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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.05.2016

"Berlin Alexanderplatz" am DT BerlinMit Döblin vom Himmel in die Hölle

Von André Mumot

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Deutsches Theater Berlin » Berlin Alexanderplatz« nach Alfred Döblin; Premiere: 12.05.2016; Regie und Bühne: Sebastian Hartmann; Kostüme: Adriana Braga Peretzki; Es spielen (v.l.n.r.): Katrin Wichmann; Edgar Eckert; Moritz Growe; Andreas Döhler. (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)
Katrin Wichmann (v.l.n.r.), Edgar Eckert, Moritz Growe und Andreas Döhler in "Berlin Alexanderplatz" nach Alfred Döblin am Deutschen Theater Berlin (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)

Eine mehrstündige Tour de Force am Deutschen Theater Berlin: Sebastian Hartmann hat rasant und mit viel Sex auf der Bühne Alfred Döblins Romanklassiker "Berlin Alexanderplatz" inszeniert – und stellt die anderen Adaptionsversuche der letzten Zeit in den Schatten.

Sie nehmen kein Ende, die Romanadaptionen am Deutschen Theater Berlin. Gerade freut sich das Haus darüber, mit Daniela Löffners Bearbeitung von Turgenjews "Väter und Söhne", zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen worden zu sei. Und erst in den vergangenen Wochen hatten, mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen, Inszenierungen nach Joseph Roths "Hiob" und Michel Houellebecqs "Unterwerfung" Premiere. Im Zuschauerraum ist man in solchen Fällen für gewöhnlich sehr erleichtert, wenn Schauspielerinnen und Schauspieler etwas anfangen können mit den keineswegs dramatischen Texten, und man knirscht mit den Zähnen, wenn Regisseurinnen und Regisseure sich darauf versteifen, mühsam Handlung nachzuerzählen, die nie für die Verdichtungsräume der Bühne gedacht war.

Nun schultert einer der unbequemen Großmeister einen der größten Romane: Sebastian Hartmann inszeniert Döblins "Berlin Alexanderplatz", und plötzlich sehen all die anderen Adaptionsversuche der letzten Zeit klein, ziemlich verschwitzt und banal aus. Hier, vor hellweißer Wand und einigen Neonlicht-Konstrukten erinnert das Theater daran, dass es aufregend sein könnte, wenn es nur wollte, schwierig und zugleich erhellend, betörend und krass, fleischlich und metaphysisch, gedankenschwer und so voller Leben, dass man selbst ins Schwitzen kommt, dass man einzelne Momente im eigenen Magen spürt und in den eigenen Knochen.

Vom lustvollen Suff in die tiefste Verzweiflung

Viel Sex zum Beispiel gibt es auf der Bühne, und es beginnt schon sehr früh mit einer unfassbar komischen Kopulation zwischen Biberkopf (Andreas Döhler) und seiner Schwägerin (Katrin Wichmann). Etwas später dann, da ist eben diese famos komische Katrin Wichmann bereits Biberkopfs Mieze, folgt noch so ein Akt – doch diesmal ist es eine Vergewaltigung, begangen von dem hinreißend charmant stotternden Reinold (Edgar Eckert). Beklemmend ist dieser brutale Lustmord in höchster Weise, und er bietet eine der charakteristisch rasanten und wahrhaft erstaunlichen Verschiebungen dieses Abends. Es geht vom Himmel in die Hölle, vom lustvollen Suff in die tiefste Verzweiflung, vom launigen Geplapper in die religiöse Allegorie.

Denn nicht eigentlich für die Geschichte des Biberkopfs interessiert sich Hartmann. Er adaptiert den Roman nicht als Erzählung (was klug ist, denn in dieser Hinsicht ist Döblins Buch ohnehin nicht zu schlagen), sondern sammelt sich aus der Montage-Peripherie des 1929 erschienen Meisterwerks diejenigen Aspekte, die auf die "conditio humana" in ihrer Gesamtheit abzielen. So schafft er Szenen, die den Leidenszustand der Menschheit spiegeln, verdichten, in expressionistische Schleifen hineintreiben, Hiob und Abraham ins Geschehen hineinholen und ihren stärksten Ausdruck in den Schilderungen aus dem Berliner Schlachthof finden, die Hartmann als anklagende Klammer dienen.

Von betörenden Animationsfilmen illustriert

Illustriert wird das hin und wieder von betörenden Animationsfilmen von Tilo Baumgärtel, die durch Berliner Gassenwelten, Rotlichtviertel und durchs Deutsche Theater selbst führen. Getragen aber werden die viereinhalb Stunden (inklusive zweier Pausen) vom Ensemble, das berlinert, quietscht und ächzt, das zärtlich und traurig und laut ist und Vignetten von fiebriger Intensität schafft. Nicht alles ist dabei geglückt, nicht alles fesselt das Interesse gleichermaßen in diesem waidwunden, bisweilen unzusammenhängend wirkenden Exerzitium, in dem (eine etwas zu laut bellende) Almut Zilcher als Tod persönlich zum Abschlusstanz bittet. Manches rutscht ab, verliert sich für Momente. Zugleich aber bleibt ein Abend, der Theater immer als große Kunstform begreift und nutzt, als Medium, in dem sich die letzten Dinge mit Feuer, mit Leidenschaft und Gedankenkühle gleichermaßen verhandeln lassen. Und so verlässt man den Zuschauerraum selbst wie ein geprügelter und doch sehr glücklicher Hund, mit übervollem Kopf und wild in die Welt hinausschießenden Gedanken.

 

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