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Zeitfragen | Beitrag vom 04.04.2017

Digitaler KaufrauschWenn Warenwelt und wahre Welt verschmelzen

Von Philip Banse

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Eine Frau bedient die Smartphone-App von Amazon. (dpa/picture alliance/Sebastian Gollnow)
Der E-Commerce ist bei der Smartphone-App nicht stehengeblieben. (dpa/picture alliance/Sebastian Gollnow)

Einkaufen wo immer wir sind: Mit Apps und neuen Gadgets arbeiten die E-Commerce-Riesen an ihrer technischen und logistischen Überlegenheit. Unser Autor Philip Banse hat sich angesehen, was das für die Vielfalt im Einzelhandel und die Innenstädte bedeutet.

Die Digitalisierung erlaubt es uns immer reibungsloser, Produkte und Dienstleistungen einzukaufen - wo immer wir sind. Erst ersparten klobige Webseiten den Weg zum Buchladen, dann animierten schöne Smartphone-Apps den Hosenkauf an der Bushaltestelle. Jetzt können wir unsere Wünsche einfach durch die Wohnung rufen - und die Ware kommt noch am selben Tag. Wir chatten mit Robotern, die unsere Vorliebe kennen, den richtigen Ton treffen, passende Produkte vorschlagen und bestellen.

Lassen sich Innenstädte und Arbeitsplätze retten?

Dagegen wirken Online-Fußgängerzonen, die deutsche Kommunen für ihre alarmierten Einzelhändler einrichten, um die Innenstädte zu retten, hilflos und veraltet. Ihre technische und logistische Überlegenheit wollen die E-Commerce-Riesen nun auch im stationären Einzelhandel ausspielen: Bei Amazon Go können Kunden Waren nehmen und gehen - gescannt und abgerechnet wird automatisch. Lassen sich Vielfalt, Innenstädte und Arbeitsplätze noch retten?


Komplettes Manuskript der Sendung:

Guten Tag, mein Name ist Philip Banse, ich bin der Autor dieses Beitrags. Um mal einen persönlichen Eindruck von den jüngsten Entwicklungen im E-Commerce zu bekommen, also vom Einkaufen in Digitalien, werde ich mir jetzt mal den Amazon Echo bestellen, eines dieser Geräte, das ich in meine Küche stellen kann, dessen Mikrofone immer aktiviert sind, damit ich ihm jeder Zeit Befehle zurufen kann:

"Alexa! Spiel mal 'Brown Sugar' von den Rolling Stones."

Oder eben auch – und das ist für unser Thema heute interessant:

"Alexa! Kauf mal das Buch 'Es' von Stephen King."

Zum Bestellen von Echo nutze ich einen anderen Dienst, der traditionelle Einzelhändler sehr nervös macht, nämlich die App Prime Now, dieser Amazon-Dienst soll Bestellungen innerhalb einer Stunde nach Hause liefern. Das bietet mir die App heute nicht an, aber zwischen 12 und 14 Uhr ist machbar, jetzt ist es 10 Uhr, das wäre also in zwei bis vier Stunden. Ok, bestellen. Fertig. Mal sehen.

Der Amazon Echo Dot ist ein Lautsprecher, der auf den Namen "Alexa" hört und als Sprach-Schnittstelle zu Amazon-Produkten fungiert. Über den Amazon Echo Dot lassen sich Waren bestellen und Geräte im Haushalt steuern.  (picture alliance/dpa/Markus C. Hurek)Mit diesem Lautsprecher, der auf den Namen Alexa hört, lassen sich Waren bestellen und Geräte steuern. (picture alliance/dpa/Markus C. Hurek)

Kräftige Zuwächse beim Online-Shopping

Marcel Weiss: "Es ist in Deutschland wie in allen anderen Ländern, dass der Onlinehandel beim Konsum kontinuierlich ansteigt."

Marcel Weiss ist Analyst bei Exciting Commerce, einem Branchendienst, der den Handel im Netz beobachtet, also das Shoppen mit PC, Tablet oder Smartphone. Der Online-Handel in Deutschland wächst seit Jahren um gut 20 Prozent pro Jahr. Letztes Jahr gaben die Deutschen bei Einkäufen im Netz laut Statista.de über 60 Milliarden Euro aus, wieder ein Plus zum Vorjahr von mehr als 18 Prozent. Der Handel über das Netz boomt und ist:

"Aus meiner Sicht die nächste Evolutionsstufe des Handels selbst. Also alles, was demnächst im Handel gemacht wird, wird digital sein."

Die Vorteile liegen auf der Hand, vor allem für die Kunden:

"Es gibt einen familiären Trend, sage ich mal. Der ist stark beeinflusst von meiner Frau und meiner Tochter und die kaufen gern auch online ein, weil es praktisch ist."

"Es ist halt bequem, man sitzt auf der Couch, surft ein bisschen, klick, klick, klick, bezahlt und fertig, und dann wird es geliefert."

Der Online-Einkauf wird immer attraktiver: Denn über das Netz werden mehr und mehr Produkte angeboten. Längst können wir nicht mehr nur Bücher oder Fernseher online ordern. Nach ein paar Tabs auf dem Smartphone kommen auch ganze Möbel nach Hause, frisches Obst und Kochboxen mit vorkonfektionierten Zutaten und passenden Kochanleitungen - nicht nur für enthusiasmierte YouTube-Sternchen:

"Das hört sich alles megalecker an. Ich will ich in dem Test herausfinden, ist diese Rezeptzusammenstellung auch lecker am Schluss. Schauen wir mal rein, hier ist eine Tüte, die duftet richtig lecker, hier sind Gewürze drin, ein Miniknoblauch..."

Die Lieferzeit wird immer kürzer

Zur wachsenden Auswahl kommt ein weiterer entscheidender Faktor für die Popularität des Online-Shoppings: Die Produkte werden immer schneller geliefert.

Der Echo von Amazon ist da – genau 3 Stunden 23 Minuten, nachdem ich auf dem Smartphone bestellt habe. Der Bote drückt mir eine braune Papiertüte in die Hand:

"Ich informiere mich online, schaue, was es so gibt, aber ich kaufe nicht online. Ich finde es besser, im Einzelhandel zu kaufen. Mich nervt das total, diese Pakete schicken, hin und her. Muss nicht sein, dafür gibt es eine Stadt."

Ist das so? Die Stadt zum Einkaufen? Wenn ja, wie lange noch?

"Letzten Endes haben beide Seiten Vor- und Nachteile. Im stationären Laden..."

Thoas Lindner ist Designer und Inhaber des Butterflysoulfire in Berlin Mitte, keine Kette, sondern sein Laden: Auf 100 Quadratmetern verkauft er Designer-Kleidung für einige Hundert Euro pro Stück. Er mag den Laden, den Austausch mit Menschen und:

"Dass man Kunden hat, die die Sachen anfassen können, die die Sachen anprobieren können. Wir versuchen mit unserem Laden eine bestimmte Welt zu transportieren, ein Image oder ein bestimmtes Gefühl vermitteln und das hat man im Online-Store natürlich nicht. Der große Nachteil an einem stationären Laden ist die hohe Miete, wenn man in einer Lage wie der hier ist."

Jeden Monat zahlt Lindner 3000 Euro Miete. Viele seiner Produkte gibt es auch beim großen deutschen Online-Versender Zalando, doch auf seinen Umsatz schlage sich das nicht nieder.

"Zalando hat jetzt auch nicht das allerbeste Image und es gibt ja zum Glück auch noch Leute, die ein Verständnis für Moral und Anstand haben und die dann aus Prinzip dann nicht bei Zalando bestellen, weil sie keine Lust haben, dieses Ausbeutertum zu unterstützen."

Moralische Appelle an ihre Kunden - auf Dauer müssen sich stationäre Einzelhändler mehr einfallen lassen, wollen sie gegen Amazon und Co. bestehen.

Designer und Einzelhändler Thoas Lindner hat gemacht, was naheliegt: Er hat für sein Kleidungs-Geschäft Butterflysoulfire auch einen Shop im Web eröffnet. Zwar schicken Online-Kunden bis zu 70 Prozent der Ware wieder zurück, aber Lindner macht je nach Saison bis zu 30 Prozent seines Umsatzes im Netz. Unterm Strich lohne sich der zusätzliche Vertriebsweg:

"Grundsätzlich ja. Und ich glaube auch, dass da ein stückweit die Zukunft liegt im Online-Store."

"Und es ist natürlich noch mal eine Möglichkeit andere Leute ganz woanders zu erreichen. Wir haben im Online-Store auch Leute aus Hong Kong oder Amerika Großbritannien, die gar nicht die Möglichkeit haben, in unseren Laden zu kommen. Oder die Landbevölkerung, die Provinz, die jetzt nicht permanent shoppen in den Metropolen kann, für die ist das natürlich cool."

Nur ein Drittel des traditionellen Handels mit Online-Shop

Doch bis heute haben nur 30 Prozent der stationären Einzelhändler auch eine Präsenz im Web. Viele wollen oder können keinen Online-Shop betreiben, etwa Jens Krafczyk, Inhaber von Krafczyk Männermoden in der Innenstadt von Greifswald. Seinem Lokalsender sagte der Einzelhändler:

Viele lassen sich ja Sachen schicken, ziehen die einmal an schnell und schicken die dann wieder zurück, das heißt die haben mit den Retouren enorme Kosten, muss man so sagen. Ich bin ja auch nicht mehr ganz jung. Ich werde keinen Online-Shop installieren.

"Das klingt jetzt hart."

Sagt E-Commerce-Analyst Marcel Weiss:

"Nicht jede Form von Unternehmen kann überleben, nicht jedes Unternehmen kann überleben und es gibt ganze Kategorien an Unternehmen, für die es fast keine Zukunft gibt. Das muss man einfach so sagen."

Zumal die Platzhirsche des Online-Versands auch Läden in den Innenstädten eröffnen. Zalando in Berlin etwa, oder Amazon in den USA:

"Four years ago we started to wonder, what would shopping look look like if we could walk into a shop, grab what you want – and just go?"

In Seattle, im Westen der USA, will Amazon dieser Tage einen Lebensmittelladen eröffnen – ohne Kassierer, ohne Verkäufer. Kunden gehen in den Laden, melden sich mit ihrem Smartphone an, nehmen sich ihre gewünschten Produkte aus dem Regal – und gehen einfach wieder raus. Ohne Kasse, ohne Kassierer. Bezahlt werden die Produkte einfach über das Amazon Konto.

"So how does it work? We used computer vision, deep-learning algorithms and center vision much like in self driving cars. We call it just-walk-out-technology."

Wenn ein Kunde ein Produkt aus dem Regal nimmt, erkennt eine Kamera, welches Produkt, gewählt wurde und legt es in den Warenkorb des Amazon-Kontos. Wird das Produkt zurückgestellt, erkennen Kameras auch das.

Falk Stefan: "Mit der Eröffnung dieser Läden ist deutlich geworden, dass auch ein Unternehmen, das nur im Netz ist, Kundenbindung erzeugen muss, auf welche Weise auch immer anfassbar sein muss, die Unternehmensmarke entwickeln muss. Das ist einfach eine Frage der Markenbildung."

Sagt Falk Stefan vom Einzelhandelsverband. Online-Handel gegen stationären Laden?

"Der Gegensatz verwischt sich zunehmend, einfach deshalb, weil sich immer mehr stationäre Läden entscheiden, auch einen Online-Shop zu eröffnen. Wir schätzen, dass mittlerweile rund ein Drittel der Händler im Netz unterwegs sind und daher auf mehreren Vertriebskanälen ihre Waren anbietet."

Einzelhändler müssen sich entscheiden

Marcel Weiss: "Aber die Frage ist, ob dann ein Endkunde, der die gleichen Sachen auch bei Amazon bestellen kann, warum er das dann bei diesem anderen Händler machen soll?"

Fragt Markt-Beobachter Marcel Weiss. Einzelhändler, die in der digitalen Handelswelt bestehen wollen, müssten sich entscheiden:

"Entweder man geht auf Masse und man baut einen großen Marktplatz auf wie es Amazon macht oder Zalando. Oder man geht in die Nische rein, spezialisiert sich, dass man auch auf diesen Marktplätzen stattfinden kann."

Karin Hallinger: "Wir bei Hallingers, wir verkaufen über unseren Online-Shop, wir verkaufen über Amazon und wir haben sechs Filialen. Wir haben alles und ich denke, dass alles wichtig ist und alles seinen Platz hat heutzutage."

Erzählt Karin Hallinger von Hallingers Genuss Manufaktur auf einer Podiumsdiskussion der Handelskammer München. Hallingers Genuss Manufaktur stellt im bayrischen Landsberg Schokolade her - Tafeln, Torten, Pralinen. 25 Mitarbeiter, 6 Filialen, aber Hallingers verkauft auch über einen eigenen Webshop und bei Amazon. Das Produkt ist immer: selbst gemachte Schokolade.

Marcel Weiss: "Das ist genau das, was ich meine, dass man als Händler auch Hersteller ist."

Sagt Marktbeobachter Marcel Weiss:

"Denn wenn man als Händler auf einen Marktplatz wie Amazon zum Beispiel geht, kann man auch Gefahr laufen – und das passiert ja auch – dass man da durch seine Produktauswahl ein Produkt findet, das Anklang findet – und auf einmal nimmt es Amazon selbst ins Sortiment rein, weil es das natürlich sieht, weil es die Daten des Marktplatzes auch hat. Und dann konkurriert man mit dem, der den Marktplatz anbietet, und das ist eine sehr schwierige Situation. Aber wenn man die Produkte selbst herstellt, wenn das die eigene Marke ist, die man verkauft, das kann eine erfolgversprechende Strategie sein."

Wer nicht nur Händler, sondern auch Hersteller ist, kann nicht nur gegen die US-Riesen bestehen, sondern auch profitieren, sagt Branchenanalyst Marcel Weiss:

"Ja, Amazon ist eine Gefahr für viele Unternehmen, ist aber auch ein Potential für viele junge Unternehmen, für junge Online-Händler, die einfach sehr opportunistisch sagen: Ich nutze das, was da ist, und baue darauf was auf. Denn die Logistik, die sie aufbauen, wird dann auch wieder den Marktplatzhändlern zur Verfügung gestellt werden – natürlich gegen entsprechende Gebühren und so weiter, aber da ist dann eine Infrastruktur da, die es vorher nicht gab und da kann man sehr schnell sehr groß werden wie man das heutzutage schon mit einigen Marktplatzhändlern sehen kann."

Vom System Amazon profitieren

Johannes Ungerer: "Ich kann ja mal am Anfang anfangen. Danke an alle, die heute zuschauen und natürlich auch im Livestream. Mein Name ist Johannes Ungerer, ich konzentriere mich seit anderthalb Jahren auf den Verkauf physischer Produkte auf Amazon."

Johannes Ungerer bei einem Vortrag auf der Computermesse Cebit in Hannover. Ungerer ist 20 Jahre alt und einer der Profiteure des Systems Amazon. Seit anderthalb Jahren verkauft er Haushalts-Utensilien in einem Amazon-Shop. Er arbeitet weitgehend alleine und rechnet dieses Jahr mit einem Umsatz von 300.000 Euro, wovon 75.000 Euro als Reingewinn übrigbleiben sollen.

"Mir ist einfach bewusstgeworden, dass es da weitaus mehr Möglichkeiten gibt als in den Köpfen der meisten Menschen drinsteckt. Ich finde es unglaublich, was man alles erreichen kann durch die ganze Automatisierung. Man braucht eben nicht ein Team von zehn, 20 Leuten, um im E-Commerce aktiv zu werden, sondern am Anfang kann das ruhig eine One-Man-Show sein."

Ungerer durchsucht Amazon nach erfolgreichen Produkten, die aber schlecht präsentiert werden, zum Beispiel eine Knoblauchpresse. Mit einer etwas besseren Knoblauchpresse und besseren Produktfotos, so Ungerers Kalkül, kann er von der offenbar großen Nachfrage nach Knoblauchpressen profitieren. Dann sucht er auf Alibaba.com, einer Art Amazon für chinesische Produzenten, nach Fabrikanten, die ihm eine ähnliche Knoblauchpresse herstellen und mit seinem Logo versehen. Eine Spedition bringt die Ware von Shanghai direkt ins deutsche Lager von Amazon, von wo die Knoblauchpressen dann auch verschickt werden, wenn sie jemand bestellt:

"Ich finde das Geschäftsmodell total cool. Ich kann theoretisch von überall arbeiten, weil ich alle Teile, die physische Präsenz erfordern ausgelagert habe, zum Beispiel der Versand oder die Logistik. Theoretisch könnte ich das Ganze auch aus Bali machen. Das gibt mir eine enorme Freiheit."

Alexas Algorithmen müssen erst lernen

"Alexa? Bestelle mal das Buch 'Es' von Stephen King."
"Ich habe mehrere passende Artikel gefunden. Der erste ist 'Minecraft, das Schaltkreis-Handbuch. Die hohe Redstone-Schule', aber er ist gerade nicht verfügbar. Das Topsuchergebnis für Buch ist 'Die Eule mit der Beule'. Das macht insgesamt 5 Euro 99 Cent inklusive Mehrwertsteuer. Willst Du diesen Artikel jetzt kaufen?"
"Nein."
"Alles klar. In der Alex-App findest Du weitere Informationen."

Funktioniert ja alles nicht, so scheint es. Doch Alexas Algorithmen lernen, werden besser, je öfter man sie benutzt. Amazon ist der größte deutsche Online-Laden, macht hierzulade mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz, ist zuletzt wieder um 20 Prozent gewachsen – und investiert seinen gesamten Gewinn in Expansion und neue Technik. Amazon hat eigene Frachtflugzeuge, Lieferdienste und kann in deutschen Metropolen Waren innerhalb einer Stunde zum Kunden bringen.

"Amazon – das fängt gerade erst an. Das wird mal ganz andere Dimensionen in zehn, 20 Jahren erreichen."

Und so müssen sich Städte und Kommunen etwas einfallen lassen, damit ihre Fußgängerzonen nicht gesäumt werden von Umkleide-Kabinen der Online-Riesen.

"Mein Name ist Ralf Bartsch, ich bin Küchenfach-Händler in Wuppertal und Teilnehmer bei OnlineCity Wuppertal, beziehungsweise dem jetzigen Talmarkt."

Der Talmarkt ist Wuppertals Antwort auf Amazon. Talmarkt.net ist die Wuppertaler Einkaufsstraße im Web, Motto: "Online informieren und shoppen bei Ihren Händlern in Wuppertal." Im Talmarkt-Portal bieten aktuell 54 Wuppertaler Einzelhändler einige ihrer Produkte online an: Das Naschkatzenparadies, Lederboutique Hilland, Juwelier Rehermann.

"Der Grundgedanke ist die Verknüpfung von stationärem Handel, das heißt, es können auch nur Händler mitmachen, die ein Geschäft in Wuppertal haben, deren Vorteil zu verknüpfen mit den Vorteilen, die der Online-Handel hat."

Sagt Rolf Volmerig von der Wirtschaftsförderung Wuppertal und Initiator des regionalen Online-Marktplatzes. Die Stadt hat mit Geld vom Land die Shop-Software besorgt, damit nicht jede Lederboutique ihren eigenen Web-Laden eröffnen muss; die Stadt hat Händlern geholfen, ihre Warenwirtschaft ins Netz zu bringen und Werbung für den Online-Markt gemacht. Die aktuell 54 Geschäfte im Talmarkt könnten jetzt Ware leicht ausliefern lassen. Kunden können online recherchieren, wer was auf Lager hat, schnell beim Laden vorbeigehen oder online bestellen. Anzahl der Bestellungen nach drei Jahren:

"Im Onlinebereich liegen die Verkäufe bei 300-400 Produkten."

Küchenhändler Ralf Bartsch sagt jedoch:

"Die Erfahrungen sind durchweg positiv. Wir verkaufen mehr Waren direkt an Wuppertaler Kunden, die die Ware in unserem Onlineshop sehen. Wir haben die Zahl der Wuppertaler Kunden verdoppelt. In Summe ist das ein Volumen monatlich von 5000 bis 7000 mehr Umsatz."

Auch kämen wirklich mehr Menschen in seinen Laden.

"Erheblich mehr, ja. Das haben wir ganz eindeutig gemerkt. Wir machen eine Frequenzmessung unserer Kunden und wir hatten 2015 abgelaufen knapp zehn Prozent mehr Kunden im Laden im Vergleich zu 2014. Das ist mit Sicherheit auch ein Effekt, der über den Talmarkt generiert wurde." 

Solche Wortmeldungen freuen den Wuppertaler Stadtvermarkter Volmerig:

"Für uns als Wuppertaler Modell steht da auch der Gedanke dahinter, die Innenstadt zu beleben."

Gerrit Heinemann, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Niederrhein (picture alliance/Eventpress)Gerrit Heinemann ist Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Niederrhein. (picture alliance/Eventpress)

Gerrit Heinemann: "Ich lache mich immer tot, wenn ich das höre."

Sagt Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein und Experte von Online-Handel. Kleine Einzelhändler ins Netz bringen sei ohne Zweifel das Gebot der Stunde - aber kann man so auch wieder mehr Menschen in die Innenstädte zu bringen?

"Das wird mathematisch nicht möglich sein, das kann man durchrechnen, das lässt sich belegen, das ist eine Art Traum."

Mönchengladbach macht es anders

Die Rechnung geht so: In Wuppertal sind derzeit drei Prozent der Einzelhändler im Online-Markt. Selbst wenn es gelingt 10 Prozent der Geschäfte in den Regionalmarkt zu bringen und selbst, wenn alle diese Geschäfte zehn Prozent mehr Kunden anlocken – den Menschenschwund in den Innenstädten werde das nicht aufhalten, sagt E-Commerce-Forscher Heinemann. Er hat daher mit der Stadt Mönchengladbach einen anderen Weg eingeschlagen. Statt einen Online-Marktplatz von Mönchengladbachern für Mönchengladbachern zu machen, hat Heinemann mit der Stadt lokale Einzelhändler zu eBay gebracht.

Auf einer speziellen Portalseite können Mönchengladbacher nur bei diesen 75 Mönchengladbacher Händlern suchen. Die Händler bedienen aber gleichzeitig ganz Europa. Ziel, sagt Forscher Heinemann, sei nicht, mehr Leute in die Innenstadt zu holen, das sei ohnehin nicht realistisch. Ziel sei es, den Umsatz der lokalen Einzelhändler zu vergrößern und sie profitieren zu lassen, wenn auch Mönchengladbachern immer mehr im Netz bestellen. Bilanz nach einem halben Jahr Mönchengladbach bei eBay:

"Insgesamt wurden 2,5 Millionen Euro umgesetzt. Das entspricht hochgerechnet einem Durchschnittsumsatz von 90.000 Euro pro mitmachendem Händler."

Hochgerechnet heißt: Nach einem Jahr werde jeder mitmachende Händler im Schnitt 90.000 Euro auf eBay umgesetzt haben - Umsatz, der sonst bei Amazon und Co gelandet wäre. Wenn lokale Händler sich so aufstellen, lokal und global verkaufen, sagt Forscher Heinemann, dann hätten sie eine Chance zu überleben – und mit ihnen auch die Innenstädte. Die Infrastrukturen der US-Firmen bieten jedoch auch neue Chancen für lokale Händler, die auch nur lokal verkaufen wollen. Beispiel Prime Now, der neue Amazon Dienst, mit dem wir Echo bestellt haben und innerhalb von drei Stunden in der Hand hatten.

"Und das wird auch aufgebaut, wie sehr viele Dienste, die Amazon jetzt aufbaut, als Marktplatz."

Marcel Weiss, vom Branchenportal Exciting Commerce.

"Das heißt, dass da auch andere Unternehmen stattfinden können. Und ein Prime Now, das sehr, sehr schnell liefert, innerhalb einer halben Stunde, Stunde, zwei Stunden maximal, wird auch ein Marktplatz für lokale Unternehmen: Bäcker, Fleischereien, Nahversorgung. Und als lokales Unternehmen hat man es dann in so einem Kontext viel einfacher, weil man dann auf einem lokalen Marktplatz mit den lokalen Unternehmen konkurriert und nicht gleich als lokaler Händler, der online geht und sich dann einer Situation gegenübersieht, auf der er dann deutschlandweit konkurrenzfähig sein muss."

 "Alexa! Einkaufen."
"Möchtest Du einkaufen?"

"Ja."
"Was möchtest Du gern bestellen?"
"Bestelle mal drei Liter Vollmilch."
"Das Topsuchergebnis für Liter Vollmilch ist: Ostpaket Süßigkeiten-Box, Halloren-Kugeln classic, via Nugatstangen, Mocca Bohnenofen. Plus Ostprodukt DDR-Box als Geschenk mit Kultprodukten der DDR. Ossi-Paket, Ost-Paket für Männer, DDR-Paket, Ostprodukte Präsentkorb, Ostprodukte-Geschenk für Frau DDR-Süßigkeiten-Box, Muttertagsbox, Muttertags-Geschenk und Vatertags-Geschenk, DDR. Der Gesamtpreis für drei Einheiten ist 98 Euro und 40 Cent. Willst Du den Artikel jetzt kaufen?
"Nein."

"Ich habe auch Ossi-Paket, DDR, Süßigkeiten-Box XXL plus Geschenkverpackung mit Ostmotiven. Das Ostprodukte-Geschenk mit Marken wie Haloren, Wikana, Wieba. Für Ostalgiker ein tolles Geschenk. DDR Süßigkeiten Box, Muttertags-Geschenke und Vatertags-Geschenke gefunden. Der Gesamtpreis für drei Einheiten ist 98 Euro und 40 Cent. Willst Du den Artikel jetzt kaufen?"

Verdi will den Handels-Tarif durchsetzen

Gewerkschaften kritisieren Amazon seit Jahren: Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, hoher Krankenstand, moniert verdi. Amazon spricht von attraktiven Arbeitsplätzen und guten Löhnen, die am oberen Ende der Logistik-Branche lägen. Verdi will indes eine Bezahlung nach dem höheren Handels-Tarif durchsetzen. Die rasante Automatisierung durch Alexa und kassenlose Lebensmittelläden dürfte die Lage der einfachen Angestellten noch verschlimmern, sagt Sascha Segan vom Computermagazin "PC Mag":

"Wenn diese Technologie so entwickelt wird, wie Amazon sich das vorstellt, könnte das das Kassieren im gesamten Einzelhandel überflüssig machen. Diese Jobs werden einfach verschwinden."

Aber wenn wir alle bei Alexa oder beim Konkurrenten Google bestellen, müssen doch mehr Menschen in den Lagern arbeiten, die alles aus den Regalen holen und verpacken. Oder nicht?

"Diese Technik könnte auch die Effizienz in Amazons Lagern erhöhen, denn die Arbeiter dort, müssten Produkte, die sie aus den Regalen holen, nicht länger scannen. Die Kameras würden automatisch erkennen, welche Produkte herausgenommen werden. Das wiederum wird natürlich dazu führen, dass weniger Arbeiter gebraucht werden. Diese Technik macht den Einzelhandel potentiell viel, viel effizienter und führt zu viel weniger Beschäftigung."

"Wenn sich diese Technologie entwickelt, müssen wir als Gesellschaft Lösungen finden, was mit diesen Millionen Menschen passiert, die diese einfachen Arbeiten verrichtet haben, und die nun durch die Technologie ersetzt werden."

Doch der technologische Wandel im Einzelhandel wirft nicht nur soziale Fragen auf, auch psychologische und ökologische.

"Was wir uns angucken möchten ist, wie sich das Konsumverhalten durch online Shopping verändert. Hier gibt es bereits erste Studien, die zeigen, dass mobile Shopping, also Shoppen vom Smartphone gegenüber konventionellem Einkaufen aber auch gegenüber dem Einkaufen mit dem PC zu häufigerem Einkaufen, aber auch zu größeren Bestellmengen führt. Der Sache möchten wir auf den Grund gehen."

Digitales Einkaufen als Forschungsgegenstand

Tilman Santarius ist Soziologe, Volkswirt und Ethnologe. Er hat acht Jahre als Umweltforscher beim Wuppertal Institut gearbeitet und leitet heute ein mehrjähriges Forschungsprojekt an der TU Berlin: "Digitalisierung und Nachhaltigkeit". Acht Forscher - Soziologen, Psychologen, Umwelttechniker - wollen untersuchen, wie sich etwa der Handel, das Einkaufen im digitalen Zeitalter verändert und wie es sich so gestalten lässt, dass es nicht unseren Planeten ruiniert.

"Ein klassisches Handelsunternehmen will qua Marketing und Werbung Abverkauf fördern: Je mehr Produkte sie verkaufen, desto besser. Was wir natürlich aus Nachhaltigkeitssicht brauchen, sind erstens nachhaltig erzeugte Produkte, aber zum anderen auch: weniger Verkauf von Produkten. Denn wir haben insgesamt schon zu viel Sachen. Der durchschnittliche Deutsche besitzt 10.000 Dinge in seinem Haushalt. Das ist erstmal per se so nicht nachhaltig, auch wenn das irgendwann alles Produkte sind, die aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Sondern es geht um ein weniger, es geht um Suffizienz, um Genügsamkeit, die nicht mit dem moralischen Zeigefinger oktroyiert werden soll, sondern wo sich Menschen eben ohne Einbuße der Lebensqualität auch mit weniger genauso gut begnügen können."

Tilman Santarius und sein Team sind keine technophoben Alarmisten. Santarius weiß sehr wohl um die enormen Vorteile der Digitalisierung des Handels: Mehr Menschen haben mehr Auswahl und mehr Informationen, über das, was sie einkaufen. Dank der Digitalisierung ist es für Millionen Menschen leichter geworden nachhaltige Produkte zu kaufen. Nachhaltigkeits-Forscher Santarius sieht:

"Aber zugleich auch ein Risiko, weil wir aus der klassischen Ökonomie wissen: Immer wenn etwas produktiver wird, wenn etwas effizienter wird, und auch aus der Konsumforschung wissen wir: Immer, wenn Menschen mehr Angebote zur Verfügung haben, dann nutzen sie in der Regel auch mehr, dann fragen sie mehr nach, dann wächst die Wirtschaft. Und wie verhält sich das zueinander: Diese Effizienzchancen einerseits, aber eben auch diese Rebound-Risiken, das Risiko, dass Rebound-Effekte eintreten, sprich die Effizienz zu einer Nachfragesteigerung wieder führt und dann alles für die Katz ist."

Vivian Frick: "Die Gefahr besteht einfach darin, dass noch mehr eingekauft wird und noch wahlloser eingekauft wird, weil man gar nicht mehr reflektieren muss, brauche ich das jetzt wirklich, muss das sein? Was wäre eigentlich eine nachhaltige Alternative?"

Da kommt Vivian Frick ins Spiel. Sie ist die Sozialpsychologin im Forscherteam:

"Wir wollen ja nicht primär, dass man andere Produkte auswählt, das heißt nachhaltige Produkte, was schon sehr oft gemacht wird und auch gut funktioniert. Bei uns ist ja der Clou, dass es nicht darum geht, etwas anderes zu wählen, sondern bewusst und weniger zu wählen. Und hier gibt es noch nicht so viele Ansätze."

"Inwieweit kann die Digitalisierung ein Marketing fördern, was diese Suffizienz im Konsum fördert? Wo es also nicht mehr um Abverkauf geht, sondern um qualitativ hochwertige Produkte, um die Wahl genau der Produkte, die mich wirklich glücklich machen und nicht einfach kaufen, kaufen, kaufen und hinterher merke ich, das brauche ich gar nicht, das wurde mir durch die Werbung nur suggeriert. Da sehe ich eine Chance in der der Digitalisierung, dass Suffizienz orientiertes Marketing dadurch ermöglicht wird, weil man leichter an die Konsumenten rankommt, weil die Konsumenten mitbestimmen können wie sollen die Produkte eigentlich aussehen, die sie haben wollen: Losgröße 1, ich designe mir genau das Produkte, was ich haben will. Und vielleicht ist dann mal eine Konsumgesellschaft mit absolut weniger Konsum möglich."

Der Amazon Echo hat nicht überzeugt

Amazon Echo geht zurück, er hat die Familie nicht überzeugt: Zu schlecht ist die Spracherkennung, zu schlecht der Lautsprecher, zu gering der Nutzen, um sich ein Gerät in die Küche zu stellen, dass rund um die Uhr lauscht und alles zu Amazon überträgt. Zum Abschied noch ein Lied.

"Alexa! Spiel mal "Brown Sugar" von den Rolling Stones.
Alexa! Mach mal lauter.

Alexa! Noch lauter!"

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 11.10.2016)

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