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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 17.07.2017

100. Geburtstag: Margarete MitscherlichBis heute ein Vorbild für Frauen

Von Christina Mundlos

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Margarete Mitscherlich (picture alliance / dpa)
Margarete Mitscherlich (picture alliance / dpa)

Margarete Mitscherlich war nicht nur die Grande Dame der Psychoanalyse in Nachkriegsdeutschland. Früh kritisierte die feministische Freidenkerin auch das idealisierte Mutterbild in Deutschland. Und ist damit heute noch ein Vorbild, meint die Soziologin Christina Mundlos.

Kaum ein Interview, in dem Margarete Mitscherlich nicht auch auf ihre Mutterrolle an­ge­sprochen worden wäre. Sie hatte ihren Sohn als Klein­kind für einige Jahre in Dänemark bei ihren Eltern untergebracht, um selbst in Stuttgart ihre Ausbildung als Fachärztin anzutreten. Das war Anfang der 50er Jahre. Mitscherlich galt als Rabenmutter und wurde heftig kritisiert. Jahre später hat sie das Mutterbild in Deutschland als überfrachtet mit viel zu ho­hen Ansprüchen beschrieben. Ihr Credo war: Ist die Mutter glücklich, so ist es auch das Kind. Die ausschließliche Bezogenheit des Kindes auf die Mutter und die zu star­ke Abhängigkeit des Kindes von seiner Mutter hat Mitscherlich sogar als schädliche Idealisierung bezeichnet.

Und heute? Berufstätige Mütter fallen immer noch auf. Erst vor einigen Monaten nahm ich mit der rheinland-pfälzischen Frau­en-­Ministerin Anne Spiegel an einer Podiums­dis­kus­sion teil. Wir wurden dort beide gefragt, wo denn unsere Kinder gerade wären.

Eine Mutter, die nicht rund um die Uhr bei ihren Kindern ist - ist das eigentlich unser Ernst, dass eine unabhängige, berufstätige Mutter für uns noch immer so unge­wöhn­lich, exotisch und verboten anders ist, dass wir ihre Art der Mutterrolle permanent thematisieren und viel zu oft auch kritisieren müssen?

Eine idealisierte Mutterrolle schadet Müttern und Kindern

Natürlich kann es für Kinder nicht gut sein, wenn man ihnen vorlebt, es wäre wün­schenswert, dass ein Mensch sich völlig aufopfert, um für einen anderen nonstop abrufbereit zu sein. Aber diese Idealisierung ist nicht nur schädlich für die Kinder – sie ist auch schädlich für die Mütter. Eigene Bedürfnisse, ein eigenes Leben, fin­an­zielle Unabhängigkeit und die Berufstätigkeit sollten für Mütter normal sein, so wie dies in anderen Ländern bereits der Fall sei – schwärmte auch Mitscherlich. Für sie gab es damals gar keine Möglichkeit, Ausbildung und Mutterrolle parallel wahrzunehmen, – es mangelte an institutioneller Kinderbetreuung. Und daher führte ihre Entscheidung, für einige Jahre so weit entfernt von ihrem Sohn zu leben, zu persönlichem Schmerz: Denn sie liebte ihren Sohn und vermisste ihn deshalb.

Das ruft bei anderen Irritationen hervor. Wie kann eine Frau ihr Kind lieben und sich dafür entscheiden in ein anderes Land zu ziehen? Doch es geht beides: sein Kind lieben und sein Leben leben. Bei Vätern erleben wir diese Gleichzeitigkeit von Liebe und Autonomie permanent und empfinden sie als etwas völlig Normales. Nur einer Mut­ter wird unterstellt, sie könne ihr Kind nicht lieben, wenn sie sich nicht selbst dafür aufgibt. Kann ein Mensch, der sich selbst aufgibt, überhaupt jemanden lieben? Auch sich selbst?

Mitscherlich ist noch heute ein Vorbild

Über 60 Jahre nachdem Mitscherlich es gewagt hat, die gesellschaftlich vorgeschriebene Mut­ter­rolle abzulehnen, braucht es immer noch Mut und ein dickes Fell, den gesell­schaftlichen Vorgaben zu trotzen und die Kritik und Vorurteile auszuhalten.

Ist Mitscherlich also ein Vorbild für Mütter, die im Jahr 2017, keinen Kuchen für die Kita-Feier backen, die für ihr Kind die Ganztagsbetreuung buchen und die ohne schlechtes Gewissen eine Woche auf Dienstreise fahren? Dass Mitscherlich als Mutter ihrer eigenen Stimme folgte, ist etwas, das ich bewundere. Mitscherlich nahm sich selber ernst, sie machte sich nicht klein, sie gab sich nicht auf. Sie hatte ihren eigenen Kopf und folgte als Freidenkerin nicht vorgegebenen Pfaden, sondern bahnte sich ihren eigenen Weg. Wir brauchen Mütter wie sie, die sich das Denken nicht verbieten lassen und das Leben ganz nach ihrer Fasson gestalten – jenseits überholter und einengender Rollenvorgaben.

Christina Mundlos ist Autorin und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Langenhagen. Die 35-Jährige studierte Soziologie, Germanistik und Geschlechterforschung an der Uni Kassel. Dort leitete sie bereits als Studentin das Frauenreferat und die Frauenhochschulwoche. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete sie von 2009 bis 2014 im Gleichstellungsbüro der Uni Hannover, setzte dort das Gleichstellungskonzept mit um, leitete das Familienservicebüro und konzipierte das Dual Career Netzwerk der Initiative Wissenschaft Hannover. Parallel veröffentlichte die zweifache Mutter seit 2010 Sachbücher zu Geschlechter- und Mütterthemen. Zuletzt erregte sie mit ihren Büchern zur Gewalt unter der Geburt und zum Regretting Motherhood auch bundesweit mediales Aufsehen. 2017 erschienen von ihr "Mütter unerwünscht" und "Dann mache ich es halt allein".

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