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Fazit | Beitrag vom 13.07.2017

Hédi Kaddour: "Die Großmächtigen"Ein Welt-Roman

Von Dirk Fuhrig

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Hédi Kaddour (dpa/ epa/ Etienne Laurent)
Hédi Kaddour: "Die Großmächtigen, das waren Leute, die in den Protektoraten die Herrschaft Frankreichs für alle Ewigkeit zementieren wollten." (dpa/ epa/ Etienne Laurent)

Der französische Schriftsteller Hédi Kaddour hat mit "Die Großmächtigen" einen der wichtigsten Romane zum Verhältnis der Länder des Maghreb zu Europa geschrieben. Sein Vater war Tunesier, seine Mutter Französin. Nun erscheint sein Buch auf Deutsch. Grund genug, Kaddour in Paris zu besuchen.

Am besten in den zweiten Wagen der Metro-Linie 7 rein, denn dann kommt man beim Aussteigen direkt an die Rolltreppe. Hoch und dann "gut 100 Meter" die Straße entlang. Hédi Kaddours Wegbeschreibung, per E-Mail, zu seiner Wohnung kurz hinter der Stadtgrenze von Paris war sehr präzise.

8. Stock, ein komfortabler Neubau. Der schlanke Schriftsteller, der trotz hitzebedingt legerer Kleidung höchst elegant wirkt, bittet mich die Wendeltreppe weiter empor. Eine mit dunklem Holz und vielen, vielen Bücherregalen eingerichtete Duplex-Wohnung. Ein schwarzer Flügel steht neben der Tür zum Balkon, auf den wir erstmal hinaustreten.

Von hier oben geht der Blick teils über Paris, teils auf Hochhäuser der südöstlichen Banlieue. Kremlin-Bicêtre, wo Kaddour wohnt, ist ein Mittelklasse-Viertel, auf der Straße Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Eine Lobby im Dienste des Kolonialismus

Da ich weiß, dass Kaddour aus dem Deutschen ins Französische übersetzt, versuche ich erst einmal, ihn dazu zu bringen, das Interview auf Deutsch zu führen. Leider vergeblich. Hédi Kaddour hat vor einigen Jahren mit "Waltenberg" eine Hommage an den "Zauberberg" von Thomas Mann geschrieben. Sein neues Werk heißt - auf Deutsch - "Die Großmächtigen". Ein etwas sperriger Titel:

"Die Großmächtigen, das war so etwas wie - heute sagt man - eine Lobby. Eine Pressure-Group im Dienste des Kolonialismus. Das waren Leute, die in den Protektoraten die Herrschaft Frankreichs für alle Ewigkeit zementieren wollten."

Um diese ewiggestrigen Imperialisten, die in den "glorreichen" Zeiten des Kolonialismus von einem Groß-Frankreich auf beiden Seiten des Mittelmeers phantasierten, dreht sich der Roman, den Hédi Kaddour in den 20er-Jahren angesiedelt. Die Konflikte aus der Kolonialzeit prägen jedoch bis heute das Verhältnis Frankreichs zu vielen Ländern Nordafrikas.

"Den Engländern ist es gelungen, einen gewissen Einfluss in ihren Kolonien zu behalten, indem sie ihnen juristisch die Unabhängigkeit zugestanden haben. Anders als die Franzosen in Indochina oder im Maghreb hatten sie aber auch nicht Millionen von Menschen als Kolonisatoren in die Gebiete geschickt, die von dort nicht mehr zurück wollten."

Eine Ursache für viele Konflikte bis heute. Zuletzt hatte Staatspräsident Emmanuel Macron, noch im Wahlkampf, betont, wie wichtig die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit für Frankreich sei.

Ein Roman, in dem sich verschiedene Welten begegnen

Kaddour lässt konservative Einheimische, eine junge maghrebinische Frau, die sich von den Fesseln der Tradition emanzipiert - sowie die koloniale französische Gesellschaft aufeinandertreffen. Diese "Großmächtigen" versichern sich auf prächtigen Festen bei edlen Weinen ihrer kulturellen Überlegenheit. In dieses imperiale Setting platzt ein Filmteam aus Hollywood, das eine Romanze mit Wüstensöhnen dreht - und das neben lockeren Sitten auch die Freiheitsversprechen der amerikanischen Demokratie anklingen lässt. Er wollte einen Roman schreiben, in dem sich ganz verschiedene Welten begegnen, erzählt Hédi Kaddour an seinem Esszimmertisch hoch über Paris.

Hédi Kaddours Vater war Tunesier, seine Mutter Französin. Auf dem französischen Gymnasium in Tunis war er der Einzige in der Klasse mit einem arabischen Namen, erinnert er sich - bevor er nach Paris ging und dort sehr erfolgreich eine Elite-Ausbildung absolvierte:

"Das koloniale Herrschaftssystem fußte auf der Verachtung der Einheimischen und auf Ignoranz. Albert Camus zum Beispiel sprach kein Wort Arabisch. Die Kolonisatoren wollten nicht anerkennen, dass die anderen ebenfalls Kultur und Bildung besaßen."

Komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Europa und dem Maghreb

Kaddour gibt seinem Roman eine überraschende Wende. Er lässt seine Protagonisten erst nach Paris und von dort aus ins Ruhrgebiet reisen, das kurz zuvor - wir sind im Jahr 1923 - von den Franzosen besetzt wurde, als Pfand für die im Versailler Vertrag auferlegten Kriegs-Reparationen. Dabei legt er im Auftreten der Franzosen gegenüber den besiegten Deutschen eine ähnliche Herren-Attitüde offen wie bei den "Großmächtigen" in Nordafrika. Eine - gerade für einen deutschen Leser - ungewöhnliche Perspektive, die das Buch aber nur umso interessanter macht:

"Die Ironie der Geschichte dabei ist, dass Frankreich die Ruhr durch Soldaten besetzen lässt, die aus den maghrebinischen Ländern stammen, die Frankreich als Protektorate besetzt hat."

Imperialismus, Kolonialismus, aber auch gegenseitige Anziehung und kulturelle Durchmischung. Kaddour taucht in die Tiefenschichten des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Europa und dem Maghreb ein - es ist wirklich ein Welt-Roman.

Nach zwei Stunden verabschiedet mich der Autor. Unten auf der Straße: gemütliches multikulturelles Pariser Vorstadt-Leben. Hier haben die "Großmächtigen" jedenfalls nicht gewonnen.

Hédi Kaddour: "Die Großmächtigen"
Aus dem Französischen von Grete Osterwald
Aufbau Verlag, Berlin
477 Seiten, 24,00 Euro

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