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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.12.2012

Das stille Örtchen

Peter Handke: "Versuch über den Stillen Ort", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 109 Seiten

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Peter Handke nutzt den Stillen Ort als Ausgangspunkt für eigene Geschichten. (Stock.XCHNG - Marcos Agrelli)
Peter Handke nutzt den Stillen Ort als Ausgangspunkt für eigene Geschichten. (Stock.XCHNG - Marcos Agrelli)

Peter Handke nutzt die Toilette als biografische Konstante, als Metapher der eigenen Zurückgezogenheit. Das Klo ist Aufhänger für Geschichten, vom großväterlichen Plumpsklo bis zur japanischen Tempeltoilette. Aber auch von stillen Orten - in Kleinschreibung - ist die Rede.

Mehr als zehn Jahre nach der Trilogie der "Versuche" - über die Müdigkeit, über die Jukebox und, als letzten und schönsten, über den "geglückten Tag" - liegt von Peter Handke nun wieder ein "Versuch" vor, diesmal "über den Stillen Ort".

Der Titel klingt ein wenig nach Selbstparodie, wie ein ironisches Echo auf all die Selbstbefragungen und autobiografischen wie topografischen Erkundungen, die Handkes gesamtem Werk zugrunde liegen.

Dass sich in der genauen Betrachtung - und Beschreibung! - einzelner, manchmal sehr banaler Dinge die wesentlichen Erkenntnisse einstellen: Das ist es, was Handkes prozessuales Schreiben für seine Leser so ertragreich macht.

Der Stille Ort als erkenntnisträchtiges Objekt kommt dennoch überraschend. Der Ab-ort, vulgo: das Klosett, die Toilette, besitzt zwar einen gewissen Ruf als Ursprung des Denkens und der Klugheiten; aber bei solcherlei Plattheiten hat sich Handke noch nie erwischen lassen.

Er benutzt den Stillen Ort eher als biografische Konstante, als Metapher der eigenen Zurückgezogenheit ebenso wie als Aufhänger, um verschiedene Lebensstationen zu rekapitulieren. Das fängt beim großväterlichen Bauernhof mit seinem Plumpsklo an und reicht bis zur ruhevollen Ästhetik einer japanischen Tempeltoilette.

Auch den stillen Orten in Kleinschreibung, also ganz neutral gefasst und ohne jede anrüchige Anspielung, gehört ein Teil dieses Versuchs: den verlassenen Geländen und leeren Schuppen der Kindheit etwa, die dann allein durch die jederzeit abrufbare Erinnerung und Vorstellung zur inneren Zuflucht des Erwachsenen werden können, "von Fall zu Fall, inmitten eines Tumults (gerade im Tumult). Inmitten von dem zeitweise noch ungleich stärker geisttötenden Gerede".

Luxuriöser natürlich ist der Rückzug in die Natur, wie ihn Handke oft genug beschrieben und geradezu gefeiert hat. Das tut er auch hier und schildert seine Schreibsituation, in einer stillen ländlichen Gegend in Frankreich, ohne Menschen, Tumult und Gerede.

Dennoch: Der Stille Ort ist nicht metaphorisch zu verstehen, auch wenn die zugehörigen Geräusche und Gerüche ausgespart werden. Natürlich stellt man sie sich beim Lesen trotzdem vor, während Handke die ausgeklügelte Geometrie der Nasszelle akribisch vor Augen führt, in die Brandmuster vertieft ist, die brennende Zigaretten auf Deckeln hinterlassen haben und mit einer Hymne an den geradezu joyceanischen Einfallsreichtum endet, der sich, kaum ist der Riegel vorgeschoben, am Stillen Ort auftut.

Der gelegentliche Wunsch nach selbst gewählter Einsamkeit, nach den Momenten des "Ganz-bei-sich-Seins", ist letztlich ebenso alltäglich wie der Ort, der sich in unserem Kulturkreis naheliegenderweise dafür anbietet. Dass dies auch der traditionelle Ort zweckfreien Sinnierens ist, ist ja kein Zufall.

Besprochen von Katharina Döbler

Peter Handke: "Versuch über den Stillen Ort"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
109 Seiten, 17,95 Euro

Mehr Informationen zu Peter Handke:

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