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Samstag, 18.11.2017

Interview | Beitrag vom 21.08.2017

Facebook"Das ist legales Crack"

Antonio Garcia Martinez im Gespräch mit Ute Welty

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Miniaturfiguren geben sich die Hand vor einem Facebook-Logo. (imago / Ralph Peters)
Wie funktioniert Facebook als Machtinstrument? (imago / Ralph Peters)

Wie funktioniert politische Macht in der digitalisierten Welt? Welche Rolle spielen darin die Sozialen Medien? Der ehemalige Facebook-Manager Antonio Garcia Martinez sagt: In den USA denke niemand über eine Facebook-Kontrolle nach - dies sei ein typisch europäisches Phänomen.

In Hamburg diskutierten gerade Netz-Experten aus aller Welt über Politik und Soziale Medien im Rahmen der Konferenz "Disrupting Democracy". Unter den Teilnehmern: der ehemalige Facebook-Manager Antonio Garcia Martinez.

Antonio García Martínez, Ex-Facebook-Manager  (HarperCollins)Antonio García Martínez, Ex-Facebook-Manager. (HarperCollins)

Wie schätzt er die Macht von Facebook ein - und die Beweggründe von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg? Können Soziale Medien Politik machen? Garcia Martinez meint:

"Ich weiß wie arrogant das in einigen europäischen Ohren klingen mag, aber Zuckerberg meint, dass er sozusagen diese soziale Kommunikation, die es einst gab und die woanders stattgefunden hat, dass er die mit Facebook in ein neues Zeitalter gerettet hat."

Facebook ersetzt den Dorfplatz

Diese Kommunikation an anderen Orten - dies sei all das, was man vielleicht früher "in der Bar gemacht hat, in der Kneipe gemacht hat oder auf dem Dorfplatz gemacht hat".

Mittlerweile habe Facebook die Bedeutung einer legalen Droge erlangt - "Das ist legales Crack" -, doch während man in Europa über Kontrollmöglichkeiten für Facebook nachdenke, komme in den USA niemand auf diesen Gedanken:

Ich glaube, europäische Politiker, die möchten sehr gerne Dinge regulieren, kontrollieren, aber die Antwort ist doch ganz einfach: Wie gehen denn europäische Politiker mit den Drogen um, die es heute so gibt. Also selbst wenn man den Nutzern Knast androht, kann man ja nicht sehr viel gegen Drogen machen.

Was will Zuckerberg?

Über Mark Zuckerberg - ob dieser möglicherweise irgendwann das Amt des US-Präsidten anstrebe -  sagt Antonio Garcia Martinez: 

"Er möchte die Welt beeinflussen, nicht nur durch Facebook, und er hat ja eine Stiftung gegründet, hat ja gesagt, dass ein Großteil seines Einkommens dieser Stiftung zugutekommen wird, und er möchte Einfluss nehmen, ganz klar. Er möchte nicht immer nur der CEO von Facebook bleiben, er ist ja wohl auch gerade zum zweiten Mal Vater geworden, hat ein zweites Kind bekommen, und er möchte, dass etwas bleibt. Er möchte, dass so ein Erbe bleibt, und deswegen sieht er alles ein bisschen perspektivischer derzeit."

Hören Sie hier das Interview mit Übersetzung der Antworten:


Das Interview im Wortlaut: 

Ute Welty: CSU-Chef Horst Seehofer tut wieder mal das, was er vielleicht am besten kann: Er stiftet Verwirrung. Erst legt er im Fernsehinterview den Schluss nahe, er und seine Partei verzichten auf die Obergrenze für Flüchtlinge und Asylbewerber, und dann lässt er uns wissen, die CSU will weiter eine Begrenzung. Diese Mitteilung erfolgt unter anderem über Twitter. Die sogenannten sozialen Medien spielen ja im Wahlkampf 2017 eine nicht unerhebliche Rolle, und wie Twitter und Facebook funktionieren, das konnte ich mit einem wirklichen Insider besprechen. Jahrelang hat Antonio García Martinez bei Facebook als Manager gearbeitet und auch Twitter beraten, und ich habe Antonio García Martinez gefragt, wie groß die Macht tatsächlich ist, die Facebook über unser Leben hat.

Antonio García Martinez: Sie haben schon sehr viel Macht. Sie sind ein bisschen wie ein dunkler Spiegel, wie ein dunkles Prisma. Da ist schon sehr viel Macht, die sie ausüben, obwohl sie sie vielleicht nicht so ganz direkt ausüben, sondern eher unmittelbar, aber auch das kann ja sehr schnell mittelbar werden.

"Wir haben Angst davor, dass Facebook Macht ausübt"

Welty: Von was hängt ab, ob und wie Facebook seine Macht entfalten kann?

Martinez: Wenn Sie jetzt mit Mark Zuckerberg reden würden oder mit einem PR-Fachmann von Facebook, dann würden die Ihnen antworten, Facebook hat gar keine Macht. Das ist nur Mathematik, das ist ein Algorithmus, auch wenn das ein sehr komplizierter Algorithmus ist. Das wäre die Antwort, die man Ihnen geben würde. Ist ja eigentlich alles nur Mathe. Wir haben aber bei den letzten Wahlen in Amerika gesehen, dass Facebook durchaus Macht hat und auch eine Verantwortung ausüben sollte, wenn es zum Beispiel um das Filtern von Inhalten geht. Wir haben Angst davor, dass Facebook Macht ausübt, wollen aber noch mehr Macht geben: Dass sie nämlich das, was sie da vermitteln, in irgendeiner Form auch redigieren, dass sie das in irgendeiner Form auch kontrollieren. Das ist sozusagen der Widerspruch dabei.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg spricht am 25.02.2016 in Berlin bei der Verleihung des neu geschaffenen Innovationspreis des Medienkonzerns Axel Springer. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Facebook-Chef Mark Zuckerberg. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Welty: Sie haben den Namen Mark Zuckerberg erwähnt, zentrale Figur von Facebook, der von sich sagt, er kämpfe für eine offenere und vernetzte Welt. Was meint er Ihrer Einschätzung nach damit wirklich?

Martinez: Das ist genau der Slogan, den Facebook immer propagiert: eine offene, vernetzte Welt, und letztendlich haben sie eine Mission, und ich glaube, Mark Zuckerberg glaubt auch wirklich an diesen Slogan, und er hat seine Mission in einem Manifest dargelegt, das aus 6.000 Wörtern besteht, das kurz nach den Wahlen veröffentlicht worden ist, und das mag für europäische Ohren etwas seltsam klingen, aber er sieht Facebook wie ein zentrales Element der Kommunikation zwischen Gruppen, zwischen Nationalitäten, zwischen politischen Parteien, Vereinen, also all das, was man vielleicht früher in der Bar gemacht hat, in der Kneipe gemacht hat oder auf dem Dorfplatz gemacht hat, das macht man heute via Facebook. Ich weiß wie arrogant das in einigen europäischen Ohren klingen mag, aber Zuckerberg meint, dass er sozusagen diese soziale Kommunikation, die es einst gab und die woanders stattgefunden hat, dass er die mit Facebook in ein neues Zeitalter gerettet hat.

Welty: Was will Zuckerberg wirklich – Präsident sein anstelle des Präsidenten?

"Er möchte nicht immer nur CEO von Facebook bleiben"

Martinez: Ja, da gibt es sehr viele Thesen, was Mark Zuckerberg betrifft, gerade weil er jetzt auf seine 50-Staaten-Tour durch die USA geht, aber ich persönlich glaube nicht, dass er wirklich Präsident werden will. Dazu trägt er viel zu viel Gepäck mit sich herum letztendlich, und er ist letztendlich auch viel zu ungeduldig für die amerikanische Tagespolitik. Da gibt es andere auf Facebook, die da vielleicht ganz andere politische Ambitionen haben, aber es ist wahr: Er möchte die Welt beeinflussen, nicht nur durch Facebook, und er hat ja eine Stiftung gegründet, hat ja gesagt, dass ein Großteil seines Einkommens dieser Stiftung zugutekommen wird, und er möchte Einfluss nehmen, ganz klar. Er möchte nicht immer nur der CEO von Facebook bleiben, er ist ja wohl auch gerade zum zweiten Mal Vater geworden, hat ein zweites Kind bekommen, und er möchte, dass etwas bleibt. Er möchte, dass so ein Erbe bleibt, und deswegen sieht er alles ein bisschen perspektivischer derzeit.

Welty: Amerika hat gewählt mit dem bekannten Ergebnis. Deutschland wird wählen in wenigen Wochen. Welchen Unterschied gibt es zwischen Ländern wie den USA und Deutschland, was Facebook angeht, oder funktioniert Facebook überall gleich?

Martinez: Mir ist aufgefallen, hier, wo ich jetzt in Hamburg bin, dass überall politische Plakate kleben, dass hier wohl demnächst eine Wahl stattfindet. Ich glaube, der große Unterschied, das ist der Einfluss des Geldes. Ich bin spanischer Bürger, ich kenne mich jetzt mit deutscher Politik nicht so aus, aber ich glaube, Geld hat in Europa noch nicht diese Macht, die es in einem Wahlkampf in den USA hat. Egal, ob Hillary oder Trump – beide brauchten hunderte Millionen von Dollar, um überhaupt Kandidaten sein zu können. Und sie haben sehr viel Werbung auf Facebook geschaltet, haben einen Teil dieser Millionen auch dafür ausgegeben. Aber der große Unterschied ist, glaube ich, dass der Einfluss – und das ist auch über Facebook mitgesteuert worden –, dass es überall plötzlich Menschen gibt, die einfach eine Meinung verbreiten, sogenannte Fake News beispielsweise oder Blogs.

Die grenzen sich von den sogenannten Mainstreammedien klar ab  und streuen einfach Gerüchte, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht. Das hat in den USA doch einen sehr, sehr großen Einfluss gehabt, weil es mittlerweile nicht nur darum geht – und Facebook hat geholfen, dass es zu dieser Entwicklung kommt –, dass jeder eine eigene Meinung hat, sondern eigentlich auch in seiner eigenen Realität lebt. Und wir leben in einer Ära der Postwahrheit, weil es mittlerweile gar nicht mehr so wichtig ist. Man schafft sich sozusagen seine eigenen Welten, und Facebook hat dabei geholfen, dass sehr viele Meinungen sehr populär sind, aber nicht unbedingt wahr sind und plötzlich sehr wichtig geworden sind.

Eine legale Droge

Welty: Sie selbst haben Facebook einmal legales Crack genannt, was Sie aber nicht davon abhält, Facebook und auch Twitter zu benutzen und zu füttern. Ist das nicht absurd oder zumindest doch eine leichte Form von Schizophrenie?

Martinez: Ich war gerade vor fünf Minuten noch mal auf Facebook, und das stimmt schon. Das ist irgendwie eine legale Droge. Das ist legales Crack, aber ich habe das ja so bezeichnet, als ich mein Buch geschrieben habe über meine Zeit bei Facebook. Damals war irgendwie nicht klar, geht man zu Twitter, bleibt man bei Facebook, und ich gebe zu: Ich war damals sehr süchtig, und in einer gewissen Art und Weise mag Ihnen das jetzt scheinheilig erscheinen, dass ich Facebook kritisiere. Es gibt innerhalb von Facebook ein ganzes Department, das nennt sich Growth. Deren Aufgabe ist es, wirklich nur zu versuchen, die User von Facebook so süchtig wie möglich zu machen, und sie sind dabei sehr effektiv. Sie machen das sehr, sehr gut. Das ist kein Zufall, dass Facebook so mächtig geworden ist und dass Facebook, was mal als ein soziales Network von Harvard-Studenten begann, heute sozusagen zwei Milliarden Nutzer hat, eigentlich überall auf der Welt präsent ist, außer in China.

Welty: Wenn Facebook eine solche wirkmächtige Droge darstellt, welche Möglichkeiten, welchen Instrumentenkoffer hat die Politik denn dann, Facebook zu kontrollieren?

Martinez: Es ist interessant, ich bekomme diese Frage sehr oft gestellt hier in Europa. Ehrlich gesagt, in Amerika stellt sich niemand diese Frage. Ich glaube, europäische Politiker, die möchten sehr gerne Dinge regulieren, kontrollieren, aber die Antwort ist doch ganz einfach: Wie gehen denn europäische Politiker mit den Drogen um, die es heute so gibt. Also selbst wenn man den Nutzern Knast androht, kann man ja nicht sehr viel gegen Drogen machen. Es ist mittlerweile schon ein paar Jahre her, dass ich für Facebook gearbeitet habe. Ich denke immer noch ganz positiv über diese Firma, und ich denke aber, es wird ganz schwierig sein, diese Firma jemals zu kontrollieren. Wie gesagt, in Amerika stellt sich diese Frage niemand.

Welty: Der Autor Antonio García Martinez im "Studio 9"-Gespräch über den Einfluss von Facebook, Twitter und Co.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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