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Literatur | Beitrag vom 16.04.2017

Jugoslawischer Schriftsteller Ivo AndrićChronist des Hasses, Hüter der Vielfalt

Von Ksenija Cvetkovic und Martin Sander

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Der jugoslawische Schriftsteller und Essayist Ivo Andric. Er wurde am 9. Oktober 1892 in Dolac bei Travnik geboren und starb am 13. März 1975 in Belgrad. Seine wichtigsten Werke sind "Die Brücke über die Drina", "Das Fräulein" und "Wesire und Konsuln". 1961 wurde Andric mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. (picture alliance / dpa )
Der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić (picture alliance / dpa )

Hierzulande gilt der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić als Klassiker, dessen Werke uns die Geschichte und Konflikte des ehemaligen Jugoslawiens näher bringen. Doch auf dem Balkan ist der Literaturnobelpreisträger von 1961 eine umstrittene Figur.

Serbischen Nationalisten gilt Andrićs Werk als Beleg für die Grausamkeit und Rückständigkeit der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan. In Belgrad rechnet man den jugoslawischen Nobelpreisträger, der als bosnischer Katholik geboren wurde, zum Kanon der serbischen Literatur. Die Belgrader Ivo-Andrić-Stiftung, die alle Rechte beansprucht, prozessiert gegen Verlage, die Andrić als kroatischen Autor herausgeben. Mit tiefem Misstrauen begegnen indes viele bosnische Muslime dem Schriftsteller. Ihr Volk werde in seinen Büchern verunglimpft und verteufelt. Seine Texte glichen einem Aufruf zu Kriegsverbrechen, heißt es gar.

In der Erzählung "Brief aus dem Jahre 1920" lässt Ivo Andrić eine Figur namens Max Löwenfeld sprechen. Der Arzt Löwenfeld ist vor dem Ersten Weltkrieg als Kind jüdischer Eltern im österreichischen Sarajevo aufgewachsen. Nach Ende des Krieges und dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie kehrt er Bosnien den Rücken, um dem Hass zu entfliehen – für immer:

"Ja, Bosnien ist das Land des Hasses. Das ist Bosnien. (…) Eure geliebten Heiligtümer befinden sich regelmäßig hinter dreihundert Flüssen und Bergen, und die Objekte Eures Abscheus und Eures Hasses sind gleich neben Euch, in derselben Stadt, oft nur auf der anderen Seite der Hofmauer. So verlangt Eure Liebe nicht viele Taten, aber Euer Haß geht sehr leicht in die Tat über. Ihr liebt Euer Land, Ihr liebt es glühend, aber auf drei, vier verschiedene Arten, die einander ausschließen, tödlich hassen und oft genug aneinandergeraten. (...) "Diesen spezifisch bosnischen Haß müßte man studieren und bekämpfen wie eine gefährliche und weitverbreitete Krankheit. Ich glaube sogar, daß fremde Wissenschaftler nach Bosnien kommen würden, um hier den Haß zu studieren, genauso wie sie die Lepra studieren, wenn der Haß ein ebenso anerkannter und klassifizierter Gegenstand von Untersuchungen wäre wie die Lepra."

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