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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.10.2014

Ausstellung in WienUpdate des Kolonialwarenladens

Der "Post Colonial Flagship Store" im MuseumsQuartier thematisiert heutige koloniale Strukturen

Von Anna Soucek

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Passanten in der Mariahilfer Straße in Wien, der größten Einkaufsmeile Österreichs (dpa / picture alliance / EPA/GEORG HOCHMUTH)
Die Mariahilfer Straße in Wien, die größte Einkaufsmeile Österreichs und Standort der Ausstellung (dpa / picture alliance / EPA/GEORG HOCHMUTH)

Das Handy aus China, das Hemd aus Bangladesch, die Schuhe aus Marokko: mögliche Ausbeute eines zeitgemäßen Einkaufsbummels. Konsumenten sind die Kolonialherren und damit Ausbeuter von heute, behaupten die Macher des Ausstellungsprojekts "Post Colonial Flagship Store" in Wien. Einkaufen kann man dort auch - aber eher keine Schnäppchen.

Als Warenhaus der postkolonialen Welt präsentiert sich der "Post Colonial Flagship Store" im Freiraum in Wien. Zusammengestellt wurde er von den beiden Berliner Künstlern Georg Klein und Sven Kalden.

Kalden: "Flagship Store ist natürlich ein Update des Kolonialwarenladens. So wie ein Kolonialwarenladen in der Vergangenheit funktioniert hat - mit exotischen Produkten aus der ganzen Welt, abgepackt in kleinen Proportionen für die Bevölkerung, wo man seinen Kaffee, seinen Kakao herkriegt -, das hat sich popularisiert, ist für uns nichts Besonderes mehr, ist allgegenwärtig. Das heißt nicht, dass sich an den Produktionsbedingungen, wenn man an Kakaoproduktion denkt, wenn man an Kaffee denkt, … Das ist stark geblieben, es gibt immer noch diese Ausbeutungsstrukturen",

… sagt Sven Kalden, der hier lieber als Geschäftsführer des Post Colonial Flagship Store genannt werden möchte, denn als Ausstellungskurator.

Ausbeutung in anderen Erdteilen

Klein: "Es geht nicht mehr um diesen politischen territorialen Kolonialismus, sondern darum, wie Strategien und Methoden, die in dieser Zeit, auch vor 500 Jahren schon, entwickelt wurden - der ganze Kapitalismus hat sich im Zusammenspiel mit dem Kolonialismus entwickelt -, wie die sich weiterziehen. Es gibt formal die Unabhängigkeit, aber wirtschaftlich und damit auch sehr stark oft politisch, ist es dann doch wieder eine sehr sehr starke Abhängigkeit."

Und diese Abhängigkeit, so Georg Klein, betreffe nicht nur die ehemaligen Kolonien und Kolonialmächte – im Grunde baut unser aller Wohlhaben auf der Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften in anderen Erdteilen auf.

"Es geht nicht nur um die, die da in diesen Ländern vielleicht sitzen und ehemals Kolonialstaaten waren, sondern es geht ganz gezielt auch um uns. Und deswegen findet es auch hier statt."

Der wirtschaftliche Austausch ist allen Kunstprojekten gemein – das betrifft den Handel in großem Rahmen, etwa mit Rohstoffen wie Palmöl in Indonesien oder mit Drogen in Mexiko und den USA Patenschaften. Oder aber mit Dienstleistungen: Die Künstlerin Gudrun Widlok hat eine Agentur für Patenschaften eingerichtet. Allerdings übernehmen hier nicht europäische Familien die Patenschaft für afrikanische Kinder, sondern Europäer werden zur Betreuung in afrikanische Großfamilien vermittelt. Gudrun Widlok:

"Es war anfangs gar nicht geplant, dass es je real werden würde, aber die Teilnehmer oder die Besucher von Ausstellungen, die sehr interessiert waren, und später auch Familien in Ghana und Burkina Faso, haben die Realisierung mehr oder weniger erzwungen. Hier wird der Film 'Adopted' gezeigt, ein Dokumentarfilm über das Projekt und die ersten drei Personen, die nach Ghana gehen und in die Familien ziehen."

Amulette mit Kondomen

Der senegalesische Künstler Mansour Ciss Kanakassy hat eine afrikanische Einheitswährung gegründet: Der "Afro" ist, als Gegenstück zum "Euro", eine krisensicheres Zahlungsmittel, so der Künstler, und er repräsentiert die Utopie eines emanzipierten und – im Sinne des Panafrikanismus – geeinten Afrika. Im "Post Colonial Flagship Store" in Wien hat er einen Gemischtwarenladen installiert, in dem auch mit dem Euro gezahlt werden kann. Seine Produkte enthalten Anspielungen auf die Kolonialgeschichte afrikanischer Länder und auf den ökonomischen Neokolonialismus, der nicht nur von Europa ausgeht. Neben Kleidungsstücken, Düften, Bildern und Schmuck gibt es hier Amulette, die Kondome enthalten.

Mansour: "Die Afrikaner haben ihre Amulette, um sich zu schützen gegen Krankheit oder irgendwas. Ich biete hier die modernsten Amulette an, das ist mein Angebot."

Zum Angebot von Mansour Ciss Kanakassy gehört auch der Global Pass, ein weltweit gültiger Reisepass, der kein Ablaufdatum hat und keine nationale Zugehörigkeit aufweist. Die im "Post Colonial Flagship Store" feilgebotenen Objekte sind tatsächlich käuflich erwerblich. Allerdings eher zu Galerie-Preisen - nach Schnäppchen muss man sich andernorts umsehen.

 

Die Ausstellung "PCFS - Post Colonial Flagship Store" findet bis zum 23.11.2014 statt im "freiraum quartier21 INTERNATIONAL", MuseumsQuartier, 1070 Wien.

Weitere Informationen auf der Webseite des freiraum quartier21

 

Mehr zum Thema:

Lektüre-Tipp
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 24.11.2013)

Geraubtes Land
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 16.09.2012)

Eine neue Form des Kolonialismus
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 11.08.2011)

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