt solche, die bewußt nach Deutschland aus dem Exil zurückkamen – möglicherweise in die DDR, in das erhoffte "bessere" Deutschland. Bereits hier zeigen sich viele unterschiedliche Erinnerungskulturen auf.

Wie sieht jüdische Kollektivität heute aus?

Auch die Frage nach dem "Wir" wird hinterfragt – was macht jüdische Kollektivität heute aus, in Zeiten, da zum Beispiel viele junge Israelis nach Deutschland kommen, die wiederum ganz anders sozialisiert wurden. Die Erkenntnis: Kollektivität sollte nicht als feststehende Kategorie gesehen werden, sie sei vielmehr einer Prozeßhaftigkeit unterlegen und ist somit per se vielfältig.

Aus all diesen Unterschieden schälen sich entsprechende Fragen heraus: Welche Erinnerungen tragen die Kinder und Enkelkinder dieser diversen Geschichten in sich, und welche davon sind in welcher Öffentlichkeit vertreten? Den Autoren geht es um die Wahrnehmung dieser sehr unterschiedlichen jüdischen Erinnerungskulturen, und um das Mitwirken am Erinnerungsdiskurs in Deutschland. Dieses Mitwirken hat noch eine weitere Perspektive – und da wird das Buch besonders spannend, indem es einen konstruktiven Beitrag zur Frage der heutigen Einwanderungsgesellschaft leisten kann.

Die Erfahrungen lassen sich auf alle Einwanderungskulturen übertragen

Denn aus all diesen Erinnerungskulturen, zwischen Alteingesessenen und Neuzugewanderten, lassen sich Fragen formulieren: Wie gelingt ein Ankommen? Wie werden Traumata verarbeitet? Was macht ein Leben als Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft aus? Was machen Differenzerfahrungen mit dem Einzelnen? Wo liegen Potenziale in der Differenzerfahrung? Wo gelingt Teilhabe, wie läßt sie sich fördern? Was kann die Mehrheitsgesellschaft für Angebote machen, um Teilhabe zu unterstützen?

Die Autoren appellieren an eine aktive Mitgestaltung, eine gemeinsame Gestaltung von Gemeinschaft und Gesellschaft, in der Erinnerung nicht hierarchisiert wird. Keine Erinnerung ist besser oder schlechter. Es gibt nicht die Erinnerung. Es gibt Abertausende.

Dmitrij Belkin (Hg.), Lara Hensch (Hg.), Eva Lezzi (Hg.):
Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens
Verlag Hentrich & Hentrich
352 Seiten, 29 Euro

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