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Buchkritik | Beitrag vom 09.02.2018

J. Rubner, P. Falkai: "Das Glück wohnt neben dem Großhirn"Auf der Suche nach dem Glück

Von Susanne Billig

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Buchvover: "Das Glück wohnt neben dem Großhirn" von Peter Falkai und Jeanne Rubner. Im Hintergrund: Eine lächelnde Frau. (Piper/Unsplash.com/Amanda Bear)
Buchcover "Das Glück wohnt neben dem Großhirn" von Jeanne Rubner und Peter Falkai, im Hintergrund: eine lächelnde Frau. (Piper/Unsplash.com/Amanda Bear)

Biologie, Genetik, Psychologie und Sozialwissenschaften: Die Journalistin Jeanne Rubner und der Psychiater Peter Falkai haben in "Das Glück wohnt neben dem Großhirn" viele Perspektiven eingebunden – leider hin und wieder mit unpassenden Metaphern und Analogien.

Wo wohnt das Glück? In der Liebe, in der Familie? In erfüllenden Freundschaften, Naturspaziergängen, guter Musik, stiller Abgeschiedenheit, fröhlicher Partyrunde? "Das Glück wohnt neben dem Großhirn", erklären der Psychiater Peter Falkai und die Journalistin Jeanne Rubner im Titel ihres neuen Buches – und weil es in den letzten Jahren reichlich Publikationen zur Glücksforschung gab, versprechen die beiden eingangs, das Thema ehrlicher und komplexer anzugehen.

Viele Perspektiven eingebunden

Tatsächlich bindet das Autorenteam viele Perspektiven ein. Aus der Biologie kommen die faszinierenden Areale des Gehirns und das komplexe Konzert der Botenstoffe, das den Gefühlshaushalt wesentlich beeinflusst. Aus der Genetik kommen Studien, die zeigen, wie häufig Zwillinge gleichermaßen mit Depressionen kämpfen oder mit fröhlichen Gemütern ausgestattet sind. Die Psychologie steuert die Resilienzforschung und die Bedeutung der Lebenserfahrung für das persönliche Glückslevel bei.

Auch gesellschaftliche Aspekte nehmen Autorin und Autor in den Blick. Denn Studien belegen: Armut macht unglücklich. Aber es ist nicht die absolute Geldmenge, die das Wohlgefühl im Leben bestimmt, sondern die relative – wenn der Nachbar exorbitanten Reichtum verprasst, schrumpft die Zufriedenheit, obgleich man von den eigenen Einkünften eigentlich gut leben könnte.

Ausflüge in die Suchtforschung – der Kick am Spielautomaten, der Griff zu "Happy Pills" – runden das vielschichtige Szenario der menschlichen Glückssuche ab. Geschrieben ist das in einer eingängigen, leicht verständlichen Sprache, mit prägnanten Fallgeschichten und aktuellen Studien angereichert.

Unpassende Maschinenmetaphern

Eine Aufgabe hat das Autorenteam leider außer acht gelassen: gut darüber nachzudenken, mit welchen Metaphern Hirn und Hirnfunktionen angemessen beschrieben sind. "Das Gehirn ist eine enorm komplexe Maschine, ein besonderer Computer", steht da zum Beispiel. Solche Maschinenmetaphern setzen unsinnige Denktraditionen des 19. Jahrhunderts fort.

Sie erweisen weder einer ernsthaften Biologie, die doch die Lehre vom Lebendigen sein sollte, noch dem Verhältnis des Menschen zu sich selbst einen guten Dienst. Auch die modische Idee eines von seinem eigenen Gehirn fremdgesteuerten Menschen, von der sich das Buch an einigen Stellen sogar distanziert, wird an anderen wie die neueste Forschungswahrheit präsentiert.

Gezielte Auszeiten

Dabei wissen Autorin und Autor, denn sie betonen es ja gelegentlich, dass das Gehirn sowohl in seiner embryonalen Entwicklung wie in seinen täglichen Vollzügen unauflösbar in das Ganze des Körpers eingewoben ist. Statt irreführender Analogien hätte man dem Buch hier mehr Klarheit und Konsequenz in seinen Beschreibungen gewünscht.

Im Schlussteil gibt das Buch all jenen Rat, die es mit dem Glückstraining versuchen wollen – streng fakten- und studienbasiert, versteht sich: Wer sich bewusst Auszeiten nimmt und den erstaunlichen jetzigen Moment genießt, wer sich um Dankbarkeit bemüht, etwa in Form eines täglichen "Dankbarkeitstagebuchs", hat gute Chancen zu erleben: Auch das Glück lässt sich lernen.

Jeanne Rubner, Peter Falkai: Das Glück wohnt neben dem Großhirn. Wie der Kopf unsere Gefühle steuert
Piper Verlag, München 2018
240 Seiten, 22 Euro

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