Zwiegespräche mit fiktivem Widerpart

Sven Regener hat sich einen Gesprächspartner ausgedacht. In seinem Blog tritt er mit ihm in einen Dialog. © Deutschlandradio - Bettina Straub
20.06.2011
Sven Regener ist unter die Blogger gegangen und legt jetzt mit "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner" ein genauso unterhaltsames wie literarisches Blogbuch vor.
Kaum hat Sven Regener seine ersten Blogeinträge geschrieben, bekommt er schon einen Anruf aus Hamburg, von seinem Freund Hamburg-Heiner. Der beschwert sich, in den Einträgen seien nicht genug Sex und Drugs und Rock'n'Roll drin. Regener findet das nicht, und es entspinnt sich ein Dialog darüber, ob der Ku' damm die Mönckebergstraße von Berlin ist oder die Mönckebergstraße die Wilmersdorfer Straße von Hamburg. Nachdem beide das geklärt haben, legen sie auf, wohl wissend, dass dies nicht ihr letztes Telefonat war. Hamburg-Heiner wird Regener in den nächsten Jahren immer wieder anrufen und seine Blogs kommentieren, er provoziert ihn, er ruft ihn zur Raison, er warnt ihn vor dummen Witzen.

Regener ist froh, dass es Hamburg-Heiner gibt, denn ohne ihn wäre die ganze Bloggerei nur der halbe Spaß. Um nicht zu sagen: Sie würde überhaupt keinen Sinn machen. Denn schon beim ersten der zahlreichen Blogs, die Sven Regener auf Anfrage diverser Medien wie dem "Spiegel", der "taz" oder dem österreichischen "Standard" für deren Onlineportale schrieb, sei für ihn, wie er in einem Interview zugegeben hat, "nach zwei, drei Tagen die Luft rausgewesen. Und ich fragte mich: Was soll ich denn jetzt wieder schreiben?"

Also ließ Regener sich die Figur des Hamburg-Heiner einfallen, und mit diesem Sparringspartner setzte er seine Blogs in ihr eigenes fiktives Recht. Nun sind diese Blogs von Regener als Buch erschienen unter dem Titel "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner". Wer als Fan von Regeners "Herr-Lehmann-Trilogie" oder seiner Band Element Of Crime glaubt, endlich einmal Tratsch und Klatsch aus der Feder seines prominenten Helden geliefert zu bekommen, wird leider enttäuscht.

Nicht zuletzt durch seinen fiktiven Widerpart Hamburg-Heiner gelingt es Regener, dieses Blogbuch zu einer eigenen Kunstform zu machen. Zu einem Buch, in dem humorvoll und manchmal auch scharfsinnig Alltags- und Medienbeobachtungen gemacht werden, das aber ganz ohne für diese Form von Büchern obligaten Boshaftigkeiten auskommt.

Zudem nimmt Regener sich sympathischerweise nicht wichtig genug, um täglich das politische oder gesellschaftliche Geschehen zu kommentieren und Meinungen über Dinge abzusondern, von denen er wenig versteht. Viel lieber feilt er an seinen Dialogen mit Hamburg-Heiner, die mitunter an die herrlichen Dialoge aus den Lehmann-Büchern erinnern, ringt er mit seinen Formulierungen, und wenn manchmal auch viel Quark und Nonsense dabei ist, wie es zum Bloggen nun einmal dazu gehört, soll das wenigstens literarisch stilsicher sein.

Und wenn Hamburg-Heiner mit einem Anruf auf sich warten lässt, wenn wie Regener schreibt, "noch nie unter so heiklen Umständen gebloggt wurde", müssen eben erst einmal ein paar Fotos reichen: verwackelte Polaroid-Aufnahmen, die über das ganze Buch verstreut und in ihrer Sinnfreiheit und Lustigkeit schön anzuschauen sind. Nach der Lektüre von Regeners Buch fragt man sich am Ende zwar: Was habe ich jetzt eigentlich über 400 Seiten gelesen? Um was ging es eigentlich? Ganz sicher jedoch weiß man, dass man sich 400 Seiten lang hervorragend unterhalten hat.

Besprochen von Gerrit Bartels
Sven Regener: Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher
Galiani Verlag, Berlin 2011
420 Seiten, 19,95 Euro
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