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Montag, 18.12.2017

Im Gespräch | Beitrag vom 24.11.2017

Autorin Salomea Genin"Ich wollte von meinen Peinigern geliebt werden"

Moderation: Klaus Pokatzky

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Salomea Genin im Maxim-Gorki-Theater in Berlin (imago stock&people)
Salomea Genin im Maxim-Gorki-Theater in Berlin (imago stock&people)

Salomea Genin ist Autorin, Zeitzeugin und Jüdin: Als Mädchen floh sie vor den Nazis nach Australien, nach dem Krieg ging sie zurück nach Deutschland. Sie brauchte Jahrzehnte, um für sich zu begreifen, was Nazis und Judenhass mit ihr gemacht hatten.

Salomea Genin wollte aufhören, eine Jüdin zu sein und kehrte deshalb nach dem Holocaust nach Deutschland zurück.

Heute weiß sie warum: "Ich wollte von den Deutschen in den Arm genommen werden und hören, dass ich keine dreckige Jüdin bin, sondern doch ein ganz nettes, liebes Mädchen."

Jahrzehnte emotionaler und mentaler Arbeit 

Die 85-jährige Zeitzeugin und Autorin ist geborene Berlinerin, eine aus ihrer Geburtsstadt vertriebene Jüdin, eine frühere Kommunistin, Australierin und Deutsche. Ihre unterschiedlichen Identitäten zu integrieren hat Genin Jahrzehnte emotionaler und mentaler Arbeit gekostet. Eine Arbeit, an der sie beinahe zu Grunde gegangen wäre.

Hätte sie nicht zwei Bücher über ihr Leben geschrieben, wäre sie längst gestorben, sagt Salomea Genin heute. 

1932 in Berlin geboren, wuchs Genin in einer Atmosphäre des Hasses auf Juden auf:

"Ich spürte den Judenhass dauernd. Ich war am 9. November 1938 dabei, als ein Nachbar bei uns klingelte und sagte, dass wir ja nicht auf die Straße gehen sollen, denn sie hätten 300 Juden in der Synagoge in der Oranienburger Straße eingepfercht und würden sie jetzt anzünden. Gott sei Dank stellte sich später heraus, dass das ein Gerücht war. Aber all das führte dazu, dass natürlich die Angst ganz stark war. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich am nächsten Morgen zwischen meiner Mutter und meiner großen Schwester Renia zwischen den Glasscherben getippelt bin, und halb Berlin war auf den Beinen, um sich die Folgen der Reichskristallnacht, wie man sie damals nannte, anzugucken. All das habe ich als Kind mitgekriegt, und diese Angst hat mich traumatisiert und hatte schlimme Folgen."

Flucht nach Melbourne

Im Mai 1939 konnte Salomea dann gemeinsam mit ihrer Schwester Renia und ihrer Mutter ins australische Melbourne auswandern.

Mit 17 Jahren trat Salomea Genin in Australien in die kommunistische Partei ein, die für sie zum Ersatz für ihre dysfunktionale Familie wurde. Im August 1944 wurde sie zum ersten Mal eingeladen, an einem Abend des kommunistischen Jugendverbandes teilzunehmen. Dort hielt die Generalsekretärin Audrey Blake einen Vortrag und sprach darüber, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland ausgelöst worden war und die Deutschen die Juden "zum Prügelknaben" gemacht hatten.

"Als ich das hörte, wusste ich zum ersten Mal, warum wir Deutschland verlassen mussten. Und warum wir vor allen Dingen verfolgt wurden - für nichts und wieder nichts."

Die DDR wollte sie nicht aufnehmen

Mit 22 Jahren kehrte sie zurück nach Deutschland, um Bürgerin der DDR zu werden, die sie allerdings mehrere Jahre lang nicht aufnehmen wollte. Und erst sehr viel später verstand Genin dann, was Nazis und Krieg mit ihr gemacht hatten:

"Ich habe Jahrzehnte später begriffen, dass ich ein Stockholm-Syndrom hatte. Das heißt, ich wollte von meinen Peinigern geliebt werden. Ich wollte aufhören, mich so zu fühlen, dass ich eine dreckige Jüdin wäre. So hatte man mir das beigebracht als Kleinkind."

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