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Buchkritik | Beitrag vom 15.05.2018

Kim Stanley Robinson: "New York 2140"Monumentale Hommage an den Big Apple

Von Thomas Wörtche

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Kim Stanley Robinson: New York 2140, Heyne-Verlag  (Heyne Verlag / Austin Schmid on Unsplash)
Zwei große Flutwellen haben alles Leben in den Küstenregionen ausgelöscht, in New York City sind nur noch die obersten Stockwerke der Wolkenkratzer bewohnbar. (Heyne Verlag / Austin Schmid on Unsplash)

Im Jahr 2140 sind die Meeresspiegel so weit gestiegen, dass nur noch die Spitzen der Wolkenkratzer von New York City aus dem Wasser ragen. Für Kim Stanley Robinson ist es die Kulisse für seinen kapitalismuskritischen Science-Fiction-Roman "New York 2140".

Der Turbokapitalismus hat zur großen Katastrophe geführt. Bedingt durch den unaufhaltsamen Klimawandel war seit ca. 2050 nichts mehr zu retten. Die Erderwärmung hat zwei große Flutwellen ausgelöst, die alle Küstenregionen des Planeten zerstört haben, der Meeresspiegel ist seitdem um 15 Meter gestiegen. Seuchen, eine Art "Anthropocide", Kriege, Diktaturen, gewaltige Migrationen, der Kollaps der Wirtschafts- und Finanzsysteme, Hungersnöte und ein gigantisches Artensterben haben den Globus heimgesucht. Jetzt, 2140, scheint die Menschheit sich endlich wieder ein bisschen erholt zu haben. Neue Technologien, die auf dem Verzicht von Kohlenstoff basieren, machen neue Lebensformen möglich: Luftschiffe bevölkern den Himmel, fliegende Städte hängen an Ballons, schwimmende Städte kreuzen auf den Meeren, Unterwasserhabitate haben sich etabliert. Nationalstaaten und Zentralregierungen haben an Macht und Einfluss verloren. Viele Menschen – obwohl es nach dem Aderlass nicht mehr allzu viele gibt – organisieren ihr Zusammenleben "genossenschaftlich", gar libertär anarchisch, die Lebensmittelproduktion erfolgt weitgehend ökologisch und nachhaltig.

Dieses Szenario macht Kim Stanley Robinson (bekannt geworden durch seine "Mars-Trilogie") in seinem neuen Roman "New York 2140" auf – ein Riesenpanorama von 800 Seiten. Sorgfältig pinselt er in der Tradition der "klassischen" Science Fiction eines Isaac Asimov oder Robert A. Heinlein seine neue Welt aus. Das halb überflutete New York City, aus dem noch die Türme von damals ragen, bekommt eine faszinierende, aktuelle Kartographie als Stadt der Kanäle, der Hochbrücken, der Wasserwelt, die palimpsest-artig über dem alten New York der Avenues, Boulevards, der U-Bahnen und Highways liegt.

Läuterung der Menschheit weiter gefährdet

Robinson berauscht sich und uns in der Schilderung des neuen "Super-Venedigs", an seinen Konturen, seinen Gerüchen, seiner Materialität, seiner Stimmungen und Farben und Strukturen. Aber die Läuterung der Menschheit ist schon wieder gefährdet – alte Untugenden drohen wiederzukehren: irrwitzige Finanzmarktmanöver und Immobilienspekulationen erheben ihr Haupt. Und die sorgen für ein paar nicht sehr prononcierte Plotelemente in einem Buch, das über lange Passagen eine Art geniale Futurologie und ein monumentale Hommage an den Big Apple ist (Robinson zitiert so ziemlich alles, was je darüber geschrieben und ikonographiert worden ist).

Aufgehängt sind diese narrativen Stränge an den Bewohnern eines riesigen, autarken Turms, dem Met Life Tower, gegenüber dem berühmten Flatiron Gebäude. Diese Figuren, darunter eine Polizistin, zwei streunende "Wasserratten", zwei IT-Genies, ein enigmatischer Hausmeister oder eine Cloud-Video-Künstlerin bilden die jeweiligen Erzählperspektiven und binden die verschiedenen Teile des Panoramas zusammen, während eine andere Erzählinstanz, "Der Bürger", später als "Der Bürger Redux", für eine Stadtchronik von New York und für eine explizit kapitalismus-kritische Chronologie der Ereignisse seit heute sorgt. Denn "New York 2140" ist, bei aller Freude an brillanten futurologischen Extrapolationen, ein sehr engagierter Roman über das Hier und Heute.

Kim Stanley Robinson: "New York 2140"
Heyne Verlag, München 2018
813 Seiten, 16,99 Euro 

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